Deutscher Hörbuchpreis 2016: Doppeltriumph für Roof Music/tacheles

Sechs Empfänger de begehrten Auszeichnung stehen fest: Der Verein Deutscher Hörbuchpreis e.V. gab soeben die prämierten Titel in den Erwachsenen-Kategorien bekannt. Für die 14. Verleihung des Preises wurden gut 300 Hörbücher von 70 Verlagen bewertet. Roof Music/tacheles stellt gleich beide Gewinner für die besten Interpretationen.

Das gab es nur 2009 und 2011: In den Kategorien „Bester Interpret“ und „Beste Interpretin“, die als die Königsdisziplinen gelten, fiel die Wahl der Jury jeweils auf einen Titel und Sprecher desselben Verlags. Roof Music gelang der Doppeltriumph mit seinem Hörbuch-Label tacheles, wo Baba Dunjas letzte Liebe von Alina Bronsky und Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache von David Foster Wallace als akustische Umsetzungen mit Sophie Rois und Lars Eidinger erschienen sind – beide erhalten den Deutschen Hörbuchpreis 2016 für die beste Interpretation.

Sophie Rois (Foto: Herbert Gleibstedt – Eigenes Werk, Lizenz: CC BY-SA 3.0), Lars Eidinger

„Sophie Rois liest nicht vor, sie ist Baba Dunja“, schwärmt die Jury über die Leistung der Schauspielerin aus Oberösterreich. 2006 hatte sie schon den Hörbuchpreis für die Interpretation von Charlotte Brontës Jane Eyre erhalten (Eichborn). Zehn Jahre später

gibt es ihn nun für Baba Dunjas letzte Liebe. „Mit ihrer apart brüchigen Stimme und ihrer intensiven Gestaltungskunst macht sie aus der eigenwillig skurrilen Romanfigur einen liebenswerten Menschen, der in Erinnerung bleibt. Weil sie sich nicht scheut, die facettenreiche Skala ihrer Stimme voll auszuschöpfen, wird der Text zu einem Hör-Erlebnis.“ Dem schließt sich auch der Verlag an: „Sophie Rois liebt Baba Dunja – das spürt der Hörer sofort und kann sich diesem festen Band nicht entziehen. Wir hören am liebsten mit dem Herzen.“

Lars Eidinger wiederum bekommt den Preis für seine erste Hörbucharbeit überhaupt – womit Roof Music schon wieder ein neues Talent entdeckt hat. Erst letztes Jahr, als der Verlag den „besten Interpreten“ stellen konnte, hatte Hörbuch-Neuling Frederick Lau mit seiner Lesung von Verena Güntners Roman Es bringen die Jury regelrecht „geflasht“.

„Ich war lange skeptisch, ob ich das überhaupt könne, und habe bis dahin alle Anfragen mit der Begründung abgelehnt, dass die Tatsache, dass ich Schauspieler bin, nicht unbedingt bedeutet, dass ich ein guter Sprecher bin“, erzählt Lars Eidinger. „Bisher habe ich daran gezweifelt und bin davon ausgegangen, dass es für mich elementar ist, einen Text auswendig zu können, um ihn verinnerlichen und dann veräußern zu können, und dass das Ablesen immer mit einer gewissen Äußerlichkeit und Oberflächlichkeit einhergeht. Ich habe mich daher umso mehr über die Jury-Begründung zur Nominierung gefreut und fühle mich bestätigt in einer Disziplin, von der ich bisher dachte, sie liege mir gar nicht.“ Zum Gelingen des Hörbuchs habe auch die Atmosphäre im Studio beigetragen. „Ich möchte mich dafür bei Kristine Meierling und Henk Heuer bedanken, die großen Anteil daran haben.“

Eidingers Zweifel dürften spätestens dann ausgeräumt gewesen sein, als er die Begründung der Jury erfuhr: „Emotional distanziert, fast ironisch wirkt der Erzähler – Lars Eidinger aber schafft es wie beiläufig, Nähe und Identifikation mit der Figur zu erzeugen. Statt von einer Depression zu hören, erleben wir sie aus der Nähe: mit aller Absurdität, aber auch allen Schmerzen. Eine emotionale Achterbahnfahrt, die nur eine meisterhafte Lesung so erzeugen kann.“

Bestes Sachhörbuch ist Deutschland. Erinnerungen einer Nation, erschienen im Hörverlag, geschrieben von Neil MacGregor. Den Preis erhalten der Sprecher Burghart Klaußner und der Regisseur Burkhard Schmid.

