Ausbildertagung: Spagat zwischen demografischem Wandel und Anforderungen an die Azubis

Plakat im Tagungsraum

Der mediacampus frankfurt | die schulen des deutschen buchhandels und die Abteilung Berufsbildung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels hatten heute zu einer Ausbildertagung nach Seckbach eingeladen. Die Idee zur Tagung stammte von den Ausbildungsbetrieben selbst, denn in der Branche gibt es (noch) kein Netzwerk zum Thema Ausbildung.

46 Teilnehmer hatten sich angemeldet; fast alle waren gekommen.

Im Eröffnungsvortrag Demografischer Wandel: Was bedeutet das wirklich? von Dr. Winfried Kösters, freier Publizist, Wissensmanager und Berater der Bertelsmann Stiftung in Demografiefragen, brachte dieser das Thema auf drei Kernpunkte: weniger, bunter, älter. Anhand von Statistiken erläuterte Kösters die Problematik. Schon jetzt ist zu beobachten, dass freie Ausbildungsplätze immer weniger belegt werden. „Leider denken wir zu kurzfristig. Wir müssen einen Zeitraum von 40 bis 50 Jahren betrachten“, forderte Kösters.

Es stelle sich nicht mehr die Frage, wie dem demografischen Wandel zu begegnen sei, sondern wie wir mit der Entwicklung, die unumkehrbar ist, umgehen. Bereits 2008/2009 haben mehr Menschen Deutschland verlassen als eingewandert sind. Politische Entscheidungen würden viel zu spät getroffen; erst 50 Jahre, nachdem die ersten Gastarbeiter aus Italien in Deutschland begrüßt wurden, fand der erste Integrationsgipfel statt.

Ein Karikatur zeigt drastisch, wohin die Reise geht: Ab 2020 wird die Mehrheit der deutschen Bevölkerung über 50 Jahre alt sein. Dann werden die Betriebe mit Bewerbungsmappen nach Auszubildenden suchen.

Kösters stellte auch die Frage, wie viel Integrationsliteratur dem Sarrazin-Bestseller gegenübersteht und beantwortet sie gleich selbst: sehr wenig.
Mehr und sehr detaillierte demografische Daten finden Interessierte auf www.wegweiser-kommune.de. Da kann sich jeder über die Entwicklung in seinem Umfeld informieren, die Daten sind aus dem Jahr 2009.

Weiterhin muss die unterschiedliche Entwicklung von Stadt und Land beachtet werden. Das führt zu Fragen wie: Was biete ich in einer Buchhandlung auf dem Land an? Wie muss ich so eine Buchhandlung einrichten (Barrierefreiheit)?

Statistisch gesehen wäre im Jahr 2023 eine Vollbeschäftigung möglich. Doch welche Schlussfolgerungen ergeben sich daraus? Wie gehe ich mit dem Erwerbspersonenpotential um? Kösters prophezeite zunehmenden Arbeitsplatzwechsel und weniger lange Arbeitslosigkeit.

Zum großen Thema Fachkräftebedarf verdienten die Personengruppen Frauen, ältere Menschen, Zugewanderte und Jugendliche ohne Schulabschluss verstärkte Beachtung. Unternehmenskultur und Unternehmensführung werden sich ändern, die Rahmenbedingungen für die Mitarbeiter müssen attraktiver gestaltet werden. „Wenn ein Unternehmen auf solche Umstände nicht reagiert, tun es andere. Wer starr bleibt, verliert am Markt“, warnte Kösters.

Für erstes Umdenken nennt er beispielhaft die Galeria Kaufhof, die sich als Galeria für Generationen erstmals in Berlin im umgebauten Haus am Alexanderplatz präsentiert.
Karin Schmidt-Friderichs, Vorsitzende des Berufsbildungsausschusses des Börsenvereins, wies darauf hin, dass auch in der Buchbranche nicht abgewartet, sondern gehandelt wird. Seit 2008 gibt es das Nachwuchsparlament. Es sei nicht einfach gewesen, diese Einrichtung ins Leben zu rufen. So bekämen die Azubis – anders als in anderen Branchen – für diese Veranstaltung nicht frei. Das müsse jedoch auch in der Buchbranche gewährt werden.

Noch immer hätten Unternehmer Angst vor allzu langfristigen Bindungen, doch the war of talents wird sich verstärken. Daher kann die Aufgabe in der Buchbranche nur lauten: suchen – finden – binden.
Dafür ist es notwendig, die Attraktivität der Branche zu erhöhen. Es gehe nicht nur darum, Bücher zu verkaufen, sondern das Gesicht des Unternehmens stärker zu zeigen. Auch die interne Kommunikation müsse verbessert werden. „Wir müssen begreifen, dass die Ausbildung von Nachwuchs kein ‚Mittelabfluss’ ist, sondern Invest“, postulierte Schmidt-Friderichs.

Diesen Eingangvorträgen schlossen sich zwei Mini-Workshops an. Osama Ishneiwer, mediacampus, diskutierte über Unterricht praxisnah am Beispiel Literatur und Katrin Welz, IHK Frankfurt sprach über AEVO-Prüfung – wofür brauche ich sie? Nicht nur reine Formsache.

