Angelika Klüssendorf wird 40. Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim

Angelika Klüssendorf 2011

Heute Abend fand nach 2008, 2009 und 2012 die vierte Ammes-Schneider-Lesung in der Nikolauskapelle von Bergen-Enkheim statt.

Die Verkündung, wer den 40. Stadtschreiber-Preis von Frankfurt Bergen-Enkheim erhalten wird, hatte sich Ortsvorsteherin Renate Müller-Friese bis zum Schluss aufgehoben.

Zunächst begrüßte Müller-Friese die Gäste und erinnerte an den Anlass der Lesung: Es gilt damit, die engagierte Annemarie „Ammes“ Schneider, Frau des Begründers der Stadtschreiberamtes Franz Josef Schneider, zu ehren. Stets öffnete sie den Stadtschreibern ihr gastfreundliches Haus. Paul Nizon, der 1993/94 das Amt innehatte, bezeichnete das Haus als „Anlaufhafen der Stadtschreiber“.

Zunächst las der gegenwärtige Stadtschreiber Marcel Beyer und betonte vorab, dass er gern aus Texten anderer Schriftsteller lese. Es komme schließlich selten vor, dass ein Autor auf diese Weise einen Kollegen ehre.
Beyer hatte sich Wolfgang Koeppen, der 1974 als Erster das Amt ausfüllte, ausgesucht. Er las aus einem Text, in dem es um das Berlin der 1930er Jahre ging und sich ein Autor sein Honorar direkt bei der Zeitung „Die Rote Fahne“ abholte. Nachdem er die 15 Reichsmark in der Tasche hatte, beschloss er, nicht Schriftsteller zu werden.

Adrienne Schneider, Tochter der im März 2007 verstorbenen Annemarie, setzt die Traditionen des gastfreundlichen Hauses fort. Sie erzählte von Jörg Steiner, 1997/98 Stadtschreiber. Er sei ein lieber Freund ihrer Familie gewesen und hätte als einziger Stadtschreiber einen Platz am Stammtisch der „Alten Post“ gehabt. Sie las Geschichten aus dem Berner Seeland; Steiner war in Biel geboren.

Ulrich Sonnenschein trug aus Peter Rühmkorfs Lyrik und Prosa vor. Rühmkorf war 1976/77 Stadtschreiber von Bergen-Enkheim. Ein wunderbares Gedicht aus dem Zyklus Zersungene Lieder eröffnete den Part. Das Märchen Der Hüter des Misthaufens schloss sich an.

Renate Müller-Friese las einen Text, in dem es um ein Mädchenschicksal an der Ostseeküste ging. Dann verkündete sie: Die 40. Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim heißt Angelika Klüssendorf. Müller-Friese hatte aus ihrem Roman Das Mädchen, erschienen 2011 im Verlag Kiepenheuer & Witsch und nominiert auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2011, eine Passage vorgetragen.

In der Begründung der Jury, der Renate Müller-Friese als gegenwärtige Ortsvorsteherin, Marcel Beyer als derzeitiger Stadtschreiber, Peter Härtling, Wolfgang Mistereck, Ulrich Sonnenschein, Adrienne Schneider, Wolfram Schütte, Monika Steinkopf und Peter Weber angehören, heißt es: „Angelika Klüssendorf ist eine der unverwechselbaren Erzählerinnen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Prägnant, knapp, eindringlich erzählt sie von Menschen, die in eine Welt verschlagen sind, die ausweglos erscheint, sie erzählt vom Aufbegehren, das die einzelnen nicht immer davonkommen lässt, doch davonkommen lassen könnte. Klar werden die Abgründe, die sich hinter so harmlosen Worten wir Kindheit, Familie, Liebe verbergen. Klar ist auch die Sprache, die Angelika Klüssendorf für ihre Geschichten findet – sie ist eine Autorin, die nichts schönredet oder sentimentalisiert und mit der ihr eigenen literarischen Kraft vom Standhalten in widrigen Verhältnissen zu erzählen weiß.“

Angelika Klüssendorf, 1958 in Ahrensburg geboren, lebte seit 1961 in Leipzig, bis sie 1985 in den Westen übersiedelte. Heute wohnt sie in Berlin.

Der Stadtschreiberpreis wird am 30. August traditionell im Festzelt auf dem Marktplatz von Bergen-Enkheim übergeben.

JF

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