Anna Rheinsberg ist erste Preisträgerin des Renate-Chotjewitz-Häfner-Förderpreises / Laudatio von Maria Regina Kaiser

Anna Rheinsberg © Nachtigal

Anna Rheinsberg ist die erste Autorin, die mit dem Renate-Chotjewitz-Häfner-Förderpreis für Autorinnen ausgezeichnet wird.

Anna Rheinsberg wurde 1956 in Hermsdorf, im Norden Berlins geboren. Mit 23 Jahren veröffentlichte sie ihren ersten Lyrikband Marlene in den Gassen (1979). Ihr erster Roman, Schau mich an (2000), erschien bereits bei der Edition Nautilus. Basco (2004), ein Liebesroman und poetischer Roadmovie wurde von der Kritik hoch gelobt. Ihr neuestes Werk, Das grüne Kleid, ist ebenfalls bei Nautilus erschienen. Am Donnerstag, dem 13. Oktober, wird Rheinsberg Gast der Buchmesse sein.
Rheinsberg ist Lyrikerin, Prosaautorin, Essayistin und Herausgeberin. Stipendiatin des Deutschen Literaturfonds und langjährige Mitarbeit beim HR Frauenfunk, Veröffentlichung mehrerer Prosabände in den 1980er Jahren, Journalistin für Frauenzeitschriften, Tageszeitungen, Radio und Fernsehen. Rheinsberg widmete sich intensiv dem Leben und Werk vergessener Autorinnen der 20er Jahre.

Renate Chotjewitz-Häfner war Malerin, Autorin und Übersetzerin. Sie starb am 24. November 2008 im Alter von 71 Jahren und stellte testamentarisch einen Geldbetrag für die Förderung von Autorinnen zur Verfügung. Zukünftig wird der Preis zweimal im Jahr vergeben – zu ihrem Geburtstag und zu ihrem Todestag.

Bekannt wurde Renate Chotjewitz-Häfner vor allem als Herausgeberin und Übersetzerin der Theaterstücke von Dario Fo und seiner Frau Franca Rame. Darüber hinaus veröffentlichte sie Erzählungen, Essays, Gedichte und Features. Die Preisverleihung findet in Frankfurt, im Hessischen Literaturforum im Mousonturm statt.

Maria Regina Kaiser
Foto: U. Gneiting

Am 24. 11. 2011 hat die Autorin Maria Regina Kaiser anlässlich der Verleihung des 1. Renate-Chotjewitz-Häfner-Förderpreises für Autorinnen folgende Laudatio gehalten:

Renate Chotjewitz-Häfner hatte zwei Lieblingsautoren: Peter Kurzeck und Anna Rheinsberg. Mit beiden verband sie eine jahrelange Freundschaft. Und so bedurfte es kaum einer Diskussion darüber, dass Anna Rheinsberg die erste Trägerin des heute verliehenen Preises sein sollte.

Anders als Männer werden Autorinnen für das Schreiben von Büchern nicht geliebt, sagte Anna Rheinsberg im Gespräch. Diese Erfahrung deckt sich mit dem, was ich aus dem Munde vieler schreibender Frauen gehört habe.

Erfolgreiche Autorinnen verbergen diese Erfolge vor ihren Partnern. Keineswegs nur Doris Lessing und Hilde Domin, die ja einer älteren Generation angehören. Auch jüngere Damen mit bekannten Namen erzählen von liebevoll gewidmeten Büchern, die durchs Wohnzimmer flogen. „Du denkst immer nur an deine Schreiberei“, – Doris Lessing bekam den Satz aus dem Mund ihres Liebhabers zu hören – und wir kennen ihn alle auch.

Gerade die Lebensgefährten lesen die Bücher ihrer Frauen meist nicht. Joyce Carol Oates’ Ehemann las keins ihrer Bücher. Doch womöglich ist das ja noch die bessere Variante – Der Ehemann von Anna Seghers versah die Manuskripte seiner Frau mit endlosen Verbesserungsvorschlägen, die diese dann getreulich abarbeitete.

Doch nun zum Lob der Preisträgerin, die außergewöhnlich vielseitig ist, als Lyrikerin, Essayistin und Erzählerin. Als Herausgeberin grub sie vergessene Autorinnen der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts aus – die Anthologie „Bubikopf“ erschien 1998.

1956 in Berlin geboren hat es sie zu unserem Glück nach Marburg verschlagen. Dort hat sie Germanistik studiert und ihre Abschlussarbeit über Claire Goll verfasst. Übrigens bei der einzigen Professorin, die damals dort zu Beginn der 80er Jahre Frauenthemen anbot. Der Schwerpunkt des Lehrangebots lag bei Thomas Mann und Bertolt Brecht. In der Studentin regte sich Widerspruch. Anna Rheinsberg gründete die feministische Literaturzeitung „Spinatwachtel“.

„Eigentlich bin ich Lyrikerin“, sagt Anna Rheinsberg von sich selbst. Und fügt hinzu „Aber mit Gedichten kann man ja nichts werden.“

Da stellt sich natürlich die Frage, womit überhaupt der schreibende Mensch „etwas werden“ kann.

