Veranstaltungen Arnold Stadler las zu Ehren von Monika Steinkopf

Gestern Abend fand in der Nikolauskapelle im Frankfurter Stadtteil Bergen-Enkheim eine besondere Veranstaltung statt. Der 25. Stadtschreiber, Arnold Stadler, der 1998/99 in Bergen residierte, las zu Ehren der Inhaberin der ehemaligen Berger Bücherstube, Monika Steinkopf, die in diesem Jahr ihren 80. Geburtstag feierte.

Die Veranstaltung hatte die Kulturgesellschaft Bergen-Enkheim organisiert, Geschäftsführer Peter Ließmann begrüßte die Gäste in der voll besetzten Kapelle und wies darauf hin, dass Steinkopf vor ziemlich genau 40 Jahren die Berger Bücherstube eröffnet und sie fast 37 Jahre lang geführt hatte.

Zunächst plauderten Steinkopf und Stadler miteinander. Stadler bezeichnete die Buchhändlerin liebevoll als „Stadtschreiberpäpstin“, die sich sehr für die Literaturpreisträger engagierte. Zudem gab sie seit 1978 die Poetischen Blätter heraus, 40 sind es geworden. Eine phantastische Idee. „Für mich ist die Situation auf dem Podium neu, da muss ich mich erst dran gewöhnen“, bemerkte Steinkopf.

Aber warum saß an diesem Abend Arnold Stadler in der Nikolauskapelle? „Ich bekam zum Geburtstag einen Brief der Kulturgesellschaft und durfte einen Stadtschreiber zu einer Lesung einladen. Als 2003 das 25-jährige Bestehen der Berger Bücherstube gefeiert wurde, waren zehn Autoren, darunter sieben Stadtschreiber da. Arnold Stadler musste am selben Tag noch absagen. Deshalb habe ich ihn nun eingeladen, und er hat sein Versprechen eingelöst“, erklärte Steinkopf.

Stadler, 1954 in Meßkirch geboren und in Rast zwischen Donau und Bodensee aufgewachsen, musste, so nach eigenen Erläuterungen, Schriftsteller werden, weil es im 300-Seelen-Ort Rast keine Fußballmannschaft gab. Aber eigentlich wollte er wenn nicht Papst, dann wenigstens Priester werden und studierte nach dem Abitur Katholische Theologie, später außerdem Germanistik.

„Mein Urgroßvater war 1902 und 1908 als Pferdezüchter hoch dekoriert worden. Ich selbst hatte ein Pony und ein Pferd und sogar ein Klavier“, erzählte Stadler, der sich vor der Lesung ein kleines Gespräch gewünscht hatte.

Im September 2018 erschien im Patmos Verlag Was ist Glück? Nachher weiß man es. Arnold Stadler im Gespräch mit Michael Albus. Der Titel bezieht sich auf eine Geschichte im Buch Rauschzeit, S. Fischer, 2016. „Man muss als Schriftsteller Fragen stellen, die Nachhall haben“, sagte Stadler zur Frage nach dem Glück.

Steinkopf kam auf die Poetischen Blätter zu sprechen: „Als die ersten vier Stadtschreiber – Wolfgang Koeppen, Karl Krolow, Peter Rühmkorf und Peter Härtling – zugesagt hatten, ein Gedicht zu schicken, lief es eigentlich.“

Dann erzählte die Buchhändlerin die Geschichte mit dem Anruf: „Die Telefonnummer des Stadtschreiberhauses war ziemlich geheim. Dennoch wurde Arnold Stadler 1999 von der Akademie für Sprache und Dichtung vom damaligen Präsidenten [Christian Meier] angerufen und ihm mitgeteilt, dass er für den Georg-Büchner-Preis vorgeschlagen sei.“ „Ja, und ich antwortete: ‚Sie erinnern mich an meine Vergänglichkeit.’ Das erschien mir völlig richtig.“ Stadler hatte das Bild von schnell verbrennendem Werg im Kopf, eine symbolische Handlung bei der Krönung von Machthabern und bei der Papstwahl. Der Tag des Anrufes mit der Preisankündigung sei ein schwieriger für Stadler gewesen. Ihm sei der Appetit vergangen, obwohl er gerne esse: „Ich freue mich jetzt schon auf das Cordon Bleu bei der Dragi nach dieser Lesung“, schlug er eine Brücke zur Gegenwart. Hans Bender wurde an jenem Tag 80 Jahre alt, Stadler musste nach Köln fahren, wollte tanken und mit Kreditkarte bezahlen. „Das Kartenlesegerät funktionierte aber nicht. Bargeld hatte ich keins dabei. Also ließ ich meinen Ausweis in der Tankstelle zurück und sagte: ‚Ich bin doch hier der Stadtschreiber!’ Die Mitarbeiterin der Tanke entgegnete: ‚Das kann ja jeder sagen!’ Den Ausweis habe ich nie zurückbekommen“, bemerkte Stadler. Doch bis auf dieses Ereignis habe er sich in Bergen wohl gefühlt (Applaus im Saal). Er habe sogar noch ein paar Monate länger im Stadtschreiberhaus bleiben können, weil sein Nachfolger Wulf Kirsten erst später kam. „Bergen teilt mein Leben in die Zeit vor dem Stadtschreiberamt und danach“, sagte Stadler.

„Schwierig war es, ein Gedicht von Nicolas Born, dem fünften Stadtschreiber, zu bekommen“, knüpfte Monika Steinkopf an die Poetischen Blätter an. Erst später sandte er ein Gedicht. „Und Arnold Stadler wurde mit dem Nicolas-Born-Preis ausgezeichnet …“ „Ja, aber es gibt zwei solche Preise, ich habe 1995 den Nicolas-Born-Preis für Lyrik [vergeben von 1988 bis 1995 von Hubert Burda] erhalten. Ohne Lyrik geschrieben zu haben, es war für Ich war einmal, Feuerland und Mein Hund, meine Sau, mein Leben“.

Irgendwie kam das Gespräch zurück auf das Stadtschreiberhaus. „Ich würde mir wünschen, dass die Stadtschreiber mehr Zeit im Haus verbringen“, sagte Stadler und erhielt dafür Beifall.

Stadlers Gedicht für die Poetischen Blätter sei ebenfalls spät gekommen, und dann per Fax auf Thermopapier, bedauerte die ideenreiche Buchhändlerin. „Monika Steinkopf ist während ihrer Berufstätigkeit eine der größten deutschen Buchhändler für Autoren gewesen“, lobte Stadler. Die so Geehrte erwiderte: „Wir alle sind froh, dass es wieder eine Buchhandlung in Bergen gibt.“

Dann begann die eigentliche Lesung mit dem Gedicht Erinnerung an Bergen, geschrieben für Monika Steinkopf. Es folgten Passagen aus verschiedenen Büchern. „Das habe ich extra für diesen Abend zusammengestellt“, kommentierte Stadler, „nicht dass man denkt, ich lese einfach so aus meinen Sachen.“ In den Geschichten zitiert Arnold Stadler Georg Büchner und Jean Paul und stellt den Spruch auf dem Eisernen Steg in Frankfurt von Homer [Segelnd auf weindunklem Meer hin zu Menschen anderer Sprache] um.

Es war ein besonderer Abend und sicher ein besonderes Geburtstagsgeschenk für Bergens bekannteste Buchhändlerin. Am Stand von Bergen erlesen bei Anna Doepfner und Kathrin Diederichs konnte man Bücher von Arnold Stadler erwerben, die dieser gerne signierte. Das wurde vielfach wahrgenommen.

JF

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