Die Krimibestenliste im August hier zum Ausdrucken: Auf Platz 1 Zoë Beck

An der Spitze der Krimibestenliste August 2017 von FAS und Deutschlandradio Kultur finden Sie neu auf Platz 1: Die Lieferantin von Zoë Beck.

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Die Lieferantin von Zoë Beck (Platz 9 im Juli)

Von einer riskanten und politischen Form der Unbotmäßigkeit erzählt Zoë Beck. Die Lieferantin hat ihren Bruder an gepanschtem Stoff verloren und deshalb einen Handel mit sauberen Drogen aufgezogen. Das passt weder den alteingesessenen Gangsterbanden, noch der konservativen Regierung, die einen Druxit, das totale Drogenverbot, durchsetzen will zur Disziplinierung der Bevölkerung im Rahmen eines nationalistischen Herrschaftssystems. Zoë Beck entwirft ein düsteres Zukunftsbild Großbritanniens: rotweißblaue Rassistenbanden terrorisieren Schwarze und Frauen, Überwachung und Kontrolle sind allgegenwärtig. Beck entfaltet nüchtern und konzentriert die Konfliktebenen – im Zentrum steht der Kampf einer Gangsterfamilie gegen die freiheitliche Lieferantin und die Bewegung zur Freigabe von Drogen.

„Die Lieferantin ist ein bissig-gesellschaftskritischer Genreroman ohne Zeigefinger; intelligent konstruiert und angenehm nüchtern geschrieben; die Geschichte glänzt mit einer Vielzahl an spannenden Charakteren, deren Wege sich auf geschickt inszenierte Weise überraschend kreuzen.“ (Ulrich Noller, WDR)

„Alles, was in der Lieferantin geschieht, könnte morgen geschehen. Zoë Becks Roman ist eine Nahzukunftserfahrung.“ (Elmar Krekeler, DIE WELT)

„Die Lieferantin ist ein packender und souverän erzählter Großstadtthriller. Das Beste ist allerdings das Setting: Das Bild, das Zoë Beck von England im Jahr x nach dem Ausstieg aus der EU zeichnet, ist keine düstere Dystopie, sondern basiert auf ziemlich realistischen Annahmen.“ (Kolja Mensing, Deutschlandfunk Kultur)

Neu auf der Krimibestenliste sind insgesamt sechs Titel.

Diesmal sind es je

1 französischer,

1 amerikanischer,

2 deutsche,

1 schottischer und

1 italienischer.

Zwei Autorinnen, vier Autoren.

Mit zusammen 2198 Seiten.

Neu sind:

Auf Platz 2: Die Treibjagd von Antonin Varenne (original 2015: Battues)

Der 1973 geborene Antonin Varenne hat Philosophie studiert und sich in Nord- und Mittelamerika umgetan, jetzt wohnt er im Departement Creuse und schreibt aufregende Kriminalromane. Die sieben Leben des Arthur Bowman standen 2015 drei Monate auf der Krimibestenliste. Auf diesen transkontinentalen Western folgt mit Die Treibjagd der regionale. „R.“, eine sterbende Kreisstadt, wird beherrscht von zwei Familien, die seit langem alle anderen unterdrücken und deren Land rauben. Immer noch resistent, aber fast schon untergegangen: die Parrots. Ihr jüngster, Rémi, ist durch einen Arbeitsunfall verkrüppelt, als Revierjäger recht unabhängig. Michèle, eine Tochter der Reichen, ist nach Drogen und Knast zurückgekehrt – die beiden sind die Außenseiter, die die Mächtigen unterwerfen wollen.

„Gekämpft wird um Land und Macht, der Konflikt ist Generationen alt, die Söhne sind aus schlechterem und böserem Holz als die Väter, Außenseiter müssen vertrieben werden.Modernisierungsverlierer schlagen zurück. Dieser Western spielt im Frankreich von heute, die Globalisierung macht auch die Mächtigen in der Provinz fertig, die kochenden Ressentiments sind höchst aktuell. Eine raue und einprägsam geschilderte Landschaft – sie liegt im Departement Creuse, in dem Varenne heute lebt – bestehend aus Höhlen und schwer durchdringlichen Wäldern, grundiert das quasi Naturhafte der Gewalt, mit der die Konflikte ausgetragen werden.“ (Tobias Gohlis, DLF Kultur)

