Die Krimibestenliste im März hier zum Ausdrucken: Auf Platz 1 Denis Johnson

An der Spitze der Krimibestenliste März 2017 von FAS und Deutschlandradio Kultur finden Sie neu auf Platz 1: Die lachenden Ungeheuer von Denis Johnson.

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Der 1949 in München als Sohn eines amerikanischen Soldaten geborene Denis Johnson ist kein Schreibtisch-Phantast, er kennt die Szenerie. Die lachenden Ungeheuer ist sein erster Afrika-Roman.
Aber in seinen Reportagen In der Hölle (2006) hat er einige der finstersten Ecken des gebeutelten Kontinents bereits erforscht: Unter Kindersoldaten, bei „Schlächter Charles Taylor“ und am Hofe Idi Amins fühlte er sich „als verwirrter Mann“ und als „der Idiot, der mit Zettel und Stiftdurch die Gegend läuft, und es gibt nichts, nichts, nichts anderes, was ich tun kann. Die Leute glauben, diese Tränen wären Schweiß.“
Geheimdienste kennt er auch, sie spielen zentral eine Rolle in seinem (Anti-) Vietnamkriegsroman Ein gerader Rauch. Und sein Vater war Verbindungsoffizier zwischen zwei amerikanischen Geheimdiensten.
Ob die Ereignisse von 9/11 wirklich eine Zäsur bilden? Roland Nair, deliranter Geheimdienstler, Geheimdienstverräter und Ich-Erzähler der lachenden Ungeheuer denkt es. Aber was überhaupt Wirklichkeit ist in dieser Albtraumreise, in der es keinen Menschen mehr gibt, der irgendeine Moral sein eigen nennt, bleibt trotz aller Details über Netzwerke, die Nair verscherbeln will, und sorgfältig ausgemalter Details rätselhaft. Nair, sein Ex-Kumpel Akribo, eine ehemaliger Kindersoldat und jetziger US-Deserteur, und dessen Braut Davidia sind Protagonisten einer Anything-goes-Mentalität. Ihre Tränen – und es gibt viel in diesem Roman, worüber man heulen könnte – sind Folgen des Suffs oder der Enttäuschung darüber, dass ihre infantilen Sehnsüchte (Millionär werden duch den Verkauf erfundener Uran-Minen) nicht wahr werden. „Die Realität ist keine Tatsache.“

Auch die traditionelle Vorstellung, Spionageromane wären Texte, die die unaussprechbare Wahrheit über das Treiben der Geheimen Dienste durch Fiktion erkennbar machten, kann man nach der Lektüre dieses Buches getrost ad acta legen..

Die lachenden Ungeheuer ist ein Roman wie ein Malariafiebertraum oder wie ein Protokoll aus einem Rausch, in dem die Dinge scheinbar klarer werden als im nüchternen Zustand.“ (Peter Körte, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung)
Ein Gespräch mit Tobias Gohlis im Deutschlandradio Kultur vom 3.3.17 können Sie nachhören unter Deutschlandradiokultur/denis-johnson-die-lachenden-ungeheuer -von-voodoo-terror-und.2150.de.html?dram:article_id=380368