Schreiben ist für sie Bewegung, Leben, Nachdenken und zugleich der freie Fall. Aufgegeben hat sie nie. „Das ist das Preußische an mir“, sagt sie. Sie arbeitet auch ganz regelmäßig am Schreibtisch, egal wie sie sich gerade fühlt. Doch den Verlockungen von Kommerz und Mainstream hat sie tapfer widerstanden.

Anna Rheinsbergs Prosa ist sozusagen das Gegenteil vom „historischen Roman“ – es ist „Dichtungsprosa“, filmhaft-magische Prosa mit lyrischen Bildern.

Schon ihren ersten, im Jahr 2000 bei Nautilus erschienenen Roman „Schau mich an“ bezeichnete eine Rezensentin als Roman für Cineasten, jedenfalls für Leute, die Bilder lieben.

Das gilt auch für die weiteren Werke Anna Rheinsbergs : sie reiht Bilder aneinander, beschwört Farben und Formen herauf, schafft Tableaus. „Du solltest zuerst Basco lesen. Basco ist Anna Rheinsbergs zugänglichstes Werk“, erklärte mir Renate Chotjewitz vor einigen Jahren. „Eine Liebesgeschichte, aber doch auch noch viel mehr. Musst du unbedingt lesen.“ Sie setzte ganz selbstverständlich voraus, dass ich nach „Basco“ alle weiteren Bücher Annas systematisch lesen würde – und ungefähr so kam es auch.

Zunächst fing ich also an mit Basco.
In diesem kleinen großen Roman wird eine große Liebe beschworen. Genauer gesagt: Die Liebe zu einem Wiedergänger. Denn Basco, Zigeuner und Flohmarkthändler, ist Magdalenas Jugendfreund aus Teenagertagen. Sie gab ihn auf, weil er ihr kein sicheres Leben bieten konnte. Jetzt, viele Jahre später, hat ihr Ehemann sie schlagfall verlassen. Mit der Sicherheit ist es ohnehin aus. Die tief verunsicherte Magdalena steht plötzlich ihrer einstigen Liebe Basco gegenüber. Er kann kaum lesen und nicht schreiben, und ist immer noch auf den Märkten unterwegs, heimatlos, faszinierend anders. Und damit öffnet sich der Vorhang für den Gegenentwurf zum bürgerlichen Traum vom abbezahlten Eigenheim. Magdalena steigt in seinen alten VW Bus ein – die Reise beginnt.

Eine Reise, die sich in ihrem neuesten Werk Das grüne Kleid fortsetzt bis zum bitteren Ende, Bascos Tod, und noch weit darüber hinaus.

Leser wollen immer wissen – ist es wahr? Was ist aus den beiden geworden?

Es ist viel schlimmer als beim historischen Roman. In diesem Fall bei Anna Rheinsberg ist alles wahr, die beiden Bücher sind autobiografisch. Wenn der Leser/ die Leserin das begreift, höre ich ihn murmeln: bitte nicht. Sag, dass es nur erfunden ist.

Der Roman Basco führt die Leser ins winterliche Spanien – ein Spanien weit entfernt von der Utopie deutscher Normaltouristen. Ein Spanien, in dem der Wind immer zu stark und kalt weht, tote Ratten auf dem Boden liegen, es in den Wohnungen zieht und die Wände schimmelbewachsen sind.

Selbst im Sommer ist man in Spanien ja vor Überraschungen nie sicher. Das Meer ist nicht lieb und nett sondern immer zu wild. Die Strände abschüssig und steinig.

Zur Utopie des Bleibens kommt die Utopie der Liebe: Basco und Magdalena lieben sich erwachsen geworden als Teenager. Grenzenlose Hingabe wechselt zu Verunsicherung und tiefer Traurigkeit zurück zu bedingungslosem Verlangen. So liebt man sich nur unter zwanzig. Doch wo immer diese Liebe sich verwirklicht, ist es gerade kalt und zugig, geht Regen nieder und haben sie Hunger.

Zwei Menschen zur falschen Zeit am falschen Ort. Wir begreifen: es ist genau die richtige Zeit und der richtige Ort. Anna Rheinsbergs Prosa beschreibt diese Geschichte in ungestümen Bildern, frei und assoziativ in einer metaphernreichen Sprache – fast ein Prosagedicht, aber auch eine spannende Geschichte für den Normalleser.

Damit komme ich zum Punkt: „Die Bücher Basco und Das grüne Kleid möchte man seinem liebsten Menschen schenken und doch schämt man sich auch ein bisschen bei der Übergabe dieses Geschenks. Denn so unmittelbar, so gewaltig sind die Gefühle in ihnen, dass man sie selbst so immer nur kurze Zeit durchhalten kann.

In den Seifenopern des Fernsehens ist Leben und Liebe immer zu weichgespült, zu fön-frisiert, zu neu-angezogen, um wahr zu sein, bei Anna Rheinsberg ist es durchleuchtet wie im Röntgengerät. Lügen hat sie nicht zu bieten.

Eine Leserin gestand: ich kann immer nur, zwei, drei Seiten davon lesen, weil es mich so mitnimmt.

Aber eigentlich kann uns doch nichts Besseres passieren als das, mitgenommen, fortgerissen zu werden. Und hinterher an einem anderen Ort als vorher zu stehen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Freude beim Zuhören, wenn Anna Rheinsberg jetzt liest.

Zu Maria Regina Kaiser: http://www.histo-couch.de/maria-regina-kaiser.html

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