Veranstaltungen Buch in der Krise?

Sandra Kegels Artikel Ist das Buch am Ende?, erschienen Ende September in der FAZ, hat viel Staub aufgewirbelt. Um die unterschiedlichen Positionen auszuloten, hatte das Kulturamt Frankfurt und in Kooperation mit der Evangelischen Stadtakademie in deren Haus am Römer 9 gestern Abend zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Sie stand unter dem Titel Die Zukunft des Buchmarktes.

Hausherr Thorsten Latzel begrüßte die rund 250 Gäste: „Wir haben seit 3000 Jahren Erfahrung im Umgang mit Schriften. Dieser Abend soll keine Talkshow werden, bei der man in Gräben schießt, in denen niemand sitzt. Eher soll ein guter und offener Austausch unterschiedlicher Positionen in sich verändernden Zeiten zustande kommen.“

Die Leiterin des Fachbereichs Literatur beim Kulturamt, Sonja Vandenrath, sprach über den Hintergrund dieser Diskussionsrunde: „Frankfurt mit der Internationalen Buchmesse, mit vielen Verlagen, dem Sitz des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt und nach Datendurchsatz dem weltweit größten Internetknoten ist der richtige Ort für dieses Gespräch. Das Ringen um die Aufmerksamkeit der Menschen hat sich verschärft. Wir stehen vor einem Wimmelbild an Fakten und Thesen, durch das wir Schneisen schlagen wollen.“ Zur Diskussion war auch Sandra Kegel eingeladen worden, die jedoch aufgrund eines Todesfalls kurzfristig absagen musste. „Kegels Thesen werden im Gespräch aufgenommen“, kündigte Vandenrath an.

Martin Lüdke, Heinrich Riethmüller …
… Siv Bublitz, Jörg Sundermeier und Claus-Jürgen Göpfert

Auf dem Podium nahmen die Programmgeschäftsführerin im S. Fischer Verlag, Siv Bublitz, der Literaturkritiker Martin Lüdke, der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Heinrich Riethmüller und Verleger und Journalist Jörg Sundermeier, Verbrecher Verlag, Platz. Der Journalist und Autor Claus-Jürgen Göpfert moderierte.

„Eine These von Sandra Kegel lautete, dass ‚der Sinkflug [des Buchmarkts] unaufhaltbar sei’. Wie sehen Sie das?“, leitete Göpfert die Debatte ein.

Heinrich Riethmüller antwortete: „Ich möchte das Wort ‚Krise’ nicht in den Mund nehmen und eher von einer Herausforderung sprechen. Das Weihnachtsgeschäft ist noch nicht so gut angelaufen. Trotzdem gibt es Bewegung auf dem Markt. Unsere Osiandersche Buchhandlung expandiert beispielsweise.“ Die Branche befinde sich in der Konsolidierung, noch gäbe es rund 6000 Buchhandlungen und 3000 Verlage in Deutschland. Sicher seien Schließungen zu beklagen, aber es gäbe auch Neuanfänge. „Ich sehe keine dramatischen Verhältnisse in der Branche“, unterstrich Riethmüller. Zwar tue sich der stationäre Buchhandel mitunter schwerer als die Online-Vertriebe, das sei jedoch nicht besorgniserregend.

Auf Kegels Beschreibung, dass Verlagsvertreter sich als „psychologischen Notdienst“ begriffen, antwortete Bublitz: „Ich habe noch nie erlebt, dass sich Vertreter euphorisch über den Buchhandel äußerten. Rund 90.000 Novitäten jährlich auf dem deutschen Buchmarkt sind gut – aber nicht für die Vertreter. Natürlich gibt es unter den Verlagen einen Verdrängungswettbewerb. Doch über die Jahre stabile neun Milliarden Euro Jahresumsatz sprechen für sich.“

„Im Jahr 2000 wurde von unabhängigen Verlegern und dem damaligen Kulturstaatsminister Michael Naumann die Kurt Wolff Stiftung zur Förderung einer vielfältigen Verlags- und Literaturszene gegründet. Der langjährige Vorsitzende der Stiftung, Stefan Weidle, hat sich erfolgreich dafür eingesetzt, den Buchhandlungspreis zu organisieren, der seit 2015 verliehen wird. Die Stiftung bündelt die Aktivitäten unabhängiger Verlage“, erläuterte Sundermeier die Anstrengungen der Unabhängigen.

Martin Lüdke äußerte: „Sicher regen die Entwicklungen auf dem Buchmarkt zum Nachdenken an. Man sollte sich nicht mit 90.000 Titeln trösten.“ Außerdem seien die Einkommen von Verlagen, Autoren und Buchhändlern gesunken.

„Natürlich sehen Autoren immer Verbesserungsmöglichkeiten. Und wir sollten die Unterscheidung zwischen Literatur und Nicht-Literatur lassen“, schaltete sich Bublitz ein. „Aber sicher wird zwischen den Sachgebieten unterschieden, das macht der Börsenverein auch“, entgegnete Lüdke.

Zwar seien die Verkäufe zurückgegangen, die Preise und Umsätze jedoch stabil geblieben, bemerkte die Programmgeschäftsführerin. „Wir haben laut einer Studie seit 2012 etwa sechs Millionen Leser verloren, sie sind zu anderen Unterhaltungsangeboten abgewandert“, stellte Bublitz fest.