„Meisterhaft gelingt es Burghart Klaußner, Neil MacGregors Miniaturen deutscher Nationalgeschichte erzählerisch zu fassen“, urteilt die Jury. „Durch die kluge und umsichtige Regie von Burkhard Schmid, die überzeugenden begleitenden Klangräume und zahlreiche O-Töne entsteht ein faszinierendes Gesamtbild mit großem Nachhall. Das ist unterhaltsame Information im besten Sinne.“

„Ein dreidimensionales Hörbuch, kann es das geben? Und ob!“, resümiert Heike Völker-Sieber vom Hörverlag. „Begeistert, gefesselt und mehr und mehr Zusammenhänge begreifend lauscht man sich durch Deutschland …. Neil MacGregors plastische Schilderungen finden ihre perfekte akustische Entsprechung in der Inszenierung des Hessischen Rundfunks. Durch die Auszeichnung werden nun viele weitere Hörer auf diese spannende Reise eingeladen.“

Zum „besten Hörspiel“ des vergangenen Hörbuchjahres wählte die Jury die SWR-Produktion Wir nach Jewgenij Samjatin. Den Preis erhalten Christoph Kalkowski (Regie) und Raphael D. Thöne (Musik).

„Perfektes Hör-Kino“ – dieses Prädikat gibt die Jury. „Applaus und Aufmerksamkeit für ein herausragendes zeitgenössisches Hörspiel nach wiederentdeckter klassischer Vorlage: Exzellente Sprecherleistungen unter der Regie von Christoph Kalkowski und monumental orchestrierte Musik von Raphael D. Thöne erzeugen einen Sog auf mehreren Ebenen. Bombastisch und behutsam, betörend und ernüchternd.“

Der Audio Verlag, der das Hörspiel auf CD herausgebracht hat, zeigte sich sehr glücklich über die Auszeichnung. „Der Preis zeigt uns aber auch, dass ein scheinbar vergessener Autor wie Jewgenij Samjatin – ein Vorbild von Orwell und Huxley – gerade heute wieder hochaktuell ist und offenbar einen Nerv der Zeit trifft. Im Zusammenspiel der literarischen Vorlage, einem herausragenden Sprecherensemble und der eindrucksvollen Musik des Rundfunk-Sinfonie-Orchesters Stuttgart ist etwas Einzigartiges entstanden.“

Die „beste Unterhaltung“ hat nach Meinung der Jury im vergangenen Hörbuchjahr die Produktion Tante Poldi und die sizilianischen Löwen geliefert – erschienen bei Lübbe Audio. Die Geschichte stammt von Mario Giordano, den Preis erhält der Interpret Philipp Moog (bekannt u.a. als deutsche Stimme von Orlando Bloom, z.B. in Der Herr der Ringe oder Der Fluch der Karibik).

„Cosa Nostra trifft auf temperamentvolle bayerische Naturgewalt“, so die Kurzfassung der Jury. „Philipp Moogs charmante Lesung verleiht der Krimi-Parodie großen Unterhaltungswert mit Urlaubsgefühl: leicht, spritzig und von feiner Ironie durchzogen. Sein hörbarer Spaß an bayerischer Mundart und italienischem Parlando lässt Tante Poldis Welt lebendig werden. Un grande divertimento!“

An die italienische Begeisterung knüpft Projektmanagerin Marie Spengler an: „Magnifico! Che bella sorpresa! Wir freuen uns sehr über den Deutschen Hörbuchpreis. Philipp Moog zieht bei seiner Lesung sämtliche Register seines komödiantischen Könnens und erzählt mit viel Sympathie von Tante Poldis Abenteuern und dem Dolce Vita Siziliens. Ein fulminanter Hörspaß, bei dem kein Auge trocken bleibt.“

Der sechste Gewinner des Deutschen Hörbuchpreises sorgt als ein Hörkompendium der ganz besonderen Art für viel Nachdenklichkeit, Betroffenheit und historische Erkenntnisse. In der Kategorie „beste verlegerische Leistung“ bekommen der Hörverlag und der Bayerische Rundfunk (Abt. Hörspiel und Medienkunst) den Preis für die Produktion Die Quellen sprechen. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933 – 1945 unter der Regie von Ulrich Gerhardt.