Neu auf der Krimibestenliste März sind weitere fünf Titel. Insgesamt sind es diesmal 2 schottische und je 1 amerikanischer, 1 französischer, 1 deutscher, 1 argentinischer.  Mit zusammen 1927 Seiten. Neu sind außer Die lachenden Ungeheuer:
Auf Platz 3: Sein blutiges Projekt von Graeme Macrae Burnet
Als Sein blutiges Projekt 2016 auf die Shortlist für den Man Booker Prize gelangte, schossen seine Verkaufszahlen im Vereinigten Königreich durch die Decke. 120.000 Exemplare sind dort inzwischen verkauft, obwohl das Buch alles andere ist als ein schlicht rechts-links gestrickter Krimi. Das Verrät schon der englische Titel. Der 1967 in Kilmarnock geborene Burnet veranstaltet in seinem zweiten Roman (der erste, The Disappearance of Adèle Bedeau, erhielt 2013 eine Auszeichnung als gelungenes Debüt) ein wahres Texttheater der Fiktionen. Alle den Roman bildenden Dokumente sind erfunden, inklusive der Gerichts- und medizinischen Gutachten und des Lebensberichts, den der junge Dreifachmörder Roderick Macrae, angeblich ein entfernter Verwandter de Autors, in der Untersuchungshaft 1869 verfasst hat. Das Erstaunliche: Was wie ein postmodernes Diskurs-Panoptikum scheint, entpuppt sich als fesselnde, vielstimmige Erzählung von Elend, Unterdrückung und Fatalismus an der schottischen Westküste, fokussiert auf die Frage: Wie kam es dazu, dass ein siebzehnjähriger Pächterjunge eine Freundin, einen kleinen jungen und deren tyrannischen Vater erschlägt? Im Zentrum steht Roddys erschütternder Leidensbericht, ergänzt um die Meinungen und Urteile, die versuchen, mit ihren, durchaus fortschrittlichen Mitteln zu begriefen versuchen, was geschehen ist. Der quasi-dokumentarische Roman über einen fiktiven, aber präzise eingeordneten historischen Mord wird zur Erzählung über das Skandalon des Mordens überhaupt.
„Die Frage wird gestellt werden: Ist Sein blutiges Projekt überhaupt ein Kriminalroman? Mit allem Nachdruck: ja! Burnet zeigt, was im Genre jenseits öder Serienkillermetzelei, Provinzkrimibräsigkeit und Schwedenallerlei möglich ist.“ (Marcus Müntefering, Spigel online)

 

Auf Platz 4: Der Block von Jerôme Leroy
Zumindest mit Blick auf die anstehenden Präsidentschaftswahlen in Frankreich ist Jerôme Leroys Der Block der politische Kriminalroman der Stunde. Der 1964 in Rouen geborene Leroy konfrontiert den Leser mit der Gedankenwelt zweier Rechtsradikaler: Antoine Maynard ist Intellektueller mit berserkerhaften Gewaltausbrüchen, Ehemann und Berater von Bloc-Chefin Agnès, seit Jahren und vielen gemeinsamen Schlägereien befreundet mit Stéphane Stankowiak, einem Ex-Skin, der es zum Sicherheitschef des Bloc gebracht hat. In der Nacht, in der die Führer des Blocks mit der Regierungspartei über eine gemeinsame Regierungsbildung verhandeln, brennen die Vororte. Stanko ist auf der Flucht: Sein Kopf ist der Preis für die Regierungsbeteiligung. Leroy fesselt, indem er die Leser an den Selbstgesprächen der beiden Freunde, von denen der eine bald Minister, der andere bald tot sein wird, teilnehmen lässt.
„Leroy erzählt die Geschichte der extremen Rechten auch als eine Geschichte der Kontinuität, vor allem aber als eine Geschichte der Gewalt, der körperlichen und der intellektuellen.“ (Thekla Dannenberg, Perlentaucher)

