Mikolaj Malaczynski und Philipp Ortmaier im Sonntagsgespräch über die Übernahme von readfy durch Legimi „Die große Eruption auf dem E-Book Markt ist ja bekanntlich immer noch ausgeblieben. Doch zeigt der Trend eindeutig in Richtung digitale Produkte“

Der polnische E-Book-Anbieter Legimi hat die readfy GmbH  übernommen. Das hatten wir zu Beginn der Woche gemeldet aber nachgefragt: Warum?

Herr Malaczynski, warum hat sich Legimi entschieden readfy zu kaufen? Welche Gründe können Sie uns nennen? 

Mikolaj Malaczynski: „Digitale Plattformen wie unsere sprechen mehrere Nutzergruppen an, aber „traditionelle“ Buchkäufer konzentrieren sich eigentlich nur auf diese“.

Mikolaj Malaczynski: Zuallererst fragte mich meine deutsche Familie oft, wann sie Legimi auch in Deutschland nützen könnten, da es zu diesem Zeitpunkt nur in Polen verfügbar war. Damit sie zufrieden sind, war der einfachste Weg, „etwas aus dem Regal zu kaufen“ anstatt es von Grund auf neu zu entwickeln (Lachen). Aber im Ernst – Readfy präsentiert sehr vielversprechende Kennzahlen – hauptsächlich in Bezug auf das Nutzerengagement und das organische Wachstum. Wir sind der festen Überzeugung, dass das Freemium-Modell eine gute Ergänzung für ein Premium-Abonnement ist. So funktionieren viele andere Medienplattformen, einschließlich Spotify oder YouTube. Readfy verfügt über ein eigenes unabhängiges Geschäftsmodell mit Wachstumspotenzial und geringer Markteintrittsbarriere. Es ist nicht erforderlich, Inhalte von illegalen Piraten-Webseiten zu „stehlen“ wenn Sie gute Bücher kostenlos finden, oder? Dies sollte jedoch mit einer Premium-Option einhergehen, um die Benutzer zu einem Upgrade zu motivieren und so Mehrwert sowie – einfach gesagt – Geld für die Verlage und den gesamten Markt bereitzustellen. Aus diesem Grund möchten wir die 400.000 Readfy-Nutzer dazu ermutigen, über eine Umstellung ihrer Benutzererfahrung von einfach auf Premium nachzudenken. Dies wird den Nutzern bei einem Upgrade auf unseren E-Reader für 1 EUR- mit Abo-Option oder bei der Verwendung von „Synchrobooks“ möglich sein (beide Formate werden über die Cloud geräteübergreifend kombiniert und synchronisiert).

Nach dem Kauf von readfy durch Legimi, wie geht es weiter? Mit readfy? Mit Legimi? Was sind Ihre Pläne für den deutschen Markt?

Beide Marken werden nebeneinander weiter bestehen bleiben. Benutzer von Readfy müssen sich keine Gedanken machen – sie können mit einer Weiterentwicklung der App rechnen. Wir werden sie aber später dazu einladen die neue und verbesserte Version von Legimi.de auszubprobieren – in Kürze wird unser neues Branding und ein neues Layout der Website und der App auch in Deutschland zur Verfügung stehen.

Philipp Ortmaier: „Die große Eruption auf dem E-Book Markt ist ja bekanntlich immer noch ausgeblieben. Dennoch zeigt der Trend wie in vielen anderen Branchen eindeutig in Richtung digitale Produkte“

Philipp Ortmaier: Wie Mikolaj bereits gesagt hat: readfy wird als eigenständiges Angebot in seiner bisherigen Form weiter bestehen bleiben. D.h. für den Nutzer von readfy ändert sich nichts: readfy wird weiter werbefinanziertes Lesen in der App anbieten. Für readfy haben wir jetzt endlich wieder das große Plus, einen innovativen und starken Partner als Eigentümer zu haben. Erste Synergien wurden zwischen Legimi und readfy daher schon gebildet. Diese gilt es nun weiter auszubauen. Readfy wird davon profitieren, auf IT-Ressourcen oder die Marketingerfahrung  von Legimi zurückgreifen zu können.

Und Sie sind froh über den Deal?

Für mich als Geschäftführer der readfy GmbH muss ich sagen, dass ich sehr glücklich bin, Legimi als neuen Eigentümer gefunden zu haben. Die Chemie und der digitale Spirit beider Unternehmen passen gut zusammen – das haben wir schon sehr schnell nach den ersten Gesprächen gemerkt.  Der Match zwischen den innovativen Premiumprodukten von Legimi, wie das Angebot mit einem E-Reader für 1,- € im Leseabo, Synchrobooks, mit denen User einfach zwischen Lesen und Hören wechseln können oder einem attraktiven Gutscheinprogramm, sind tolle Angebote nicht nur für readfy Nutzer – davon bin ich überzeugt.