„Und was bedeutet das gerade für kleine Verlage?“, hakte Göpfert nach. „Alle klagen, der September war katastrophal für den Einzelhandel. Die Buchbranche klagt nicht – was ist da los?“, äußerte Sundermeier. „Buchhändler finden keine Nachfolger mehr – nicht nur in Mecklenburg“, äußerte der Verleger und fügte hinzu: „Sechs Millionen Leser zurückzugewinnen ist ein großes Problem. Es ist jedoch nicht nur das der Verlage und Buchhandlungen, sondern das der Gesellschaft.“

„Es ist anstrengender geworden, Bücher zu verkaufen“, gestand Riethmüller und plädierte für gut funktionierende Veranstaltungen in den Buchhandlungen. „Die Buchhandlungen müssen sich ändern, wenn sie das nicht schaffen, sind sie weg vom Markt.“ Außerdem habe nicht nur der Buchhandel mit Käuferschwund zu kämpfen, sondern der gesamte Einzelhandel.

Muss man mehr auf den Leser zugehen? Darauf antwortete Sundermeier mit einem Beispiel: „Die SPD geht auf die Wähler zu – nur ist dort, wo sie hingeht, keiner. Kultur ist auch Anspruch.“

„Wenn in einer jüngsten Studie festgestellt wird, dass ein Viertel der Grundschüler nicht lesen können, ist das beunruhigend. Oder nicht?“, fragte Göpfert in die Runde.

Lüdke kommentierte: „Es kommt doch sehr auf das Umfeld an. Der Distinktionsgewinn ist zurückgegangen, wir befinden uns am Ende einer Epoche, in der sich die Unterschiede herausgeschält haben. Früher konnte man mit Bildung und Kultur umgehen, heute nicht mehr. Da zählt anderes.“

Dem stimmte Sundermeier nicht zu; noch immer drängten sich beispielsweise Politiker danach, Bücher zu veröffentlichen.

„Es stellt sich doch die Frage, wie wir die Leute zum Lesen kriegen. Es gibt inzwischen viele Foren, in denen über Bücher – und dabei nicht nur über Fantasy – diskutiert wird. Das Feuilleton sollte sich fragen, ob es weiter Literatur vermitteln will.“

„Es gibt Kampagnen vom Börsenverein und von der Stiftung Lesen – aber die zünden nicht. Lesen gilt nichts mehr“, urteilte Lüdke. „Das hört sich elitär an“, bemerkte Göpfert, „… ist es auch“, erwiderte Lüdke. „Aber die Belletristik spielt weiterhin eine große Rolle“, insistierte Riethmüller.

„’Da ist es nun sehr bezeichnend, daß das Buch augenblicklich zu den entbehrlichsten Gegenständen des täglichen Lebens gehört. Man treibt Sport, man tanzt, man verbringt die Abendstunden am Radioapparat, im Kino, man ist neben der Berufsarbeit vollkommen in Anspruch genommen und findet keine Zeit, ein Buch zu lesen.’ Von wem, meinen Sie, stammt dieses Zitat?“, fragte Bublitz in die Runde und löste selbst auf: „Das sagte unser Verlagsgründer Samuel Fischer 1926. Heute wandern die Leser in andere Angebote ab. Soziale Medien bieten den Verlagen heute die Chance, direkt mit ihren Lesern Kontakt aufzunehmen. Und da stehen wir bei 60 Millionen Lesern in den Foren noch ganz am Anfang.“

„Klar ist, dass die Hochliteratur an Boden verliert. Aber viele Leser wissen gar nicht, was sie wollen, ein eigener Kanon baut sich auf. Doch mit 90.000 Novitäten und dem Feuilleton fluten wir alles. Die Institutionen helfen nicht mehr bei der Auswahl, also helfen sich die Menschen in den Foren selbst“, äußerte Sundermeier.

„Ich finde die empfehlende Perspektive unbescheiden und fatalistisch“, wandte Bublitz ein. „Wir befinden uns in einer literarischen Krise, und da sollten wir uns nicht in die Taschen lügen, sondern überlegen, wie wir aus dieser Situation wieder herauskommen“, betonte Lüdke.

„Die Rezensionen gehen an der Leserschaft vorbei, uns fehlen literarische Sendungen. Und bei 40 Seiten Literaturempfehlungen vor dem Weihnachtsfest bekommt man Netzhautablösung“, kritisierte Bublitz. „Außerdem sollte Literaturkritik nicht mit Werbung verwechselt werden“, fügte Lüdke hinzu.

In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum ging es um Wirtschaftsmodelle der Verlage, Amazon sowie um politische und rechtliche Rahmenbedingungen der Branche.

Zum Abschluss fragte Göpfert die Debattanten, wo sie sich respektive den Buchmarkt in zehn Jahren sehen. „Da bin ich maßlos überfordert, aber Literatur wird nicht verschwinden“, meinte Lüdke. „Die Kostenlos-Mentalität ist ein großes Problem. Da müssen wir aufpassen“, warnte Riethmüller. „Ich werde mich weiter für die Unabhängigkeit von Verlagen und Buchhandlungen einsetzen“, versprach Bublitz. „Der Verbrecher Verlag hält sich brillant“, prophezeite Sundermeier. Er hoffe außerdem, dass die Buchhandlungen den Menschen gegenüber offen bleiben, denn sie hätten auch so etwas wie die Funktion einer Bibliothek.

JF

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