Ergebnisse der Tagung „Verlegen als künstlerisches Projekt?“ Düsseldorfer Erklärung unabhängiger Verlage: Ein Preis für Independents

Am vergangenen Montag und Dienstag trafen sich 63 Independent-Verlegerinnen und Verleger aus Deutschland, Österreich und der Schweiz auf Einladung der Kunststiftung NRW zu einer Arbeitstagung unter dem Motto „Verlegen als künstlerisches Projekt?“ in Düsseldorf. Über die Ergebnisse informierten einige Beteiligte heute in einem Pressegespräch: Formuliert wurde die Düsseldorfer Erklärung unabhängiger Verlage, in der u.a. vorgeschlagen wird, künftig – analog zum Deutschen Buchhandlungspreis – auch einen Preis für unabhängige Verlage zu vergeben.

Aufbruchstimmung: Axel von Ernst, Viola Eckelt, Dr. Ursula Sinnreich, Britta Jürgs, Dr. Fritz Behrens

Als Schwerpunkte der Tagung wurden die Themenfelder „Independents und Öffentlichkeit“, „Strukturwandel und Globalisierung“, „Interessenvertretung und Vernetzung“ sowie „Selbstverständnis und Perspektiven“ behandelt, fasste Britta Jürgs, Aviva-Verlegerin und Vorstandsvorsitzende der Kurt Wolff-Stiftung zusammen. Die Frage, ob und wie unabhängige Verlage in Zukunft gefördert werden können, habe eine besondere Rolle gespielt.

Doch zunächst einmal hätte man sich gefragt, mit welchem Recht unabhängige Verlage gefördert werden sollten, berichtete Axel von Ernst, Verleger des Lilienfeld Verlags. Andere Verlage würden schließlich auch Bücher machen. „Hinter unseren Verlagen stecken immer Persönlichkeiten“, gab er zur Antwort – sie würden anders arbeiten als verlegerische Geschäftsführer, die gar nicht mehr alle Bücher ihrer Programme kennen könnten. Die daraus resultierende Vielfalt des Angebots unabhängiger Verlage sei aber in Gefahr, wenn es vielen – nicht zuletzt nach dem BGH-Urteil zu den VG Wort-Beteiligungen – immer schlechter gehe. Zudem das Urteil und die Reaktionen darauf gezeigt hätten, dass das Bewusstsein für die Leistungen von Verlagen in der Gesellschaft kaum vorhanden sei.

„Was fehlt, ist eine Stimme für die unabhängigen Verlage“, erklärte Dr. Ursula Sinnreich, Generalsekretärin der Kunststiftung NRW, die ihre Ziele bereits im Sonntagsgespräch mit buchmarkt.de veranschaulicht hatte. Das dauerhafte Bestehen vieler Independents sei substanziell gefährdet, wodurch sich die Kunststiftung veranlasst sah, den vor einem Jahr in kleinem Kreis aufgenommenen Dialog mit unabhängigen Verlagen fortzusetzen und deren Bedürfnis auf einer breiteren Basis zu erschließen.

Ein Verlagsförderungsmodell, wie es beispielsweise in Österreich seit vielen Jahren etabliert ist, sei nach heutiger Rechtslage so jedoch nicht mehr zu verwirklichen, gab Viola Eckelt, Verlegerin des Lilienfeld Verlags, zu Bedenken. Daher wurde der Vorschlag eines Preises für unabhängige Verlage, deren Jahres-Umsatz unter 3 Mio. Euro liegen soll, formuliert. Dr. Fritz Behrens, Präsident der Kunststiftung NRW, unterstrich die Bedeutung eines Papiers wie der Düsseldorfer Erklärung. Um in den Dialog mit der Politik zu treten, bedürfe es klar formulierter Vorschläge.

Wie ein Preis für unabhängige Verlage oder auch eine Sichtbarkeitskampagne für unabhängige Verlage konkret aussehen könnte, darüber gilt es nun zu diskutieren. Alle Beteiligten des Pressegesprächs am heutigen Vormittag betonten, dass am Ende der Tagung eine deutliche Aufbruchstimmung wahrnehmbar gewesen sei. „Die Düsseldorfer Erklärung ist keine heiße Luft“, sagte Axel von Ernst, „wir wollen die Liste unserer Wünsche jetzt konkret angehen.“

Eine erste Veranstaltung der Sichtbarkeitskampagne ist für die Leipziger Buchmesse geplant: Am Messedonnerstag, 15. März um 14 Uhr im Congress Center Mehrzweckfläche 4 gibt es eine Podiumsdiskussion zum Thema „Reden wir über Geld! Förderung unabhängiger Verlage“. Angekündigt sind Isabel Pfeiffer-Poensgen (Ministerin für Kultur und Wissenschaft NRW), Daniel Beskos (Mairisch Verlag), Anna Jung (Verlag Jung & Jung), Dani Landolf (GF Schweizer Buchhänder- und Verlegerverband) und Michael Naumann (Gründungsdirektor Barenboim-Said-Akademie).

