Veranstaltungen Clemens Meyer wird 45. Stadtschreiber von Bergen-Enkheim

Gestern Abend fand eine besondere Ammes-Schneider-Lesung statt. Tochter Adrienne Schneider hatte anlässlich des 100. Geburtstags der vor elf Jahren verstorbenen Ammes (Annemarie) Schneider zusammen mit der Kulturgesellschaft Bergen-Enkheim in den großen Garten ihres Elternhauses eingeladen.

„So etwas gab es noch nie – obwohl hier schon viel gefeiert wurde“, begrüßte Adrienne Schneider die vielen Gäste. Sie bedankte sich bei den Helfern Julia und Petra Scheschonka, bei Cornelia Grebe, Mitgeschäftsführerin der Kulturgesellschaft, bei der Buchhändlerin Anna Doepfner, beim Grillmeister Ulrich Sonnenschein und bei der Feuerwehr für die Bereitstellung der Apfelweintische und -bänke.

Ein weiteres Jubiläum war zu begehen: Nach 40 Jahren Begleitung der Stadtschreiber und nach 23 Jahren Mitgliedschaft in der  Stadtschreiber-Jury als Bürgerjurorin schied Monika Steinkopf aus diesem Gremium aus. Viel gab es aus dieser Zeit zu erzählen, Steinkopf wusste noch, wie alles begann: „Ich telefonierte im Frühsommer 1978 mit Franz Joseph Schneider, 1974 Initiator des Stadtschreiberpreises. Er lud mich gleich für den nächsten Tag ein. Die Stadtschreibernamen wurden immer sehr geheim gehalten, Schneider sagte nur: ‚The star is born.’ Der Stadtschreiber 1978/79 war Nicolas Born.“ 1978 richtete Steinkopf ihre Berger Bücherstube ein, die sie 36 Jahre lang führte. „Der Festredner bei Borns Amtsübernahme war Martin Walser. Er sagte damals, er würde sich nicht mit der Teilung Deutschlands abfinden. Das klang in jenen Jahren sehr seltsam.“ Die langjährige Buchhändlerin erinnerte sich auch an den Riesenkerbel im Schneiderschen Vorgarten. Franz Joseph Schneider mochte ihn, den Nachbarn war er verhasst, weil er überall seine Samen hinterließ und so viele weitere Riesenkerbel hervorbrachte, die störten. Zum 25. Stadtschreiberjubiläum und zum 20-jährigen Bestehen der Buchhandlung 1998 überreichte Jörg Steiner zum Abschluss seines Stadtschreiberjahres Monika Steinkopf einen besonderen Text für ihre Stadtschreiber von Bergen – Poetischen Blätter.  Robert Gernhardt lieferte die Zeichnung dazu – den Riesenkerbel mit fröhlichen und ärgerlichen Leuten darunter und einem lustigen Musikanten im Geäst. „Der Riesenkerbel kam von meiner Tante, er hielt uns lange auf Trab“, ergänzte Adrienne Schneider.

Auch das Stadtschreiberhaus An der Oberpforte 4 hätte viel zu erzählen. Uwe Timm, Stadtschreiber 2002/03, rechnete zum Abschluss seiner Amtszeit aus, dass das Stadtschreiberhaus wandere und jährlich wohl zwei Zentimeter den Abhang hinabrutsche, also in etwa 4340 Jahren den Hang hinabstürzen werde. Bis dahin könne der jeweilige Stadtschreiber allerdings „die wunderbare Aussicht über das weite Tal“ genießen.

„Danke für diese Erinnerungen, meine Mutter hätte nun gesagt …“ „Thema durch“, komplettierte Monika Steinkopf. Jurymitglied Charlotte Brombach dankte Steinkopf mit einem Blumenstrauß und bemerkte: „Wenn Ammes Schneider die Seele der Stadtschreiber war, so ist Monika Steinkopf ihr Gedächtnis.“

Brombach las anschließend aus den Reden im Festzelt und stellte ihr Medley unter die Überschrift Über den Sinn des Erinnerns. Sie zitierte Nicolas Born, Marianne Leuzinger-Bohleber, Peter Härtling, Roger Willemsen, Galsan Tschinag, Katja Langen-Müller und Wolfgang Hilbig.

„Es gibt noch ein Jubiläum: Heute ist der zehnte Todestag von Peter Rühmkorf. Er war 1976/77 Stadtschreiber“, sagte Adrienne Schneider. Aus diesem Grund las sie aus TABU I, den Tagebüchern 1989 bis 1991, und verwies auf das Gedicht Hochseil, ein Geschenk Rühmkorfs an die Schneiders.

Juror Ulrich Sonnenschein wechselte vom Grill an den Stehtisch und las eine Passage von Josef Winkler aus dem Buch Friedhof der bitteren Orangen. Winkler, Stadtschreiber 1994/95, war gerne in Bergen und wäre wohl sogar dort geblieben. Sein Sohn wurde im Stadtschreiberhaus geboren.

Die Ortsvorsteherin von Frankfurt Bergen-Enkheim, Renate Müller-Friese, las zum Abschluss der Veranstaltung einige Seiten aus einem Buch des künftigen Stadtschreibers. Die Geschichte spielt in Leipzig. Dann verkündete sie: „Der 45. Stadtschreiber heißt Clemens Meyer. Ich habe aus seinem jüngsten Buch Die stillen Trabanten gelesen.“ In der Begründung der Jury heißt es: „Clemens Meyer … wuchs im Arbeiterviertel Leipzig-Ost auf. Er gehört zu den prägenden Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur. Er schreibt Geschichten, Romane aus unserer Zeit, so zerrissen wie unser Leben, so düster wie die Welt, so schön wie die schönsten Hoffnungen. Ihn interessiert nach eigener Aussage das Stille, das Verborgene, und gleichzeitig die Ästhetik von Gewalt, die Eruptionen, Emotionen, das Dunkle. Der Mensch, so banal dass klingt, als Spielball des Schicksals, der Liebe, der Gesellschaft, und sein Aufbegehren, seine Suche nach etwas wie Glück, die Einsamkeit, das Scheitern. Das poetisch umzusetzen ist eine Herausforderung. Dabei ist er äußerst unterhaltsam.“

Der Preis wird am Freitag, 31. August, traditionell im Festzelt auf dem Berger Markt feierlich übergeben. Mit einer Rede wird sich dann der bisherige Amtsinhaber Thomas Melle verabschieden, er konnte aufgrund anderer Termine leider nicht an der Ammes-Schneider-Lesung teilnehmen, sei aber, wie Adrienne Schneider versicherte, oft und gerne in Bergen.

JF

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