Zitiert: Sonja Zekri in der „Süddeutschen Zeitung“ vom Wochenende unter dem Titel „Der Spuk – Warum das EU-Verfahren gegen die Buchhändler so gespenstisch ist“

Michael Krüger vom „Hanser“-Verlag traut der EU-Kommission zu, „dass sie mit Polizisten anrücken“. Eugen Emmerling, Sprecher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, redet von einem „Kreuzzug“, von der „Kriminalisierung“ und „Einschüchterung“ von 1700 kleinen und mittleren Verlagen durch die Europäische Kommission, entdeckt eine „bisher nicht gekannte Qualität“ im Streit zwischen Brüssel und Buchbranche. Seit die Wettbewerbshüter vor zwei Tagen ein Kartellverfahren eingeleitet haben, formieren sich Fronten, die man seit dem Kompromiss zur Buchpreisbindung im März 2000 fast aus den Augen verloren hat. Wieder warnt die Branche vor einem Vorstoß gegen das Sammelrevers, die Preisabsprachen zwischen Handel und Verlag. Der Anlass liegt weit zurück. Vor einem Jahr hatten sich etwa dreißig Verlage geweigert, an die österreichische Buchhandelskette „Libro“ zu liefern, weil diese über seinen Internet-Handel „Lion CC“ deutschen Kunden bis zu 20 Prozent Rabatt angeboten hatten. Ein klarer Verstoß gegen den Kompromiss zur Buchpreisbindung, sagt Emmerling, denn dort sei zwar festgehalten, dass der ausländische Internet-Buchhandel von der deutschen Preisbindung ausgenommen sei. Dies gelte jedoch nicht, wenn dieser die Preisunterschiede für den Re- Import nach Deutschland nutze. Und das sei bei „Libro“ der Fall, wie deutsche Gerichte etwa in Verfahren um den Aufbau-Verlag bestätigt hätten. Zudem müssten sich deutsche Verlage aussuchen dürfen, was sie an wen liefern. Dagegen beharrt der Sprecher von EU-Wettbewerbskommissar Monti, Michael Tscherny, auf einem Verdacht, der die Kommission im vergangenen Jahr sogar zur Hausdurchsuchung bei den boykottierenden Verlagen bewog: Die Verlage hätten nicht einzeln und spontan gehandelt, sondern nach „unerlaubter Absprache“, und damit gegen das Kartellrecht verstoßen. Nicht einmal über die Zahl der betroffenen Verlage herrscht Einigkeit: Emmerling zitiert als Adressaten der EU-Beschwerdeschrift „die am Sammelrevers teilnehmenden Verlage“, und das sind eben jene 1700. Tscherny betont, gemeint seien nur der Börsenverein, der Großhändler Koch, Neff & Oetinger sowie die Bertelsmann- Tochter Random House. Immerhin, eine drohende Geldbuße von schlimmstenfalls zehn Prozent des Umsatzes wegen Verstoßes gegen das Wettbewerbsrecht träfe Große wie Kleine gleichermaßen empfindlich. Drei Monate hat der Börsenhandel nun Zeit, um zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Ist die Kommission nicht überzeugt, müssten die Buchhändler vor den Europäischen Gerichtshof ziehen. Der Streit wirkt so gespenstisch, weil ihm sein Gegenstand abhanden gekommen ist. „Libro“ ist pleite. Der Internet-Buchhandel dümpelt vor sich hin. Die etwa 2000 deutschen Buchhändler im Internet machen gerade 2,3 Prozent Marktanteil aus. Die einst gefürchteten Internet-Buch-Riesen wie „amazon“ oder „bol“ satteln auf andere Produkte um und sitzen auf ihren Lagerbeständen. Der deutsche Buchhandel verschwand nicht im Cyberspace, und der Vorstoß aus Brüssel wirkt, als „plane man die Westfront“, so Michael Krüger, „während der Krieg schon vorbei ist“.

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