Lesung von Peter Graf und Thomas Sarbacher in Neuss „Der Reisende“ füllt Café Flair

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Buchhändlerin Dorothea Gravemann ist eine schnell entschlossene Frau: Als ihr vor nicht einmal zwei Wochen von Verlagsvertreter Benedikt Geulen zu einer Veranstaltung mit dem Verleger Peter Graf und dem Schauspieler Thomas Sarbacher riet – beide sind derzeit mit dem Roman Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz (Klett-Cotta) auf Lesereise – griff sie kurz entschlossen zu. Die gestrige gemeinsame Veranstaltung des Bücherhauses am Münster in Neuss und der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit im Café Flair gab ihr recht: Es mussten sogar noch Stühle hereingestellt werden…

Graf (Walde + Graf, Verlag Das Kulturelle Gedächtnis) berichtete, wie es zum Sensationsfund des bisher nur in Großbritannien (1939), den USA (1940) und 1945 in Frankreich erschienenen Romans kam. Der unglaubliche Erfolg des von ihm wiederentdeckten Autors Ernst Haffner (BlutsbrüderMetrolit) hatte die in Israel lebende Nichte von Boschwitz ermuntert, mit ihm Kontakt aufzunehmen und ihn auf einen Autor hinzuweisen, den seinerzeit Heinrich Böll zur Veröffentlichung empfahl – ohne Erfolg; der Reisende ist nun das erste auf Deutsch veröffentlichte Buch des jüdischen deutschen Autors Boschwitz, und es ist verdientermaßen zum Bestseller geworden: Klett-Cotta hat die 6. Auflage ausgeliefert und Lizenzen in alle Welt verkauft.

Was kein Wunder ist, denn man hat kaum einen mehr unter die Haut gehenden literarischen Text über die Judenverfolgung in Nazi-Deutschland gelesen – der 1915 geborene Autor war bei der Niederschrift, die in zehn Wochen erfolgte – 23 Jahre alt: Otto Silbermann, jüdischer Kaufmann, muss nach der „Kristallnacht“ erleben, wie ihm systematisch die Grundlagen der Existenz entzogen werden. Ein ehemaliger Geschäftsfreund will ihm sofort das Haus abluchsen und drückt im Gespräch den Preis immer weiter; Sarbacher ließ bei der Lesung dieser Szene den Zuhörern das Blut in den Ader gerinnen. Aber: Schlimmer geht immer: Auch Silbermanns Kompagnon, Freund aus den Tagen des I. Weltkriegs, wittert arische Morgenluft und bootet seinen Chef auf eine Art und Weise aus, von der man nicht glauben kann, dass Menschen zu so etwas fähig sind. Da es Silbermann nicht gelingt, ins Ausland zu entkommen, reist er mit der Bahn seinem ungewissen (oder doch gewissen?) Schicksal entgegen.

Dem Autor, der einen weiteren Roman bei Bonnier veröffentlicht hat (auf der wird bei Klett-Cotta erscheinen) ist es gelungen, Deutschland zu verlassen. In England freilich wurde er als „feindlicher Ausländer“ interniert und nach Australien verfrachtet. Das Schiff, mit dem er 1942 ins Königreich zurückkehren wollte, wurde versenkt, mit ihm Boschwitz und das Manuskript seines neuen Romans. Als hätte er sein Schicksal vorausgeahnt, schrieb er im letzten Brief an die Mutter, dass er den Anfang des Reisenden gründlich überarbeitet habe – ein Mithäftling habe das Manuskript an sich genommen; seither ist es verschollen. Aber dieser Brief hat Graf ermuntert, mit Zustimmung der Boschwitz-Erben noch einmal Hand anzulegen und das Typoscript (das im Frankfurter Exilarchiv aufbewahrt wird) zu lektorieren.

uf

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