Auszeichnungen „Die Wahrheit ist zumutbar“ – Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises in München

Wie üblich montagabends wurde am 21. November im Audimax der Münchner Universität der diesjährige Geschwister-Scholl-Preis verliehen – an die französische Journalistin Garance Le Caisne für ihr Buch Codename Caesar – Im Herzen der syrischen Todesmaschinerie (C.H. Beck).

Michael Then, Vorsitzender des Börsenvereins Bayern, eröffnete den Abend mit den Worten von Ingeborg Bachmann „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“. Die Lektüre dieses Buches sei kein Vergnügen, und auch Münchens Kulturreferent Dr. Hans-Georg Küppers, der in Vertretung des Münchner OB sprach, bekannte, er sei dabei „an die Grenze der psychischen Belastbarkeit“ gekommen. Er stellte sich hinter den Aufruf der Autorin an die internationale Staatengemeinschaft, endlich zu handeln.

Als Militärpolizist war es Caesars Aufgabe gewesen, täglich die in den Kellern der syrischen Geheimdienste gefolterten und ermordeten Menschen zu fotografieren – bis er unter Lebensgefahr die 50.000 Fotos nach außen schmuggelte, auf denen 6.800 Ermordete erschütternd genau dokumentiert sind. Als durch Experten bewiesen war, dass die Fotos mit den akribisch festgehaltenen Einschusslöchern und Folterspuren echt waren, war der Aufschrei laut, aber sehr kurz.

Das brachte Garance Le Caisne dazu, nach Syrien zu reisen und Kontakt zu dem längst unter dem Decknamen Caesar versteckt lebenden Menschen aufzunehmen und seine Geschichte aufzuschreiben. Caesar (der inzwischen mit neuer Identität irgendwo in Europa lebt) ist ein einfacher Mann, der nicht als Widerständler geboren wurde und wie viele sein Brot verdienen musste – bis er das Grauen nicht mehr mitansehen konnte.

Garance Le Caisne
Garance Le Caisne

Beim vorhergehenden Pressegespräch hatte Garance Le Caisne auf die Frage eines Journalisten, ob denn nicht nach einer Absetzung von Assad in Syrien das Chaos ausbreche, geantwortet: „Das Chaos herrscht doch schon jetzt.“ Ihr gehe es darum, Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu dokumentieren, damit die Verbrecher eines Tages ihrer Strafe zugeführt werden können. Im Weltsicherheitsrat haben Russland und China eine Resolution blockiert, die Mächtigen der Welt bombardieren mit oder schweigen.

Christoph Reuter, SPIEGEL-Redakteur, stellte in seiner Laudatio klar, dass es hier nicht um irgendeine Reportage geht, schon gar nicht um eine journalistische Sensation, sondern um die Dokumentation von Verbrechen des syrischen Assad-Regimes, wie man es seit den Nürnberger Prozessen nicht gesehen hat. Es ist mit den von Caesar kopierten Fotos bewiesen, dass dieses System mit seinen fünfzehn Geheimdiensten vollkommen willkürlich seine eigenen Bürger umbringt. Die akribische Dokumentation der Opfer hat das Regime selbst vornehmen lassen; den brutalen Schergen war die interne Dokumentation wichtiger als die Vertuschung nach außen. Der letzte Satz von Reuter war: „Es geht weiter, einfach weiter.“

Garance Le Caisne baute in ihre kurze Dankesrede wie ein Mantra immer wieder den Satz ein: „Und die Welt hat sich nicht gerührt.“

Nach solchen Reden kann man Zweifel empfinden, ob das übliche Ritual angemessen ist, angeregt plaudernd in eben jenem Lichthof der Universität Häppchen und Drinks einzunehmen, in den die Geschwister Scholl ihre Flugblätter warfen. Michael Then hatte in seiner Ansprache ihr viertes Flugblatt zitiert: „Wer hat die Toten gezählt, Hitler oder Goebbels – wohl keiner von beiden. Täglich fallen in Russland Tausende. … Wir schweigen nicht.“ Insofern entspricht dieser Preis vollkommen dem Geist der Geschwister Scholl.

Aber die Häppchen bleiben einem im Mund stecken, wenn man sich bewusst wird, was Christoph Reuter zum Krieg in Syrien sagte: „Es geht weiter, einfach weiter.“

Ulrich Störiko-Blume

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