Sherko Fatah wird Stadtschreiber von Bergen-Enkheim

Jurymitglieder Adrienne Schneider, Charlotte
Brombach, Ruth Schweikert, Ulrich
Sonnenschein, Renate Müller-Friese

Gestern Abend fand in der Nikolauskapelle des Frankfurter Stadtteils Bergen-Enkheim die Ammes-Schneider-Lesung statt. Sie erinnert an die 2007 verstorbene Annemarie Schneider, Frau von Franz Joseph Schneider, der den ersten deutschen Stadtschreiber-Preis ins Leben rief.

Joachim Netz von der Kulturgesellschaft Bergen-Enkheim begrüßte die zahlreichen Gäste, die einem Fußball-Abend die Literatur vorgezogen hatten.

Adrienne Schneider, Tochter des Preis-Initiators, eröffnete den Lesereigen mit einer besonderen Geschichte aus Kind unsrer Zeit, ein Buch ihres 1984 verstorbenen Vaters, das 1947 im Walter Rau Verlag, Dietmannsried, veröffentlicht wurde. „Es ist für mich nicht ganz einfach, diese Geschichte meines Vaters vorzutragen“, bemerkte Adrienne Schneider vorab.
In der Novelle Auf dem Berg geht es um eine Hütte für einen Frühling. Der von Schneider selbst gezimmerte, spärlich, aber anheimelnd ausgestattete Unterschlupf bot eine Zeit lang einer jungen Frau und einem jungen Mann die Möglichkeit, beisammen zu sein, sich geborgen zu fühlen. „Es waren gute Stunden auf dem Berg“, schrieb der Autor.

Ruth Schweikert, amtierende Stadtschreiberin, las aus Katharina Hackers neuem Roman Skip, erschienen im S. Fischer Verlag. Der in Israel lebende Skip, dessen Frau Shira gestorben ist, dessen erwachsene Söhne nach England gingen, begegnet einem Mädchen: „Mein Herz hellte sich auf“, sagt der Protagonist über dieses zufällige Zusammentreffen.
Katharina Hacker war 2005/2006 Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim.

Ein weiteres Mitglied der Stadtschreiber-Jury, Ulrich Sonnenschein, legte den Zuhörern das Buch Im Frühling sterben von Ralf Rothmann, erschienen im Suhrkamp Verlag, ans Herz. Der Autor geht dabei den Kriegstraumata seines Vaters nach. Sonnenschein liest eine Szene, in der Halbwüchsige, in den letzten Kriegswochen eingezogen, einen Deserteur – ihren Freund – erschießen müssen.
Ralf Rothmann amtierte 1992/1993 als Stadtschreiber.

Jury-Mitglied Charlotte Brombach hatte sich Peter Kurzeck, der 2000/2001 Stadtschreiber war, ausgesucht. Sie las aus Oktober und wer wir selbst sind, erschienen im Stroemfeld Verlag. Kurzeck beschreibt darin auch seine Gänge durch die Stadt; allein, mit Tochter Carina, zu dritt mit Freundin Sibylle. „Eigentlich sind Kurzecks Geschichten eng mit seiner Stimme verbunden. Ihn zu hören ist etwas Besonderes“, sagte Brombach zu Beginn ihres Vortrags und verwies in diesem Zusammenhang auf die Hörbücher.

Renate Müller-Friese, Ortsvorsteherin und ebenfalls in der Jury, las abschließend eine Szene, in der sich ein Deutscher, Albert, und sein Übersetzer Osama in einem Stall wiederfinden – gefangen im Irak. Es ist eine Passage aus Der letzte Ort, Luchterhand Verlag – und damit ist auch klar, wer der neue Stadtschreiber wird: Sherko Fatah.

In der Begründung der Jury heißt es dazu: „Mit dem 51-jährigen Berliner zeichnet die Jury einen Schriftsteller aus, der in seinen bislang sechs Romanen auf überzeugende und einzigartige Weise Grenzgebiete erkundet, geografische ebenso wie solche zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Stellung und Erfahrung, aber auch Grenzgebiete zwischen Innen- und Außenwelten, zwischen gerade noch Sag- und Erzählbarem und dem, was sich der Sprache entzieht. Die meisten Romane von Sherko Fatah spielen implizit oder explizit im Irak und den umliegenden Ländern, und wie manche seiner Figuren wird für uns Leser im deutschen Sprachraum der Autor somit zum Boten, zum Berichterstatter, zum Überbringer komplexer Nachrichten aus jenen Gebieten, die in unseren Schlagzeilen vor allem auftauchen als Schauplätze von Krieg, Gewalt und Folter … Aber weit davon entfernt, das Geschehen von außen zu erklären oder uns einen Überblick zu verschaffen, fokussiert Fatah ganz auf die Wahrnehmungen seiner Protagonisten. Oft sind es zwei Männer, die einander fremd gegenüberstehen und doch aufeinander angewiesen sind, die bei aller Unterschiedlichkeit etwas miteinander verbindet … Eine präzise Figurenzeichnung, die bei aller Zurückhaltung deutlich spürbare genaue Kenntnis von Schauplätzen und Ereignissen sowie eine diskrete, zuweilen fast karg zu nennende Sprache übersetzen sich in Denk- und Empfindungsräume, die uns vehement dazu einladen, uns der Erfahrung des Fremden zu öffnen.“

Die feierliche Amtseinführung des neuen Stadtschreibers erfolgt am 2. September.

JF

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