Auszeichnungen Anja Kampmann wird 46. Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim

Gestern fand in der Nikolauskapelle im Frankfurter Stadtteil Bergen-Enkheim die traditionelle Ammes-Schneider-Lesung statt, die ihren Namen in Erinnerung an Annemarie „Ammes“ Schneider, Frau des Stadtschreiberpreis-Begründers Josef Schneider, trägt.

Leider war die Gruppe der Vorlesenden auf vier geschrumpft, da krankheits- und terminbedingt fünf der insgesamt neun Jurymitglieder absagen mussten. Selbst Adrienne Schneider, Tochter von Josef und Ammes Schneider, konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen, ließ jedoch ihre besonderen Grüße ausrichten und bedauerte sehr, nicht teilnehmen zu können.

Peter Ließmann, einer der drei Geschäftsführer der einladenden Kulturgesellschaft Bergen-Enkheim, begrüßte die Zuhörer.

Buchhändlerin Anna Doepfner, die als Bürgerjurorin neu in der Jury ist, eröffnete die Lesestunde mit Was wäre, wenn?, einem Gesprächsband, in dem Sieglinde Geisel den Schriftsteller Peter Bichsel, Stadtschreiber 1981/82, befragt. Die Interviews sind 2018 im Kampa Verlag erschienen. Bichsel versucht in seinen Antworten, „Alltagsgeleiere zu vermeiden“.

„Lesen ist eine Art des Zuhörens“, äußerte Bichsel in den Interviews. Wer zuhöre, bleibe im Gespräch. Und wie schön erzählt Bichsel die Buchtauschgeschichte in der Eisenbahn, bei der sich zwei miteinander plaudernde Männer zum Abschluss das gleiche Buch schenken.

Ulrich Sonnenschein hat Die Obdachlosigkeit der Fische von dem 2018 verstorbenen Wilhelm Genazino mitgebracht, der 1996/97 Stadtschreiber und bis zu seinem Tod Jurymitglied war. Die Erstauflage des Romans war 1994 bei Rowohlt herausgekommen. Das Buch, in dessen Mittelpunkt eine Frau steht – nicht typisch für Genazino – handelt vom Leben einer Lehrerin, von Liebe und Distanz, von Furcht vor einer dämonischen Alltagszweisamkeit.

Für Herta Müller, 1995/96 Stadtschreiberin, hatte sich Charlotte Brombach entschieden. Sie trug aus Der König verneigt sich und tötet vor, bei Hanser 2003 publiziert. Müller, deren Heimatsprache Deutsch ist, spürt der Sprache nach. Welchen Unterschied beispielsweise gibt es zwischen der Bezeichnung Löwenmäulchen und der Bezeichnung Froschgoscherl – für ein und dieselbe Blume. Doch Sprache ist weit mehr. Wie Müller mit Sprache umgeht, lässt immer wieder aufhorchen und nachdenken.

Als letzte Leserin setzte sich Renate Müller-Friese an den Lesetisch auf dem Podium. Sie las aus dem Roman Wie hoch die Wasser steigen, 2018 im Carl Hanser Verlag erschienen. Es geht um Waclaw, der auf einer Bohrinsel arbeitet, um Liebe, Zwänge, Freiheit, Leben. Es ist das Debüt von Anja Kampmann – sie wird die 46. Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim und ihr Amt zum Stadtschreiberfest am 30. August antreten. Die Festrede wird Hanns Zischler halten.

Ulrich Sonnenschein, Charlotte Brombach, Renate Müller-Friese und Anna Doepfner lasen

In der Begründung der Jury heißt es über das Erstlingswerk der 1983 in Hamburg geborenen Anja Kampmann: „2016 erschien ihr Gedichtband Proben von Stein und Licht, 2018 ihr Roman, dem man anmerkt, dass sie als Lyrikerin begonnen hat – es ist nicht einfach ein Roman, sondern auch ein großes Gedicht. Einerseits spielt es in einer gleißenden Gegenwart, andererseits in einer schwierig zu umreißenden, fernen Zeitlosigkeit. Waclaw, die Hauptfigur, arbeitet auf Bohrinseln im offenen Meer, bei globalen Konzernen, die die Bedingungen diktieren und die frühere Sklavenhaltergesellschaft nahtlos ins computergesteuerte und coole Selbstvermarktungs-Business des 21. Jahrhunderts überführen … Wie bei allen Texten, die nach der Lektüre noch im Kopf bleiben, kommt es nicht so sehr auf eine nacherzählbare Handlung an, sondern auf die Atmosphäre und die Worte, in denen und mit denen sie spielt. Und das Besondere ist, dass sich Waclaw wie eine phantasmagorische Gestalt bewegt, die etwas aus der Literaturgeschichte mit zu transportieren scheint.“

Nach der Lesung konnten die Zuhörer direkt am Büchertisch von Anna Doepfner und Kathrin Diederichs Lektüre der Stadtschreiber erwerben.

JF

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