Veranstaltungen Clemens Meyer hält Antrittslesung als Stadtschreiber von Bergen-Enkheim

Gestern Abend hielt der 45. Stadtschreiber von Bergen-Enkheim, Clemens Meyer, in der voll besetzten Nikolauskapelle von Bergen-Enkheim seine Antrittslesung. Eigentlich sollte Adrienne Schneider die Veranstaltung moderieren, musste jedoch krankheitsbedingt absagen. Peter Ließmann, Mit-Geschäftsführer der Kulturgesellschaft Bergen-Enkheim, begrüßte als Veranstalter die Gäste.

Meyer, mit einem 24 Jahre alten Opel Vectra in fünfeinhalb Stunden von Leipzig in den Frankfurter Stadtteil gekommen, wie er berichtete, dachte zunächst laut nach, ob eine Fahrt mit dem Zug nicht bequemer gewesen wäre.

Dann erzählte er von seinem ersten Buch Als wir träumten, 2006 bei S. Fischer erschienen. Meyer habe 1999 mit dem Buch begonnen und zwei Jahre für acht Seiten unter der Überschrift Kinderspiele gebraucht, die er anschließend vorlas. Es ist eine Erinnerung an die Jahre nach der Wende, trunkene Jahre, nicht nur vom Bier der Leipziger Premium-Brauerei, ein „blonder Flaschengeist“. Alles wurde ausprobiert, von Kleinkriminalität, Widerstand gegen die Polizei bis hin zu filmreifen Autojagden. Es geht um Gejagte, Verurteilte, Eingebuchtete im Knast und in der psychiatrischen Klinik. „Irgendetwas legte den Hebel auf Gewitter im Kopf“, las Meyer. Das Buch wurde verfilmt. Als ein Handy im Saal klingelte, lieferte Meyer einen passenden Exkurs dazu; er selbst sammle alte Handys.

Trotz aller Widrigkeiten und aller Ungewissheit hatten die Jugendlichen in den Nachwendejahren jede Menge Spaß: „Es war eine verrückte Zeit.“ Die Geschichte spannt einen Bogen von 1984 bis 1995. „Alle scheiterten“, sagte Meyer, „es geht um Liebe, Freundschaft, Verrat und die Jugend.“

Als 2006 der erste Roman von Clemens Meyer auf der Leipziger Buchmesse präsentiert wurde, sei der Autor stolz gewesen. Aber über die Jahre des Schreibens habe es viele Zweifel gegeben. „Und dann ist das Buch plötzlich weg. Schon komisch.“

Zwar hatte Meyer den fulminanten Roman Im Stein 2008 bereits im Kopf, aber zunächst erschienen Kurzgeschichten unter dem Titel Die Nacht, die Lichter, die mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurden. Daraus folgte die nächste Geschichte unter der Ankündigung: „Ja, man kann’s lesen, als hätte es jemand anders geschrieben. Oder doch vielleicht genau so.“

Als zwei Bücher später 2013 Im Stein erschien und auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis landete, hatte Meyer damit einen Roman mit vielen Stimmen vorgelegt. Er begann, den Klappentext zu lesen, verwarf das aber gleich wieder: „Diese Klappentexte. Es ist mir regelrecht unangenehm.“

Er schreibe gerade an einem Opern-Libretto, denn Im Stein werde im Frühjahr 2019 in Halle an der Saale auf die Bühne gebracht.

Dann las er aus dem Roman einen Ausschnitt aus dem Kapitel Gesichter, zitierte vorab noch seinen Schriftstellerkollegen Sten Nadolny: „Ein Roman darf auch mal 50 Seiten langweilen, aber dann muss er wieder anziehen.“ Langweilig wurde es nicht, als Meyer vom „Vermieterkönig“, so nannte ihn die Zeitung, die das Stichwort zum Roman lieferte, las. AK, die Figur, befindet sich auf einem Friedhof, geht dort spazieren, macht sich Gedanken. Und auf einem Nebenschauplatz wird der Boden mit Sprengstoff gelockert. „Ja, ja, eine alte Methode, die kommt immer wieder vor“, sagte Meyer. Nach der Lesung stellte der Autor fest: „Das Buch hat mich viel Lebenszeit gekostet. 2013 war ich froh, dass der Roman fertig und weg war und habe meinen Schreibtisch zerhackt. Jetzt habe ich einen schönen neuen Eichenschreibtisch, da würde man eine Motorsäge brauchen, um ihn zu zerteilen. Eine Motorsäge habe ich inzwischen, aber der Schreibtisch bleibt.“

„Wie endet eigentlich das Kapitel?“ Meyer blätterte. „Ich suche den letzten Absatz. Aha, nicht schlecht“, meinte er und las ein paar Sätze, in denen Drohnen kreisen. „Drohnen kamen da gerade auf“, bemerkte der Autor.

„Zum Schluss dieser kleinen Abendandacht lese ich noch etwas aus meinem letzten Buch Die stillen Trabanten“, sagte Meyer, schweifte nochmals ab: „Ich bin die ganze Zeit mit offenem Kofferraum gefahren, der Henkel der Tasche war draußen. Wäre die Tasche herausgefallen, wäre mein Laptop weg. Nicht so schlimm, ich habe alles nochmal auf einem Stick. Aber meine drei Pfeifen! Das hätte mir echt leid getan.“

Clemens Meyer schlug das Buch mit den neun Kurzgeschichten auf, blickte über das Publikum hinweg und sagte: „Literatur ist vielleicht der einzige Ort, wo ich sicher bin.“

Am Donnerstag muss der Autor zurück nach Leipzig. Um 20 Uhr ist er im Rahmen des 22. Leipziger Literarischen Herbstes mit seinen Übersetzerinnen Roberta Gado und Katy Derbyshire im UT Connewitz verabredet, einem der einzigen noch erhaltenen ältesten Lichtspieltheater Deutschlands.

Vorher allerdings verspricht er dem Publikum: „Mindestens einmal im Monat will ich eine Woche nach Bergen kommen und an meinem neuen Roman arbeiten.“

Der Abend war noch nicht ganz zu Ende; der 45. Stadtschreiber signierte Bücher, die am Stand von Bergen erlesen bei Anna Döpfner und Kathrin Diederichs zu erwerben waren.

JF

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