Auf Platz 7: Illegal von Max Annas
Mit Illegal  wechselt Max Annas, den man zurecht als Shooting Star der deutschsprachigen Kriminalliteratur bezeichnen kann (Je ein Deutscher Krimipreis für Die Farm – 2015 – und Die Mauer – 2017) den Schauplatz. Seit zehn Jahren lebt Kodjo Awusi, gebürtig aus Ghana, mit gekauftem togolesischem Pass in Berlin.
Auch er erlebt die Grundszene aus Cornell Woolrichs/Alfred Hitchcocks Fenster zum Hof: Er wird Zeuge, wie im Haus gegenüber eine Prostituierte von einem Freier in sadistischer Raserei ermordet wird. Doch seine Fessel ist kein Gipsbein. Kodjo ist Gefangener seiner Situation als illegaler Schwarzer, sein Fenster gehört zu einer Dachwohnung in einem Abrisshaus, in dem er vorübergehend untergeschlüpft ist. Beim tollpatschigen Versuch, der vielleicht nur schwer Verletzten zu Hilfe zu kommen, wird er von einer Hausbewohnerin identifiziert – und begegnet dem Mörder. Da die Polizei nur allzu bald mit einem Neger-Phantombild nach einem Schwarzen sucht, muss er – klassisch – den richtigen Mörder finden und stellen, noch ohne zu wissen, was er dann tun kann. Der (weiße) Mörder hat jedoch ein Sicherheitsunternehmen zur Hand, so dass ab dem Augenblick, zu dem Kodjo ihn jagen könnte, gleichzeitig Kodjo der Gejagte ist. Der ganze zweite Teil des knappen Romans ist die Darstellung einer Hetzjagd: Kodjo versucht, vor Polizei und mörderischen Schlägern zu fliehen, um den wahren Mörder zu stellen. Der Reiz des Romans entsteht aus der Perspektive: Nur wenige Autoren (in der Kriminalliteratur ansatzweise Merle Kröger in Grenzfall) haben Berlin so konsequent aus der Sicht eines Illegalen auf der Flucht beschrieben. Die Hauptstadt als Falle, aber auch als Höhlensystem, in dem die Illegalen und ihre Freunde ein eigenes gefährdetes Habitat der Papierlosen schaffen.

Auf Platz 9: Moorbruch von Peter May
Im dritten Band der auf den Äußeren Hebriden spielenden Lewis-Trilogie von Peter May (*1951 in Glasgow) bietet das Wiederauftauchen eines seit 17 Jahren verschollenen Kleinflugzeugs Anlass, um in ausführlichen Rückblenden die wechselvolle Geschichte der Celtic-Rock-Band Amaran zu erzählen. Im Mittelpunkt stehen der pensionierte Polizist, Erzähler und Ermittler Fin Mcleod, der berserkerhafte und geniale Whistler, Roddy, der Star der Band und eine dämonisch-kalte Sängerin, die aller Männer Herzen höher schlagen lässt.
„Übertrüge man den Roman auf ein Organigramm der handelnden Insulaner, sähe es aus wie ein Schnittmusterbogen – jeder mit jedem, und dabei möglichst viel verdrängen und vertuschen. Zum Krimi werden diese Coming-of-Age-Memoiren erst auf den letzten achtzig Seiten, als Fin ein Licht aufgeht: Der Tote im Flugzeugwrack ist gar nicht Roddy.“ (Hannes Hintermeier, Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Auf Platz 10: Mysterium von Federico Axat
Es beginnt grandios: In dem Augenblick, in dem Ted McKay sich eine Kugel in den Kopf jagen will, klingelt der Beauftragte einer Mordorganisation und überredet ihn, lieber einen Bösewicht umzubringen, der der Justiz entgangen ist, als sich selbst.Der spanische Titel La última salida betont den letzten Ausweg, der englische Kill the Next One das Reihenmotiv, der etwas ungückliche deutsche Mysterium die Unduchschaubarkeit des Ganzen. Der 1975 in Buenos Aires geborene Federico Axat greift in diesem psychologischen Thriller (doch, er hat den Namen verdient) das alte heiße Thema von Identität und Wahn auf, und zwar raffiniert, oft von Seite zu Seite überraschend, aber letztlich doch ein wenig introvertiert. Gelinde gesagt: Das, was Ted McKay passiert, geschieht häufiger in Büchern als in der von ihnen imaginierten Realität. Ein Weltbestseller.

Unsere Dauerchampions: Zum dritten Mal steht Tana French mit Gefrorener Schrei auf der Krimibestenliste.

Die Krimibestenliste März  wird am 5.3.2017 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung veröffentlicht, und ist online nachzulesen unter www.faz.net/krimibestenliste
und www.deutschlandradiokultur.de/krimibestenliste.
Unter diesen Webadressen finden Sie immer die aktuelle Krimibestenliste. Eine druckfähige Version der Liste finden Sie hier zum Download.

 

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