Zum Vormerken – der Termin für das nächste Jahr ist der 8.-10. Mai 30. avj-Praxisseminar: „Kommet, Ihr Kunden!“

Heute ging in Fulda das 30. avj-Praxisseminar zu Ende. Renate Reichstein, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen, und Geschäftsführerin Margit Müller begrüßten als Tagungsleiterinnen über 30 Buchhändlerinnen und Verlagsmitarbeiterinnen, die von Freitag Mittag an über das Thema „Kommet, Ihr Kunden, kommet zu Hauf! Endkundenmarketing für Buchhandlungen und Verlage“ diskutierten. Das Eröffnungsreferat hielt Jana Lippmann, Leiterin Marktforschung im Börsenverein. Sie fasste die Ergebnisse der Studie „Quo vadis, Buchkäufer?“ zusammen und berichtete, was seit der Veröffentlichung vor über einem Jahr passiert ist.

Jana Lippmann

Die Marktforschung hatte gezeigt: Käufer und Leser gehen dem Buchmarkt vor allem in den Altersgruppen 20-49 verloren. Menschen fühlen sich häufig durch einen eng getakteten Alltag überfordert und sehnen sich nach Entschleunigung. Trotzdem ist Bücher Lesen in vielen Freizeitsituationen keine oder nur eine von vielen Optionen. Statt dessen haben häufig Serien die Stellung von Büchern übernommen. Und Bücher sind zunehmend aus dem öffentlichen Diskurs und dem persönlichen Blickfeld verschwunden.

Positiv festhalten lässt sich: Bücher Lesen wird als Ruhepol empfunden. Es gilt, Wege zu finden, auf denen Bücher zum Kunden kommen – wie andere Medien auch. Erlebnisse rund ums Buch und sozialer Austausch sollen dabei auf das verstärkte Bedürfnis des Socializing einzahlen und Menschen in Kontakt mit Menschen bringen. Viele Buchhandlungen und Verlage haben ihre Anstrengungen, Kunden zu gewinnen und zu halten nach dem Weckruf der Studie bereits verstärkt. Im Börsenverein arbeiten zwei Tasc Forces an den Themen Image und Orientierung. 2018 konnten im Vergleich zum Vorjahr rund 300.000 Buchkäufer hinzugewonnen werden.

Im Plenum wurden anschließend Erfahrungen zusammengetragen. So würden Jugendliche sich häufig nicht ernstgenommen fühlen, wenn sie die Klappentexte der für sie gedachten Bücher lesen würden, berichteten mehrere Buchhändlerinnen. Es sei schwierig, gegen schlechte Cover anzureden, das sei ein „Killer“ für ein gutes Buch. Geschichten müssten schneller Fahrt aufnehmen, damit sie nicht wieder weggelegt werden. Es werde vor allem im Urlaub gelesen – der Buchkauf sei also weniger eine Frage des Angebots als eine des Zeitbudgets. Wiebke Schleser, BuchSegler, Berlin, stellte fest: „Die Altersgruppen 20 bis 49 kommen wieder stärker in den Laden, weil sie jetzt Eltern sind und sich an frühere Lese-Erlebnisse erinnern, die sie an ihre Kinder weitergeben möchten.

Dana Kabbani

Den Samstag moderierte Dana Kabbani, m-konzepte.de, Hamburg. Sie stellte eingangs die Frage: Nach welchen Kriterien können Kunden segmentiert werden? Die Gruppe der intensiven Buchleser und -käufer könne man wohl auf etwa fünf Prozent der Bevölkerung beziffern, gegenüber fast 50 Prozent, die aus unterschiedlichen Gründen wenige oder gar keine Bücher lesen und kaufen. Anhand des Personas-Modells wurden dann in mehreren Arbeitsgruppen zunächst unterschiedliche Kundentypen definiert und für jeden von ihnen eine Customer Journey erarbeitet. Beschäftigte man sich zunächst mit Kunden, die alle auf unterschiedlichen Wegen in die Buchhandlungen kamen, ging es im zweiten Schritt darum, Ideen zu entwickeln für diejenigen, die Buchhandlungen in der Regel nicht betreten. Dabei kristallisierte sich ein gemeinsamer Ansatz heraus: Man muss die Bücher dorthin bringen, wo die gewünschten Kunden für den Buchhandel sich aufhalten.

Klaus Willberg

Den Abschluss-Vortrag hielt am Sonntag Klaus Willberg, Praxisorientierte Unternehmerberatung in Asperg. Vor seiner Selbständigkeit war er als Verleger bei Thienemann tätig und engagierte sich sieben Jahre in der avj. Der Buchbranche ist er noch durch seine Tätigkeit im Verwaltungsrat von Kein & Aber verbunden, „aber mit Abstand: räumlich, zeitlich, emotional“. Im Rahmen seiner neuen Tätigkeit hat er zwei Unternehmerboards etabliert, die sich TAB (The alternative Board) nennen. Das sind Runden von zehn Personen, die entscheidungsberechtigte Geschäftsführer in unterschiedlichen Unternehmen sind, die nicht in Konkurrenz zueinander stehen. Bei monatlichen Board-Meetings tauscht man sich miteinander aus, strikte Vertraulichkeit ist die Voraussetzung. Dabei gehe es auch darum, nicht im Unternehmen, sonder am Unternehmen zu arbeiten. Dazu kommen Einzelcoachings.

Willberg plädierte dafür, in der Kinderbuchbranche das Kind als „Anfangskunden“ nicht aus dem Auge zu verlieren. Außerdem warnte er davor, immer nur branchenintern zu denken, forderte dazu auf, sich stetig zu hinterfragen, was Sinn und Zweck des eigenen Unternehmens ist und zitierte Gustave Flaubert: „Der Erfolg ist eine Folgeerscheinung. Niemals darf er zum Ziel werden.“

Andrea Fölster, S. Fischer Kinder- und Jugendbuchverlage, performt das „v“ der avj

Wie in jedem Jahr nutzten die Teilnehmerinnen die Pausen und die Abende, um sich miteinander auszutauschen. Und zu feiern: Zum einen hatte Heike Kramer, Verlagsgruppe Random House, nach ihrer Teilnahme an zehn avj-Praxisseminaren die „Partie“ erreicht und durfte in diesem Jahr gratis dabei sein. Zum anderen konnte man auf zwei Geburtstage anstoßen: Den 65. von Renate Reichstein und den 30. des avj-Praxisseminars. Im nächsten Jahr wird es vom 8. bis zum 10. Mai stattfinden.

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