Auf Platz 3: Fay von Larry Brown (original 2000: Fay)

Als Larry Brown 2004 starb, dankten die Musiker unter seinen Fans ihm mit einem eigenen Album ihm gewidmeter Stücke. Autor und Lektor Tom Bouman ( Auf der Jagd Krimibestenliste 06/07-2017) führt ihn auf seiner Liste der wichtigsten Rural-Noir-Autoren auf Platz sechs, und doch ist Fay das deutschsprachige Debüt dieses großen amerikanischen Autors, der wie Faulkner und Tom Franklin in Oxford/Mississippi lebte, hat alle seine Romane und Kurzgeschichten um diesen Ort angesiedelt. In Fay geht es um den Versuch einer 17-Jährigen, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf einer White-Trash-Existenz zu ziehen. Auf der Flucht aus der Elternhütte muss sie sich mit Männern herumschlagen, denen sie auf den Leim gegangen ist. Sie wehrt sich so gut sie kann, gegen den durch Geographie, Kultur und Herkunft vorherbestimmten Untergang.

„Mit zwei Dollar im ausgefransten BH will eine 17-Jährige ans Meer. Am Straßenrand lauern Vergewaltiger und potenzielle Ehemänner. Larry Browns Fay ist ein romangewordener Countrysong – und eine große Entdeckung.“ (Marcus Müntefering, Spiegel online)

Auf Platz 5: Beton Rouge von Simone Buchholz

Mit der tollkühnen Anspielung auf die nördlich von New Orleans gelegene Hauptstadt Louisianas Baton Rouge im Titel verabschiedet sich Simone Buchholz (* 1972, im September erhält sie den Radio-Bremen-Krimipreis) in ihrem siebten Kriminalroman um Staatsanwältin Chastity Riley ein wenig aus dem heimischen Kiez Sankt Pauli.

Zwar liegt ein Mädchen überfahren auf einer namenlosen Straße im Einzugsbereich der Davidswache, doch schon das Verlagshaus „Mohn & Wolf“, hinter dem man wohl Gruner & Jahr vermuten kann, liegt nicht mehr in Hamburgs bekanntestem Stadtteil. Vor diesem Verlag liegt geschunden und beengt in einem kleinen Raubtierkäfig ein nackter Mohn&Wolf-Manager. Es ist der Personalchef, der – realitätsnah – verantwortlich für üble Stellenstreichungen zeichnet. Doch die Ermittlungen der eingerichteten SoKo führen raus aus Hamburg, in die Vergangenheit dreier Männer, die die Schule, ihre Opfer, den Vorstandssessel im Verlag und eben auch den Käfig teilen. Der gewohnt brillanten Schreibe (Tolle Sprüche! Poetische Sprache) von Simone Buchholz ist diesmal deutliche Melancholie untermischt, trotz einer gewissen persönlichen Aufbruchstimmung der Heldin am Ende.

Da Beton Rouge am 7.8. erscheint, gibt es noch keine Rezensionen aus der Jury.

Auf Platz 8: Das Verschwinden der Adèle Bedeau von Graeme Macrae Burnet (original 2014: The disappearance of Adèle Bedeau)

Sogar die Datenerfassung der Deutschen Nationalbibliothek hat sich ein bisschen täuschen lassen und verzeichnet als Verfasser des Buches Das Verschwinden der Adèle Bedeau einen gewissen „Raymond Brunet“. Ganz, wie es der wahre Autor wollte, der sich mit diesem leicht zu entschlüsselnden Anagramm als Übersetzer eines französischen Romans ausgibt, zu dem er selbst nur das Nachwort beisteuert. Der 1967 geborene Graeme Macrae Burnet zeigt sich in seinem Debütroman als mit allen literarischen Wassern gewaschen. Es sind allerdings nicht die postmodernen, wie man bei diesem Verwirrspiel um die Autorenidentität annehmen könnte, sondern die traditionell modernen britischer Autoren wie Laurence Sterne oder James Hogg, derer Burnet sich kunstvoll bedient.

