Veranstaltungen „Alle Gedichte sind Sehnsuchtstexte“ – wie das Konzept Bänkelbar der Dichterlesung neues Leben einhaucht

Es war die Nacht des Supermonds – und die Besucher der Bänkelbar: Sehnsucht im Rahmen des Literaturfests München gingen an diesem Montag erst weit nach Mitternacht nach Hause, beseelt von Poetry & Vocals, während das übrige München schon „in seinen langweiligen Betten lag“, wie BR2-Moderatorin Judith Heitkamp genüsslich feststellte. Elke Schmitter, die Kuratorin des forum:autoren hat dieses alte Format wiederbelebt mit den Themen Heimat, Sehnsucht und Schönheit. Es war ein langer, vielseitiger Abend.

Die Neuseeländerin Hinemoana Baker sang eigene Lieder zur Gitarre, teils auf Englisch, teils auf Maori; erst mit einer Art Sprechgesang, dann mit einer kräftigen, unglaublich hohen Stimme, die an Joan Baez erinnerte. Sprachgewalt hatten auch ihre Gedichte, auf Deutsch von Elke Schmitter vorgetragen. Faszinierend, wie anders man die Welt sehen kann: Für die Maori ist der Sitz der Gefühle nicht das Herz, sondern die Leber.

Ans Herz (oder an die Leber) ging es, als sich Elke Schmitter (von Judith Heitkamp schon die „singende Kuratorin“ genannt) selbst ans Klavier setzte und drei ihrer eigenen Lieder vortrug. Rauchig, zart, sanft, brüchig und dann wieder fest sang sie die Sehnsucht in den Kellerraum, als wäre sie die Schwester von Billy Joel. Und sie sang auf Englisch, weil ihr die deutsche Sprache mit ihren harten Endlauten für das soulige Singen zu sperrig ist. „Sing mal: Schrankwand!“.

Das ist beim Kunstlied völlig anders, das die Sopranistin Cornelia Zink zum Besten gab. Tiefste Romantik zum Schmelzen, z. B. Mondnacht von Schumann nach dem Gedicht von Eichendorff. Es war, als hätt´ die Sehnsucht die Münchner still geküsst.

Joachim Sartorius trug einige seiner Gedichte vor, mit denen er die Atmosphäre seines persönlichen Sehnsuchtsraums Nordafrika und Sizilien herzauberte.

Dalmatinski Soul brachte Romano Sole auf die Bühne, der als Gitarrist viel mit schwarzen Sängern musiziert hat, von denen er unglaublich viel über Phrasierung gelernt hat.

So etwas steht in keinem Programmheft, das kann man nur erleben, wenn man hingeht: eine Minute „sehnsuchtsvolles Schweigen“ von Michael Krüger mit Judith Heitkamp. Doch dann wurde der Schriftsteller, Lyriker, frühere Hanser-Verleger und heutige Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste ausgiebig zum Schreiben befragt. Man träumt ein Leben lang davon, etwas Perfektes zu schaffen – was man nie erreicht. Erfreulich ist, dass sich bei ihm stets „ein wartendes Gedicht meldet“, wie seine soeben bei Suhrkamp erschienene Gedichtsammlung Hellwach gehe ich schlafen beweist.

Ines Honsel (Gesang) und Frank Sattler (Piano) trugen hinreißend Auszüge aus ihrem Programm Trinken und Lieben vor, beginnend eine Hommage an den frischgebackenen Literatur-Nobelpreisträger Bob Dylan (einer der wenigen, die nicht in Krügers Hanser Verlag erschienen ist).

Ernst und ergreifend wurde es dann noch einmal bei den Gedichten des Kameruner Dichters Enoh Meyomesse, der Zeilen wie „Ich habe dich vergessen, o Außenwelt“ auf Französisch vortrug, deutsch gelesen von Michael Krüger. Durch energischen Einsatz des PEN kam er aus dem Gefängnis in Kamerun frei und lebt heute in Deutschland. Eines seiner Bücher heißt Darmstadt: Eine afrikanische Liebeserklärung (Metropol Verlag).

Zum Abschluss erreichten die Gefühle ungeahnte Höhen: Romano Sole erfüllte einen Musikwunsch seines neuen Freundes Enoh Meyomesse und sang Ain´t No Sunshine When She´s Gone. Und dann gab es noch eine schön-schräge Version von Yesterday und – „one for the road“ – Hallelujah als Tribut an Leonard Cohen. Und weil es so schön war, sangen alle gemeinsam, auch das Publikum, zum Schluss Let It Be.

Wenn das kein schöner Abend war … Und noch wichtiger, er beweist: Ein Literaturfestival kann vielfältige Veranstaltungsformen ausprobieren. Dieses neue alte Format der Bänkelbar ist einfach wunderbar.

Ulrich Störiko-Blume

 

 

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