Reprodukt-Herausgeber Dirk Rehm über den "Kindercomictag 2019" und die Etablierung von Kindercomics im Buchhandel „Comics leisten keinesfalls der Verdummung der Kinder Vorschub, sondern eignen sich bestens für erste Leseerfahrungen“

Dirk Rehm

Das Berliner Comic-und Graphic Novel-Label Reprodukt organisiert gemeinsam mit der Berliner Comicshop-Institution Modern Graphics am 25. August in der Filiale in der Kastanienallee den Kindercomictag – ein kleines Festival mit Lesungen, Workshops und anderen Events für Kids und Eltern rund um das Thema Kindercomic. Ziel der Veranstaltung ist es auch, Kindercomics im Buchhandel zu etablieren und ihnen mehr Präsenz zu verschaffen. Wir sprachen dazu mit Reprodukt-Herausgeber Dirk Rehm:

BuchMarkt: Lieber Herr Rehm, im Gegensatz zu Frankreich oder den USA  hatte der Comic in Deutschland jahrzehntelang  den Ruf, ein reines Kinder- und Jugendmedium zu sein.  Reprodukt hat wie kein zweiter Verlag so viel dafür getan, um dieses Bild zu korrigieren und anspruchsvolle, literarische Comics für Erwachsene auf dem Markt zu etablieren. Seit 2013 hat Reprodukt nun ein eigenes Segment für Kindercomis. Was war der Gedanke hinter der Gründung der neuen Verlagssparte?

Die „Reprodukt-Familie“

Dirk Rehm: Die Motivation war zunächst recht eigennützig. Viele der Verlagsmitarbeiter sind in den Nuller- und Zehnerjahren Eltern geworden, und wir hatten das Bedürfnis, unseren Kindern den Spaß an Comics zu vermitteln. Nicht nur über „Lustige Taschenbücher“ oder „Petzi“, sondern auch über individuellere Stoffe und Zeichenstile. So kam es dazu, dass wir zunächst aus Frankreich Kleiner Strubbel und Ariol übersetzt haben, und dann langsam ein größeres Kindercomic-Programm ausgebaut und auch Stoffe von deutschen Autor*innen und ZeichnerInnen vorgelegt haben.

Nach einem etwas mühsamen Beginn, trägt das Kindercomics-Programm mittlerweile Früchte – manche Titel verkaufen sich sehr gut. Der Prozess der Etablierung von Kindercomics im Buchhandel aber bedeutete zunächst die gleichen Schranken zu überwinden, die es schon vor der größeren Verbreitung von Graphic Novels zu öffnen galt: Buchhändler – in diesem Fall Kinderbuchhändler – müssen davon überzeugt werden, dass Comics keinesfalls der Verdummung der Kinder Vorschub leisten, sondern im Gegenteil erste Leseerfahrungen sehr gut mit Lesen in Bildern gemacht werden können. Auch ohne große Hilfestellung gelingt es kleinen Kindern sehr gut, etwa bei Kleiner Strubbel die Leserichtung zu erfassen und nach einem kurzen Anlauf der Geschichte selbstständig zu folgen. So lernen sie, „Bilder zu lesen“, und der nächste Schritt, Bilder mit Worten zu lesen, ist dann nur noch ein kleiner.

Welche Altersgruppen wollen Sie mit ihrem Programm ansprechen? Worauf achten Sie bei der Auswahl ihrer AutorInnen und Stoffe?

Klick mich

In unseren Katalogen wird bei jeder Serie oder jedem einzelnen Comic ein Lesealter zugewiesen. Das jüngste Lesealter haben wir bei Kleiner Strubbel, denn hierbei handelt es sich um einfach zu erfassende Comics ohne Worte. Nach kurzer Anleitung können auch Kleinkinder versuchen, dem Lesefluss der Panels zu folgen und zu ersten eigenen Lese-Erfolgserlebnissen zu kommen. Derzeit rangiert das Lesealter für unsere Comics zwischen 2 und 10 Jahren, mit der Absicht, uns uns weiter an ältere Leser*innen heranzutasten.

Wenn die Kinder in einem Alter sind, ihr Taschengeld selbst in Comics zu investieren, wird heute zumeist zu Manga-Taschenbüchern gegriffen, die sowohl inhaltlich als auch von der Preisgestaltung her vor allem mit Blick auf die Zielgruppe Teenager produziert werden. Da müssten wir dann mit anderen Verkaufspreisen und Auflagen kalkulieren. Comics zu kaufen, muss zunächst ein starkes Interesse bei den zukünftigen Lesern voraussetzen, das geweckt werden will. Die Taschenbuchversion von Mawils „Kinderland“ zu einem Verkaufspreis von 9,95 Euro  ist ein erster – erfolgreicher – Versuch in diese Richtung. Der eine oder andere Titel wird sicher bald folgen …

In der jüngeren Vergangenheit haben auch klassische Kinderbuchverlage wie Klett Kinderbuch („Mira“) oder Beltz („Toni“) Kindercomics ins Programm genommen. Wie nehmen Sie die Entwicklungen auf dem Markt wahr? Hat sich der Kindercomic im Buchhandel etabliert? Und wie erfolgreich ist das Segment bei Reprodukt im sechsten Jahr nach der Gründung?

Der Kindercomic ist in meiner Wahrnehmung immer noch das Stiefkind in vielen Kinderbuchabteilungen und wird von den Buchhändler*innen gerne in den Bereich Comic und wieder zurückgeschoben. So ganz sind wir über das hartnäckige Vorurteil, dass Comic „Schund“ seien, noch nicht hinweg. Wir sind eher dankbar, dass andere Verlage Kindercomics ins Programm nehmen, da es für die Wahrnehmung des Segments insgesamt einen positiven Effekt hat.

Wir freuen uns vor allem über die Nachhaltigkeit der Verkäufe – Serien wie Kleiner Strubbel, Kiste oder Ariol laufen sehr gut und beständig und machen sicher vor allem dank Mundpropaganda die Runde unter jungen Lesern und Eltern.

Morgen veranstalten Sie zusammen mit dem Berliner Comicshop „Modern Graphics“ einen Kindercomictag. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Zusammen betreiben wir einen Comicladen in der Berner Kastanienallee, der für uns vor allem als Schaufenster in die Welt gedacht ist. Hier präsentieren wir regelmäßig Buchpremieren, Lesungen, Workshops und eben auch den Kindercomictag, den wir im vergangenen Jahr ins Leben gerufen haben, weil wir Spaß daran haben, uns mit Kindern zu beschäftigen und es so eine Veranstaltung in Berlin bislang nicht gab.

Der Kindercomictag findet bereits zum zweiten Mal statt. Welche Erfahrungen haben Sie 2018 gemacht. Was ist für die heutige Version des Festivals geplant?

Der erste Kindercomictag war zunächst mal hervorragend besucht. Bei schönstem Sonnenschein wurden auf dem Bürgersteig und im Laden Comics gelesen, es wurde gebastelt, geschminkt, gezeichnet und vorgetragen. Gerne möchten wird das etablieren und jedes Jahr im August so ein Event gestalten.

Gibt es einen Kindercomic aus Ihrem Verlag, den Sie uns für eine sonntägliche Familienlektüre am meisten ans Herz legen würden?

Das hängt ganz vom Alter der Kinder ab. Für die Kleinsten sicher die charmante Hundebande von Dorothée de Monfreid oder Kleiner Strubbel, dann mit aufsteigendem Lesealter Paula und Kiste und Q-R-T und für schon etwas ältere Mädchen Die vier Schwestern, Akissi oder Hilda.

 

 

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