Hier die Düsseldorfer Erklärung im Wortlaut:

DÜSSELDORFER ERKLÄRUNG UNABHÄNGIGER VERLAGE

Präambel
Literatur ist ein förderungswürdiges Kulturgut.

Digitalisierung, Monopolisierungen und der Ausschluss unabhängiger Verlage aus dem Sortiment vieler Buchhandlungen führen dazu, dass die Vielfalt der Verlags- und Literaturszene bedroht ist. Durch die starken Veränderungen im Medienkonsum geht auch die junge Generation zunehmend dem Buch verloren. Hinzu kommt das BGH-Urteil zur VG Wort, das den Wegfall der Ausschüttungen auslöste und zu Rückzahlungsverpflichtungen an die Verwertungsgesellschaften führte.

Die unabhängigen Verlage gewährleisten die künstlerische und thematische Vielfalt unserer kulturellen Landschaft zur Stärkung der Weltoffenheit, Demokratie und Vielheit unserer Gesellschaft.

Wir wollen eine generationen- und schichtenübergreifende Kultur- und Bildungsinitiative anstoßen. Und wir wollen mit unserem verlegerischen Engagement Lesekompetenz und Leselust dieser und kommender Generationen stärken.

Was die unabhängigen Verlage auszeichnet:

  • Sie verstehen ihr verlegerisches Tun als künstlerische Leistung.
  • Sie entdecken und fördern Autorinnen und Autoren.
  • Sie entwickeln neue literarische Formen, auch in der Lyrik.
  • Sie bewahren das kulturelle Gedächtnis und das literarische Erbe.
  • Sie ermöglichen den Austausch mit anderen Kulturen und Sprachen und vermitteln Litera- tur auch aus sogenannten „kleinen“ Sprachen.
  • Sie initiieren gesellschaftliche Debatten.
  • Sie stellen sich der digitalen Herausforderung.
  • Sie sind innovativ und entdeckungsfreudig.
  • Sie sind in der Regel inhabergeführt und arbeiten auf eigenes Risiko.

    Die unabhängigen Verlage haben die folgenden Vorschläge erarbeitet und möchten sie in die politische Diskussion einbringen:
    Sie schlagen vor:
    Die Einrichtung eines Preises für unabhängige Verlage analog zum Deutschen Buchhandlungspreis.
    Preiswürdig sind Verlage, die folgende Kriterien erfüllen:
  • Sie sind konzernunabhängig und inhabergeführt.
  • Sie realisieren ein kontinuierliches Verlagsprogramm.
  • Sie zeigen ein erkennbares verlegerisches Profil.
  • Sie verfügen über ein sorgfältiges Lektorat.
  • Sie bieten eine hochwertige Buchausstattung.
  • Sie nutzen professionelle Vertriebswege im analogen und digitalen Bereich.
  • Sie verbürgen sich für eine angemessene Honorierung von Mitarbeiterinnen, Autorinnen und Übersetzerinnen.
Der Preis soll ausschließlich an Verlage vergeben werden, deren Jahresumsatz drei Millionen Euro nicht übersteigt.

In der Schweiz und Österreich existiert eine solche Förderung bereits, auch in den skandinavischen Ländern, Großbritannien, Irland und in Frankreich gibt es Förderungen für unabhängige Verlage.

Außerdem wurden die folgenden Vorschläge erarbeitet:

  • eine Sichtbarkeitskampagne für unabhängige Verlage
  • die Sicherung der Bibliodiversität als Grundlage für eine funktionierende demokratische Gesellschaft
  • den Aufbau einer ‚Bundeszentrale für literarische Bildung‘
  • die Installierung eines unabhängigen digitalen Systems als Plattform, um die kulturelle Vielfalt zu erhalten und eine demokratische Wissens- und Informationsgesellschaft zu fördern
  • die Anerkennung von eBooks als Kulturgut
  • die Einrichtung von Austauschforen
  • den Aufbau von Beratungsangeboten und Mentoringprogrammen.Düsseldorf, den 6.2.2018

Kommentare (1)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.