Wie dem auch sei, in dem Kleinstadtroman um das Verschwinden der Kellnerin Adèle geht es sehr Simenon-mäßig (Simenon ist eines der großen Vorbilder Burnets) um das Porträt dieser Kleinstadt, gespiegelt in ihren spießigen Honoratioren und vor allem im Außenseiter Manfred Baumann, einem Spanner und Zwangsneurotiker von geradezu fundamentaler Mittelmäßigkeit, den Burnet jedoch zu einer ebenso faszinierenden wie zwiespältigen Hauptfigur macht. Wie Sein blutiges Projekt (Krimibestenliste 03/04-2017), mit dem Burnet hierzulande bekannt wurde, handelt Das Verschwinden der Adèle Bedeau auf subtile Weise von den Verquickungen von Schuld und Unschuld, Strafe und Gerechtigkeit, ohne jemals an Spannung zu verlieren.

Auf Platz 9: Der Nebelmann von Donato Carrisi (original 2015: La ragaza nella nebbia)

Donato Carrisi ist ein typischer italienischer Krimiautor: Jurist, Journalist, Drehbuch- und Theaterautor, Fernsehmann usw., Jahrgang 1973, lebt in Rom.

Der Nebelmann war in Italien ein Bestseller. Verständlich bei der Thematik: Mord, Verschwunde Mädchen, Medien. Zunächst ist es nur die 16-jährige Anna Lou, um deren spurloses Verschwinden ein Riesen-Bohei veranstaltet wird, vor allem, nachdem Sonderermittler Vogel mit einem Pulk Medien in das kleine, durch Mineralfunde reich gewordene fiktive Avechot gekommen ist. Avechot liegt irgendwo in den italienischen Alpen. Vor 30 Jahren sind hier bereits sechs andere Mädchen verschwunden, was die Aktionen des Starermittlers nicht plausibler macht. Ihm geht es um Erfolg, und den erzielt man in den Medien und der durch sie manipulierten Öffentlichkeit, nicht durch akribische Suche nach gerichtsfesten Tatsachen.

Carrisis Roman ist eine ebenso nüchterne wie atmosphärisch verdichtete (die alpinen Täler!) Abrechnung mit der Kumpanei zwischen Medien und Polizei, mit einem sensationalistischen Verständnis von Verbrechen als Event. Dem er dann aber mit einer ebenso sensationalistischen Auflösung nicht wirklich den Stachel zieht.

Auf Platz 10: Lazare und der tote Mann am Strand von Robert Hültner

2013 erschien der letzte Band der historischen Serie um den bayrischen Inspektor Kajetan von Robert Hültner. Die Geschichte eines aufrechten Polizisten war mit Am Ende des Tages an einem Endpunkt angelangt: Die Weimarer Republik steuerte 1929 in den Untergang. Sechs Romane umfasste die Serie, drei Titel wurden mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet.

Jetzt ist Hültner wieder da, mit einem neuen Kommissar, Narciso Lazare, an neuem Ort: Montpellier, wo Lazare Chefermittler in der regionalen Kripo ist. Augenscheinlich der starke Beginn einer neuen Serie.

„Erstes Qualitätsmerkmal des neuen Hültner-Krimis ist, dass in ihm nicht gekocht wird. Auch allzu idyllische Beschreibungen der französischen Fremde sucht man umsonst. (..) Die Leichen sind vielfältig und liegen gleichzeitig in Hafenbecken wie auf Bergen herum. Einfach ein tolles, eindrückliches Buch! (…) Wäre Robert Hültner eine Landschaft, wäre er ein einsames, bewaldetes Gebirge inmitten einer verkarsteten Gegend, die entstanden ist, weil all die Wälder unter ihm für belanglose Provinz- und Exotikkrimis abgeholzt wurden …Der Rezensent empfiehlt uneingeschränkt und auch für den Italien-Urlaub den bajuwarisch-französischen Krimi Lazare und der tote Mann am Strand von Robert Hültner.“ (Andreas Ammer, BR)

Unsere Dauerchampions: Zum dritten Mal steht Monika Geier mit Alles so hell da vorn auf der Krimibestenliste.

Die Krimibestenliste August wird am Sonntag, den 6.8.2017 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gedruckt veröffentlicht, und ist online wiederzufinden unter www.deutschlandfunkkultur.de/krimibestenliste.

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