Das nächste Thema hieß Herausforderungen bei de Rekrutierung von Auszubildenden – Welches Ausbildungsmarketing ist das Richtige?. Am Gespräch nahmen Kathrin von Papp-Riethmüller, Osiandersche Buchhandlung, Wilfried Malcher, Handelsverband Deutschland HDE, und Dr. Renate Bida-Winter, Personalcenter Provadis, teil. Es moderierte Günther Reif, ehemals Provadis.

Noch habe die Osiandersche kein Problem, Nachwuchs für ihre 50 Ausbildungsplätze zu finden. Allerdings gestalte sich die Suche nach qualifizierten Filialleitern für kleinere Städte schon schwierig, gab von Papp-Riethmüller Auskunft. Daher werde verstärkt intern geworben.

Bei Provadis gehen – nur auf den Standort Frankfurt bezogen – 12.000 Bewerbungen auf 400 Ausbildungsplätze ein. Allerdings sind die Berufe Fremdsprachenkorrespondentin und Fachinformatiker kaum mit geeigneten Bewerbern zu besetzten, das allerdings sind nur zwei von insgesamt 40 Ausbildungsberufen.

„Die mangelnde Eignung wird ein größeres Problem“, konstatierte auch Malcher. Dabei ist das Bewerberpotential regional höchst unterschiedlich.

„Wir sollten verstärkt den Spaß an der Arbeit rüberbringen“, forderte von Papp-Riethmüller. Die Osiandersche hat eine eigene Azubi-Buchhandlung, in der die angehenden Buchhändler Verantwortung übernehmen, aber nicht allein gelassen werden. Wer bei der Osianderschen lerne, habe viele Möglichkeiten, sich zu engagieren. Das reiche vom Arbeiten in mehreren Buchhandlungen bis zum Messebesuch in Leipzig oder Frankfurt. Kooperationen beispielsweise mit einer von Gymnasiasten gegründeten Schülerfirma, die sich um die Auslieferung der Bücher kümmert, sind hervorragende Beispiele, junge Menschen an die Branche heranzuführen. Praktika wertete von Papp-Riethmüller als probates Mittel, die richtigen Azubis zu finden.

„Vielleicht sollte man das Augenmerk nicht nur auf junge Leute richten, auch interessierte Quereinsteiger können angesprochen werden“, meldete sich aus dem Publikum Gudula Buzmann von LOESUNG, Mannheim, zu Wort. Und warum könnte man nicht eine Jobbörse am mediacampus einrichten?

In den Buchhandlungen werden jedoch nicht nur Interessierte, sondern Qualifizierte gebraucht, widersprach man im Publikum.

Das nächste Gespräch zum Thema „richtig“ ausbilden – Azubis fordern und fördern bestritten Kathrin von Papp-Riethmüller, Günther Reif und Mira Dietermann, S. Fischer Verlag. Dietermann wird im kommenden Ausbildungsjahr für den neuen Beruf Medienkaufleute verantwortlich sein, sie bringt langjährige Erfahrungen bei der Ausbildung von Verlagsbuchhändlern mit. Wichtig sei es, nicht nur Geld, sondern Zeit zu investieren, und zwar Zeit für die Azubis und Zeit für die Ausbildenden. „Es geht nicht darum, Pläne abzuarbeiten, sondern darum miteinander ins Gespräche zu kommen“, stellte sie fest.

Einwände kommen aus dem Publikum: Nicht jeder ist wie die Osiandersche oder S. Fischer aufgestellt. Was können kleine Buchhandlungen für eine gute Ausbildung tun? Die Zauberworte heißen Netzwerke, Partnerschaften und Kooperationen. Sinnvoll ist es, Verbundbuchhandlungen anzusprechen und die IHK um Hilfe zu bitten.

Auch S. Fischer setzt auf Kooperationen. So gibt es sowohl eine Zusammenarbeit mit den Buchhandlungen Ypsilon und Thalia in Frankfurt als auch mit der Druckerei in Hamburg, erläuterte Dietermann. „Es ist ganz wichtig für die Azubis, Kontakte zu knüpfen“, unterstrich sie.

Um die neuen Berufsbilder Buchhändler und Medienkaufleute ging es in den abschließenden beiden Vorträgen von Monika Kolb-Klausch und Michaela von Koenigsmarck, mediacampus.

Hier wurden die beiden neuen Berufsbilder erläutert, erste erarbeitete Handouts konnten die Teilnehmer druckfrisch mitnehmen.

Zweieinhalb Jahre wurde am neuen Berufsbild Buchhändler gearbeitet, viele Organisationen und Gremien saßen zusammen und stritten um dieses neue Profil, erläuterte die Bildungsdirektorin des Börsenvereins und Leiterin des mediacampus frankfurt, Monika Kolb-Klausch. „Endlich stieg weißer Rauch auf – das neue Berufsbild wurde verabschiedet“, kommentierte sie die erst vor wenigen Wochen gefasste Entscheidung. Das neue Berufsbild wird erstmals ab September 2011 vermittelt. „Es geht nicht mehr darum, im Frontalunterricht Inhalte zu vermitteln, sondern gemeinsam Handlungskompetenzen zu erarbeiten“, fasste Kolb-Klausch zusammen.

Fazit des Ausbildertages: Die Ausbildung wird anspruchsvoller, die Bewerber bringen nicht mehr so viele Voraussetzungen mit. Ein Balanceakt und eine Herausforderung, vor denen die Branche steht und die sie bewältigen muss, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

JF

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