Online-Handel reißt Schweizer Buchmarkt aus der Stagnation

Ein kleines Land sorgte unlängst für Furore: Spätestens seit Fall der Buchpreisbindung und der Schließung des Ladengeschäftes des Erasmushauses in Basel blicken die Nachbarn gespannt auf Helvetien. Inwiefern verändert sich der Schweizer Markt, was lässt sich aus den oben beschriebenen Entwicklung ableiten, fragt man sich, sucht Zahlen und … findet keine. Seit 2004 gibt es keine offiziellen Erhebungen mehr. Bis dahin, so liest man aus den Zahlen, stagnierten sowohl die Produktion als auch der Verkauf, und das allgemeine Interesse an Bücher ging – so liest man – zu Gunsten anderer Medien zurück. Grund genug, genauer nachzuhaken.

Beim Branchentreffen in Zürich Ende Februar stellten Nicolas Schibler, Leiter Multichannel bei der Thalia, Marcus Benz, Inhaber und Geschäftsführer des EOS Buchantiquariats in Zürich und Organisator der Zürcher Antiquariatsmesse sowie Peter Zylla, Managing Director bei ZVAB.com, Prognosen zum Schweizer Online-Buchhandel an. Fest steht spätestens seit diesem Treffen: Dortzulande wie auch anderswo wird der Vertrieb übers Netz immer wichtiger und ist ein Absatz förderndes Instrument. Seit 2004 zieht auch der Verkauf über das Internet bei Thalia stark an: Im Online-Handel verbucht das zur Douglas-Holding gehörende Unternehmen ein zweistelliges Wachstum. Überraschend ist, dass dieser Vertriebsweg den Ladenverkauf zumindest bei Thalia eher unterstützt, nicht aber ersetzt. Rund 20% aller Kunden bestellen laut Schibler Bücher online über www.thalia.ch, holen sie dann aber in der Buchhandlung ab.

Mietwucher treiben die Antiquariate ins Netz
Dass deutsche Antiquariate das Internet längst für sich entdeckt haben, ist kein Geheimnis. Warum also sollte es in der Schweiz also anders sein? Der Verkauf über das Netz ist ein zusätzlicher Vertriebsweg, der bei einigen Antiquaren gut und gerne 80 % des Gesamtumsatzes ausmacht. Marcus Benz sieht die Gründe für die Verlagerung ins Internet aber hauptsächlich in den steigenden Ladenmieten. Gerade Antiquare mit günstigeren Büchern kommen über den Ladenverkauf allein nicht auf einen Umsatz, der die hohen Mieten an guten Standorten aufwiegt.

Unumstritten bleibt jedoch noch eins: Das Stöbern, das oftmals erst zu Käufen inspiriert und Kunden an ein bestimmtes Antiquariat bindet, kann das Netz noch nicht ersetzen. Schuld daran sind auch mangelnde Zusatzinformationen zu den einzelnen Titeln: Als Käufer weiß man längst, dass die Angebote mit Bild auf ZVAB.com die interessanteren sind, die man geneigt ist zu kaufen. Leider haben das viele Antiquariate noch nicht begriffen und stellen erst gar keine Bilder ein. Das ist insofern dramatisch, als dass es in Zukunft über bloßes Bildmaterial hinaus gehen und zu möglichst interaktiven Informationsmöglichkeiten führen wird, die einen Bucheintrag begleiten müssen, um ihn interessant zu machen: Ob Bewertungssysteme, Rezensionen und Kommentare – den Möglichkeiten sind kaum Grenzen gesetzt. Nur, wenn der Online-Einkauf auch zunehmend zum Erlebnis wird, rentiert sich das auch spürbar für den Anbieter, zumindest bis für Titel bis zum dreistelligen Kostenbereich. Titel für mehrere tausend Euro werden weiterhin über die Ladentheke gehandelt.

Aufbruch in eine interaktive Zukunft
Die Konkurrenz zwischen Sortiment und Antiquariat sieht man auch in der Schweiz mittlerweile gelassen. Alte, gebrauchte oder vergriffene Bücher werden auch hier zunehmend als Ergänzung des stationären Handels gesehen, was in Deutschland und Österreich das ZVAB Buchhandelsprogramm ‚Antiquaria’ schon lange beweist. Nun soll das Programm auch in der Schweiz eingeführt werden und dort Buchhändler zusätzliche Einkünfte und Kunden ein mehr an Service bieten.
Die Zukunft ist demnach vorgezeichnet: Das Internet wird von Kunden immer stärker zum Bücherkauf genutzt und daher für Antiquariate und Sortimenter als Vertriebskanal immer wichtiger. Dadurch ist auch ein gut präsentiertes Angebot beim Online-Shopping ein großes Thema: Je interaktiver, multimedialer und übersichtlicher gegliedert das Angebot ist, desto besser laufen die Verkäufe. In der Schweiz und auch anderswo.
SaM

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