Wie bringt man Jungen zum Lesen? Die Teilnehmer und Referenten des 18. avj-Praxisseminars suchten Antworten

Der vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen (avj) und der Stiftung Lesen gemeinsam erstellte „Trendbericht Kinder- und Jugendbuch 2006“ wies darauf hin: Wo bleiben die Bücher für Jungen in den Verlagsprogrammen?

Rund 60 TeilnehmerInnen aus dem Buchhandel, Bibliotheken und Verlagen stellten sich am vergangenen Wochenende beim 18. avj-Praxisseminar in Dipperz-Friesenhausen bei Fulda der Frage: Mit welchen Büchern und Themen, welcher Motivation kriegen wir die Jungen zum Lesen?

Professor Dr. Stefan Aufenanger, wissenschaftlicher Direktor der Stiftung Lesen, argumentierte in seinem Eröffnungsvortrag „Dass Jungen gar nicht lesen, ist ein Mythos“ mit Zahlen und Fakten. Dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass Jungen derzeit in Sachen Schule und Bildung die Verlierer sind.

Aufenanger stellt die These auf, dass die von den Medien und der Gesellschaft vermittelten Geschlechterrollen-Stereotypen zur Identifikation für Jungen wesentlich wichtiger als für Mädchen seien. Das vermittelte männliche Rezeptionsverhalten diene nicht gerade der positiven Entwicklung von Jungs zu Lesern: Lesen ist uncool, wird nicht als „männlich“ protegiert. (siehe auch www.aufenanger.de)

Thienemann-Programmleiter Stefan Wendel gab einen spannenden Einblick in die Entwicklung der Reihe „Für Mädchen verboten“, die genau auf die thematisierte Zielgruppe zugeschnitten ist. Mit welchen Inhalten und Autoren sind die Jungen ab zwölf Jahren überhaupt noch zu fesseln?

Das Konzept „Pleiten, Pech und Pannen im Jungen(Liebes)-Leben, unerreichbare bzw. zickige Mädchen, Alltagschaos – und dies alles locker-frech erzählt sowie witzig illustriert“ komme an. Die Lebenswirklichkeit der Jungen in der Pubertät wird dramatisch und zugleich komisch thematisiert, der Leser erkennt, dass nicht nur er allein zwischen „Zickenalarm“ und „Dicken Dingern“ (zwei Titel der Reihe) verzweifelt.

Doch manche Buchhändlerin oder gar Mutter weigert sich, die in diesen Romanen eher derbe Jungenrealität zu akzeptieren und an den Leser zu bringen. Thomas Fuchs, Autor der Reihe, erläuterte humorvoll, wie schwer sich weibliche Vermittler mit diesen Büchern tun, die auch mal konkret schildern, was passieren kann, wenn pubertierende Jungs eine attraktive Frau erblicken. Es geht nicht nur um Sex & Co, sondern auch ums Schamgefühl, jungenspezifische Sorgen und Nöte – und ob das noch normal ist. Die Romane entlasten, wenn Väter nicht in der Lage sind, mit den Söhnen drüber zu reden und Mütter als Gesprächspartner bei diesem Thema nicht akzeptiert werden.

Literaturkritiker Ralf Schweikart gab in seinem Beitrag „Erzählen Kinder- und Jugendbücher ihren Lesern eigentlich, was sie schon immer über Sex wissen wollten?“ einen erhellenden Einblick in das gegenwärtige Angebot. Jugendmedien und das Internet sorgen für die fachliche Aufklärung, doch die Gefühle, die mit diesem Wissen einhergehen, werden seltener thematisiert.

Diese Chance der Literatur ergreifen Bücher wie Melvin Burgess´ „Doing it“ oder Jaromir Konecnys „Hip und Hop und Trauermarsch“, die Bücher von Christian Bieniek, Thomas Fuchs oder die Reihe „Berts geheime Katastrophen“. Schweikart empfiehlt Autoren und Verlagen, mehr „nur für Jungs“ zu wagen, inhaltlich expliziter und erotischer zu werden und Wert auf „erwachsenere“ Cover zu legen. (Sein Beitrag erscheint demnächst im Bulletin Jugend & Literatur.)

Sortimenter Jürgen Hees aus der Buchhandlung Herwig in Schwäbisch Gmünd begeisterte mit einem lebendigen Vortrag über seine Erfahrungen mit einer kleinen Buchabteilung „Nur für Jungs“. Er hatte sich überlegt, wie der Anteil an lesenden Jungs in der Buchhandlung gesteigert werden könnte, recherchierte, was die Zielgruppe wirklich interessiert und setzte es um – mit dem Ergebnis einer deutlichen Umsatzsteigerung.

Heeses Credo: Jungen und ihre Bedürfnisse, Interessen und Gefühle ernstnehmen, ihre Vorlieben sind entscheidend, nicht das buchhändlerisch-literarische Sendungsbewusstsein. Er fasste zusammen, was im Laufe des Seminars von allen Teilnehmern erkannt wurde: Um Jungen zu Lesern zu machen, ist es kontraproduktiv, sich am eigenen Geschmack und bestimmten Wertvorstellungen zu orientieren. Gebt ihnen StarWars, wilde Abenteuergeschichten, Lesestoff zum „rote Ohren-Kriegen“ und alles, was das Jungenherz begehrt. Dann lesen auch die Jungen!

In Arbeitsgruppen wurden kreative Ansätze für einen Flyer zum Thema der Tagung entwickelt und am Samstagabend amüsierte BuchMarkt-Kolummnist Matthias Mayer das Publikum mit seinen bibliophilen Anekdoten.

Die gut organisierte, zeitlich straff durchgezogene und humorvoll von Renate Reichstein und avj-Geschäftsführerin Adrienne Hinze moderierte Tagung brachte Spaß und Motivation.

Gabi Strobel

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