Antiquariatsmessen – Tore zu den Schatzkammern des Buchhandels

Damals, als das Buch noch Wissensträger aus wertvollstem Pergament war und oftmals reichhaltig verziert die Bibliotheken der Reichen und Gelehrten schmückte, sprach Marcus Tullius Cicero eine Wahrheit aus, die zeitlos durch die Jahrhunderte wanderte und noch heute Bestand hat: „Ein Raum ohne Bücher ist ein Körper ohne Seele.“
Über 1800 Jahre später kürt Gerhart Hauptmann das Medium zum ehrwürdigsten, wunderbarsten und wichtigsten Kulturgut der Menschheit. Genau diesen Eindruck bekommt man, wenn man über Antiquariatsmessen wie zuletzt die in Stuttgart und Ludwigsburg oder bevorstehend die Antiquariatsmesse auf der Buchmesse Leipzig streift.

Bild links: Zusammengeklappt fast unscheinbar bergen For-edge-Printings jedoch ein schillerndes Geheimnis

Bild mitte: Procter, Adelaide Anne: Legends and Lyrics. With an Introduction by Charles Dickens. New Edition. Mit zahlreichen Holzstich?Tafeln nach Dobson, Tenniel, Millais, Carrick u. a.. 1866. 4to. Roter Maroquinband der Zeit mit floraler Deckel? und Rückenvergoldung, Goldschnitt und Fore?edge Painting.

Bild rechts: Grimm, (Gebrüder): Fairy Tales. London and New York. Warne, (ca.1880). Neuer brauner Lederband mit Goldtitel , Rückenvergoldung, Deckelfileten und 3seitigem Goldschnitt (illustr. Vorderdeckel eingebunden).
© Antiquariat Geisenheyner, Münster

Eine Ansammlung kostbarster Bücher liegen dort sicher verwahrt hinter Glas oder stehen in den aufgebauten Regalen. So manches Exemplar versetzt den Besucher in ehrfürchtiges Staunen. Dort, neben den aufwändig gestalteten Katalogen gestandener Antiquare liegen Bücher, in Leder gebunden, der Zahn der Zeit hat kaum merklich am jahrhundertealten Ledereinband genagt – oder eine geschickte Hand wusste dies wieder rückgängig zu machen. Liebevolle Illustrationen füllen neben den bleiernen Lettern die Seiten, manch Buch erhält seinen Wert durch die Widmung des Autors oder die Tatsache, dass es die Erstausgabe eines längst vergriffenen Werkes ist. Doch auch Sammlungen haben ihren Wert, wie zum Beispiel die ersten 500 Nummern der Suhrkamp Regenbogenreihe, angeboten von Dr. Günther Fetzer für 5400 €. Den Atem hält man nicht nur beim verzückten Betrachten der von Jörg Günther mitgebrachten Handschrift „Missale Romanum“ an. Die um 1335 in Neapel in Auftrag gegebene Handschrift, verziert mit beeindruckend kunstvollen Buchmalereien, hat ihren Preis, den höchsten der Messe übrigens: 420.000 €.

Verborgene Schätze
Manchmal bedarf es auch eines Hinweises durch den Profi, um verborgene Kostbarkeiten ans Licht der Öffentlichkeit zu holen. Renate Geisenheyner, die gemeinsam mit ihrem Mann Winfried Geisenheyner in Münster ein Antiquariat betreibt, das u.a. auf alte Naturwissenschaften, Kinder- & Bilderbücher sowie Märchen und Sagen spezialisiert ist, zieht ein Buch aus dem Regal. Der Einband aus rotem Marroquin mit floraler Decken- und Rückenvergoldung samt Goldschnitt macht schon etwas her, wenngleich viele solcher Bücher auf der Messe zu sehen sind. Und auch der Text ist nicht gerade spektakulär: Adelaide Anne Procter, Legends and Lyrics. With an Introduction by Charles Dickens.1866.

Sie erzählt, wie kurz zuvor ein Kunde das Buch aus dem Regal zog, es drehte und wendete und enttäuscht wieder ins Regal stellte. „Abgesehen davon, dass es sowieso nicht zum Verkauf steht, verwundert mich das nicht. Man muss sich ein bisschen auskennen, um zu wissen, welchen Schatz dieses Buch birgt.“ Sie nimmt das Buch, fächert den Vorderschnitt auf und deutet auf den neu geformten Schnitt. Zum Vorschein kommt eine filigran gezeichnete mehrfarbige (!) Stadtansicht des 19. Jahrhunderts, Bäume, ein See, auf dem kleine Boote fahren; am Ufer spazieren kleine, fein skizzierte Gestalten. Erscheinungsort und –zeit sind bei diesem Buch die entscheidenden Hinweise für den Buchdetektiv, den der Antiquar auch heute noch oft verkörpert. Mitte des 19. Jahrhunderts, erklärt Renate Geisenheyner, waren diese auf den Schnitt gemalten Aquarelle in England eine sehr hübsche, leider nicht sehr dauerhafte Modeerscheinung. Heute existieren nur noch wenige dieser Bücher. Mit etwas Glück findet man solche Schätze nur noch in den Ladengeschäften der Antiquariate, beziehungsweise auf www.zvab.com.

Kunst und Kunstvolles
Der Wert der ausgestellten Bücher ist nicht selten vier-, fünf- oder sechsstellig, einige sind auf zvab.com gelistet. Da es bei solchen Summen üblich ist, das Buch vorher „live“ zu betrachten, eignen sich Antiquariatsmessen besonders für Sammler hervorragend, um interessante Exemplare verschiedener Anbieter an einem Ort versammelt zu begutachten.

Was sonst noch so in den Schatzkammern der Antiquariate schlummert, sieht man „en passant“: Ob es die original Bleistiftzeichnung von August Macke für 25.000 Euro, Werke von Goya, Miró oder regionalen Künstlern sind, Postkarten, Autographen oder auch alte Landkarten: Die Vielfalt des Antiquariats und die Nähe zum Kunsthandel wird nirgendwo so deutlich wie auf Antiquariatsmessen. Cicero wäre sicher entzückt, so viele schöne Seelen in einem Raum zu erleben und würde endlos über die Bücherschauen der Antiquariate lustwandeln. Etwas, dass man ihm unbedingt einmal gleichtun sollte, wenn man Bücher liebt.
SAM

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