Thieme-Modell zieht Kreise – Stellungnahme von Lehmanns Fachbuchhandlung zu den erwarteten Auswirkungen

Das Thieme-Modell sorgt weiter für Aufregung in der Fachbuch-Branche. Heute erreicht uns eine Stellungnahme von Lehmanns Fachbuchhandlung, einem der Big Player im medizinischen Fachbuchhandel (Inhaber ist der Deutsche Ärzte Verlag) mit einem geschätzten Umsatzvolumen von 35 Millionen Euro im Jahr. Rolf Hamman, Leiter Marketing und Öffentlichkeitsarbeit bei Lehmanns, führt darin die aus seiner Sicht wesentlichen negativen Auswirkungen des Modells für das Sortiment auf. Im folgenden die Stellungnahme im Wortlaut:

Stellungnahme der Lehmanns Fachbuchhandlung GmbH zum
neuen Konditionenmodell von Thieme

Schlechter Inhalt – gute Verpackung
Das neue Konditionenmodell von Thieme bringt dem Buchhandel sehr viele Nachteile.

Wie man eine jahrzehntelange gute, und für beide Seiten positive Zusammenarbeit, innerhalb kürzester Zeit zunichte macht, zeigt momentan der Stuttgarter Thieme Verlag. Es begann gut in einem ersten Gespräch: Wie können wir gemeinsam im medizinischen Fachbuchmarkt noch mehr erreichen? Welche kreativen Ansätze gibt es, um mehr Absatz und Umsatz zu erzielen? Über all diesen Fragestellungen steht, so wurde uns gesagt, das Ziel einer win-win-Situation, was nichts anderes heißt als: Insgesamt haben sowohl der Buchhändler als auch der Verlag mehr als vorher.
Von dieser Ankündigung ist nichts übriggeblieben. Mit den neuen Lieferbedingungen der Thieme Verlagsgruppe, die zum 1.April 2002 wirksam wurden, ist deutlich geworden, dass es nur einen Gewinner gibt: den Thieme Verlag.

Was bedeuten die neuen Konditionen im Einzelnen und welche mittel- und langfristigen Auswirkungen sind zu erwarten?

Das neue Modell führt insgesamt zu einer Verschlechterung für alle Geschäftsbereiche des medizinischen Fachbuchhandels: für das Sortiment, das Kongressgeschäft und für den Reise- und Versandbuchhandel. Dies trifft in erster Linie alle Buchhändler, die sich in der Vergangenheit besonders für die Thieme-Produktion engagiert haben.

Eine paradoxe Situation: Je mehr sich ein Buchhändler bislang für die Titel von Thieme eingesetzt hat und damit einen hohen Thieme-Anteil in seinen Verkäufen erzielte, desto größer ist nun der Verlust durch das neue Konditionenmodell.

Dies kennzeichnet den gesamten Ansatz des Modells, bei dem bisherige Aktivitäten für die Produktion der Thieme Verlagsgruppe bestraft und nicht gefördert werden.

Als weitere wesentliche Kritikpunkte sind zu nennen:

1)Festsetzung willkürlicher Deckungsbeiträge in verschieden Preisstaffeln, die vom Verlag bestimmt werden und zu einer gewollten Unübersichtlichkeit führen, was unter dem Strich eine deutliche Konditionenverschlechterung bewirkt.
2)Zwangsverpflichtung zur Teilnahme am Key-account-System, das den Buchhändler verpflichtet Thieme-Titel verstärkt zu bewerben bzw. in besonderer Weise in der Buchhandlung zu präsentieren, da er ansonsten mit noch schlechteren Konditionen „bestraft“ wird.
3)Remissionsquoten, die an der Realität vorbeigehen und die z.B. eine Präsentation auf Kongressen unmöglich machen.
4)Der Thieme Verlag verlässt das lange Jahrzehnte bewährte Rabattmodell und versucht sich einseitig auf Kosten des Handels einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen.
5)Das Modell ist kein Kooperationsmodell und wurde auch nicht gemeinsam mit dem Handel erarbeitet, sondern einseitig vom Thieme Verlag aufoktroyiert.
6)Dieses Modell wird dem Handel nicht aus der Krise helfen, sondern die Krise noch verschärfen.

Die Änderungen im Konditionengefüge führen zu folgenden Auswirkungen:

1)Buchhändler, die sich besonders auf die medizinische Fachliteratur spezialisiert haben, geraten in eine schwierige wirtschaftliche Situation, die teilweise existenzgefährdend sein kann.
2)Eine breite Präsentation der Thieme-Titel im Sortiment ist unter den gegebenen Bedingungen nicht mehr möglich.
3)Die festgelegten Deckungsbeiträge sind nicht ausreichend und von daher ist eine Bewerbung der Thieme-Produktion nicht mehr machbar.
4)Durch den Festbezug ist das Kongressgeschäft im Hinblick auf Thieme-Titel wirtschaftlich nicht mehr möglich.
5)Sollte dieses Modell von der Mehrzahl der medizinischen Fachverlage durchgesetzt werden, wären die Konsequenzen für den Fachbuchhandel fatal und würden zu einer „Marktbereinigung“auf der Handelsseite führen. Eine Reduzierung der Verkaufsstellen würde weniger Markdurchdringung bedeuten und kann daher nicht im Verlagsinteresse liegen.

Lehmanns Fachbuchhandlung GmbH wird dieses Vorgehen weder akzeptieren noch tolerieren, sondern mit geeigneten Maßnahmen beantworten.

Mittwoch, den 17.April 2002

ppa. Rolf Hammann
Lehmanns Fachbuchhandlung GmbH
Leiter Marketing und Öffentlichkeitsarbeit

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