Mit dabei sind prominente Namen wie u.a. der Niederländer Cees Nooteboom und die Nobelpreisträgerin Herta Müller 21. Internationales Lyrikertreffen in Münster findet vom 24. bis 26. Mai statt

Nobelpreisträgerin Herta Müller gibt Einblicke in ihre außergewöhnliche Arbeitsweise mit Klebestift und Nagelschere

Beim ersten Internationalen Lyrikertreffen vor 40 Jahren war der Große Hörsaal am Schlossplatz in Münster ausverkauft. Erich Fried, der streitbare Dichter politischer Poesie, las sogar im Freien. Ein großer Erfolg. Alle zwei Jahre trafen sich fortan Lyrikerinnen und Lyriker in Münster, um ihre Gedichte vor Publikum auszuloten. Vom 24. bis zum 26. Mai wird Münster in diesem Jahr wieder zum Zentrum für Gegenwartspoesie.

„Heute, zur 21. Ausgabe sind über 20 Dichterinnen und Dichter aus sieben Ländern zu Gast. Mit dabei sind prominente Namen wie der Niederländer Cees Nooteboom und die Nobelpreisträgerin Herta Müller, aber auch neuere Stimmen wie Carolin Callies und Nancy Hünger“, freut sich Kulturdezernentin Cornelia Wilkens über das internationale Flair zum Lyrikertreffen in Münster.

Zum Höhepunkt und Finale vergibt die Stadt Münster am Sonntag, 26. Mai, im barocken Erbdrostenhof ihren Preis für Internationale Poesie an den russisch-amerikanischen Autor Eugene Ostashevsky und seine beiden deutschen Übersetzerinnen Monika Rinck und Uljana Wolf für den Gedichtband Der Pirat, der von Pi den Wert nicht kennt.

Das Festival ist eine gemeinsame Veranstaltung vom städtischen Kulturamt und dem Literaturverein und gehört zu den herausragenden Kulturereignissen in Münster, was auch überregional wahrgenommen wird: „Wir freuen uns sehr, dass die Kunststiftung NRW das Lyrikertreffen in diesem Jahr fördert“, so Wilkens.

Dem künstlerischen Leiter Hermann Wallmann stand zum ersten Mal eine Gastkuratorin zur Seite. Die Schriftstellerin Anja Kampmann, im Jahr 2018 für den Leipziger Buchpreis nominiert, bringt lyrische und musikalische Stimmen zusammen. In Leipzig hat sie gemeinsam mit dem Verein „forma“ die Veranstaltungsreihe „Tektonik“ für Lyrik und Neue Musik gegründet. In Münster wird sie mit der Kontrabassistin Sophia Scheifler ein Late-Night-Programm mit eigenen Gedichten präsentieren. Zudem stellt sie als Kuratorin gleich drei Kollegen vor: José F. A. Oliver, Sohn einer spanischen Gastarbeiterfamilie, Nikola Madzirov aus Mazedonien und Nancy Hünger aus Erfurt. Begleitet werden sie von dem griechischen Komponisten und Pianisten Ermis Theodorakis. 

Die Kunst des Übersetzens

Zum Start des Lyrikertreffens richtet sich der Blick nach Syrien – und auf die Kunst des Übersetzens. In der Anthologie Deine Angst – Dein Paradies hat Herausgeber Hans Thill Gedichte von syrischen Autorinnen und Autoren und ihren Übersetzern versammelt. Welche Tücken das Sprach-Handwerk birgt, machen Aref Hanza, Lina Atfah und Mohammed Al-Matroud gemeinsam mit ihren deutschen Kollegen Julia Trompeter, Brigitte Oleschinski und Joachim Sartorius in einem öffentlichen Workshop erfahrbar.

Mit Thilo Krause erlebt man einen Lyriker mit ungewöhnlicher Biografie: Er ist promovierter Wirtschaftswissenschaftler und arbeitet in Zürich beim Elektrizitätswerk. Aktuelle Poesie aus Großbritannien bringt die vielfach ausgezeichnete Lyrikerin Jo Shapcott auf die Bühne. Und Carolin Callies liest aus ihrem Gedichtband Schatullen & Bredouillen, der in diesem Jahr ihrem ebenso klangvollen Debüt Fünf Sinne & nur ein Besteckkasten folgte.

Auch Cees Nooteboom bringt neue Gedichte mit. Sein aktueller Band Mönchsauge spielt auf den Namen der westfriesischen Insel Schiermonnikoog an. „Die Gedichte sind aber nicht nur dort, sondern auch auf Menorca, dem spanischen Sommerdomizil des Autors, entstanden“, verrät Hermann Wallmann.

Nobelpreisträgerin Herta Müller gibt Einblicke in ihre außergewöhnliche Arbeitsweise mit Klebestift und Nagelschere. Die Lyrikerin versteht sich als Regisseurin, wenn sie ausgeschnittene Zeitungswörter zu Gedichten komponiert. Die Wort-Gebilde werden nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen sein.

Neue sinnliche Eindrücke

Neue sinnliche Eindrücke versprechen auch Poesiefilme, die einige Lyriklesungen ergänzen. „Wir ziehen damit eine Verbindung zum münsterschen Poesiefilmfestival ZEBRA“, erklärt Kulturamtsleiterin Frauke Schnell. Auch die Veranstaltungsreihe POETRY, die im Vorfeld des Lyrikertreffens stattfindet, wird sich stärker als bisher auf das Lyrikertreffen beziehen. Zudem gibt es Berührungspunkte mit der Westfälischen Wilhelms-Universität. So bot beispielsweise das Germanistische Institut ein Seminar zum Lyrikertreffen an, und neben dem Theater Münster wird die Studiobühne der Uni ein Veranstaltungsort sein. „Solche Vernetzungen möchten wir in den kommenden Jahren noch intensivieren“, so Frauke Schnell.

Sehr beliebt sind weiterhin die Schullesungen, bei denen Lyriker in Klassenzimmern live von ihrer Arbeit berichten. Es gab bereits Vormerkungen von Schulen, obwohl das Programm noch gar nicht veröffentlicht war. Fester Bestandteil des Lyrikertreffens ist auch weiterhin das Memorial, das dieses Mal Paul Celan gewidmet ist. Ein Vorgriff auf das Celan-Jahr 2020, wenn der 100. Geburtstag und der 50. Todestag des Ausnahmelyrikers zusammenfallen. Der Autor und Literaturkritiker Helmut Böttiger wird in Münster Celans jüdische Familiengeschichte, sein lyrisches Werk und seine Liebe zur Schriftstellerin Ingeborg Bachmann beleuchten. Poetologisch in die Tiefe geht Autor und Literaturkritiker Christian Metz mit seinem Grundsatzvortrag „Warum Lyrik“, der sich an eine Bestandsaufnahme des Lyrikbooms der vergangenen 20 Jahre wagt.

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