„Diese Höredition ist ein Mahnmal“, resümiert die Jury. „Enzyklopädische Quellentexte und Zeitzeugenberichte bringen Geschichte nahe in Gestalt derer, die sie erlebt haben – durchdrungen von einer analytisch strengen Interpretation. Dass der Hörverlag das Projekt des BR und des Instituts für Zeitgeschichte als Hörbuch zugänglich und verfügbar macht, ist eine mutige Leistung.“

Umso größer ist die Freude beim Verlag, wie Heike Völker-Sieber erklärt: „Geteilte Freude ist doppelte Freude. Und so sind wir doppelt glücklich, den Preis für die Quellen gemeinsam mit dem Bayerischen Rundfunk entgegennehmen zu dürfen. Es war eine bereichernde und intensive Zusammenarbeit – immer im Dienst der Sache: die Erinnerung wachzuhalten. Wir sind dankbar dafür, dass die Jury der Edition nun den renommierten Preis zuspricht und sie damit den Hörern ans Herz legt.“

Festgelegt wurden die Gewinner durch die so genannte Preisträger-Jury: Ursula Voss (NDR), Astrid Roth (Regisseurin und Dozentin), Frank Olbert (Kölner Stadt-Anzeiger), Jörg Hopfgarten (Buchhändler), Lothar Sand (Börsenverein), Franz Josef Görtz (FAZ). Zuvor waren für die Auswahl der Nominierungen [mehr…] zuständig: Ute Romeike (Hörbuchhändlerin), Andreas Bick (Komponist), Christine Härle (früher Hörbuch-Programmleiterin), Annemarie Stoltenberg (Medienstiftung Hamburg/Schleswig-Holstein), Frauke Jäger (Buchhändlerin), Sven Stricker (Regisseur), Jochen Meißner (u.a. Mitveranstalter des Berliner Hörspielfestivals), Cornelia Wichterich („Stimme des Hörers“).

Zusätzlich erhalten drei prominente Sprecher den Sonderpreis des Deutschen Hörbuchpreises: Seit 1979 sind Oliver Rohrbeck, Jens Wawrczeck und Andreas Fröhlich das Ensemble von Die drei ???, haben aber auch über diese Tätigkeit hinaus viel für den deutschen Hörbuchmarkt getan. Der Verein Deutscher Hörbuchpreis lobt: „Ihre unbändige Freude am Spiel mit dem gesprochenen Wort, die Generationen geprägt hat, lässt sie Arenen füllen und Rekorde brechen. Als Schauspieler, Synchronsprecher und Produzenten verkörpern sie die vielfältigen Möglichkeiten im Umgang mit Stimme, Wort und Klang.“ Mehr dazu in unserem Interview [mehr…].

Offen ist noch der Preisträger in der Kategorie „bestes Kinderhörbuch“ – er wird erst am 4. Februar bekanntgegeben. Noch im Rennen sind:

Die unendliche Geschichte, Hörspiel nach Michael Ende, produziert vom WDR, erschienen bei Silberfisch / Hörbuch Hamburg
Keiner hält Don Carlo auf von Oliver Scherz, Silberfisch / Hörbuch Hamburg
Miles & Niles von Jory John und Mac Barnett, Hörverlag

Die Gala zum Deutschen Hörbuchpreis wird am 8. März im WDR-Funkhaus gefeiert, live im Radio übertragen (ab 20.05 Uhr auf WDR 5, hr2-kultur, NDR Kultur, SWR2 und Antenne Saar) sowie am 10. März im Fernsehen gesendet (ab 23.25 Uhr im WDR).

rw

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