Gibt es schon konkrete Schritte, die Sie uns verraten können? Was erhofft sich Legimi durch den Kauf von readfy?

Mikolaj hat ja bereits in der Frage davor einiges beschrieben. Dazu kann ich noch ergänzen, dass ich bereits seit Anfang 2019 in die Rolle des General Managers für Legimi.de geschlüpft bin. Mit vielen Kollegen in der Branche habe ich auch schon in dieser Rolle gesprochen und wir arbeiten bereits mit Hochdruck daran, das Angebot von Legimi in Deutschland weiter zu verbessern – sowohl auf der technischen Seite als auch vom Inhalt, also Content. Der erste und wichtige Schritt wird die neue Webseite Legimi.de sein, welche wir in Kürze veröffentlichen werden. Einen kleinen Vorgeschmack kann man bereits auf der polnisches Webseite bekommen. Auch die Android und iOS-Apps von Legimi werden wie bereits gesagt demnächst ein Update mit neuen Features erhalten.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Entwicklung auf dem E-Book Markt in Deutschland?

Mikolaj Malaczynski: Es ist ein sehr etablierter und ausgereifter Markt, aber ein bisschen „zu konservativ“ für das Tempo der Entwicklung im Internet. Wir haben bereits Einblicke in den chinesischen Marktt, wo wir ein Pilotprojekt durchführen – dies ist ein völlig anderes Universum, in dem selbstveröffentlichte Inhalte und alternative Geschäftsmodelle die Herrschaft in der „Mobile First“ -Gesellschaft übernehmen. Wir erwarten nicht, dass sich die Dinge in Deutschland schnell ändern, aber wir wissen, dass die Richtung unvermeidbar ist. Deshalb wollen wir dabei sein, unseren Learnings teilen und die Zukunft mitgestalten.

Philipp Ortmaier: Die große Eruption auf dem E-Book Markt ist ja bekanntlich immer noch ausgeblieben. Dennoch zeigt der Trend wie in vielen anderen Branchen eindeutig in Richtung digitale Produkte. Daher arbeiten wir hart daran, unser Angebot stetig zu verbessern. Wir müssen weiter innovativ und mutig bleiben. Die Entwicklung im E-Book-Bereich ist noch lange nicht vorbei. Wir wollen zu den digitalen Vorreitern gehören und mit unseren Angebotenden Markt hierzulande deutlich mitprägen.

Sind ihre Leser identisch wie  die „normalen“ Buchkäufer? 

Mikolaj Malaczynski: Digitale Plattformen wie unsere sprechen mehrere Nutzergruppen an, aber „traditionelle“ Buchkäufer konzentrieren sich eigentlich nur auf diese. Zuallererst erweitern wir den Fokus der Zielgruppe auf Bücher für Aktivitäten, bei denen es nis jetzt unwahrscheinlich war, dass sie dazu ein Buch dabei haben – beim Pendeln, im Urlaub mit einer Gepäckbeschränkung, beim Warten in einer Warteschlange oder beim Autofahren, beim Laufen oder Putzen. Unsere Nutzer behaupten, dass sie nicht aufhören, gedruckte Bücher zu kaufen (25% kaufen sogar denselben Titel, den sie in einem Abonnement digital gelesen haben), sondern dass sie ihr Leseverhalten auf die nächste Stufe „beschleunigen“ und einfach mehr lesen. Abonnenten neigen auch eher dazu, neue Autoren und Genres auszuprobieren. Abgesehen davon ziehen wir Leser an, die Dateien bis jetzt von nicht autorisierten Quellen herunterladen – beispielsweise bei Facebook in geschlossenen Gruppen oder über freigegebene Laufwerke, die nicht öffentlich verfügbar sind. Wir definieren dieses Publikum nicht als „Piraten“, sondern als Kunden, die bis jetzt nicht gut genug bedient wurden. Wir wollen sie also zu zahlenden Kunden „wandeln“. Die Hauptmotivation dieser Gruppe, das Kaufen zu umgehen, besteht darin, vor dem Bezahlen eine bessere und kostenlose Verfügbarkeit des Inhalts zu haben. Readfy und Legimi sind keine „Läden“, sondern „Bibliotheken“ – so sehen wir unsere Position auf dem Markt.

Philipp Ortmaier: Digitale Produkte ergänzen den Markt. Musikliebhaber kaufen durchaus noch CD’s (oder sogar wieder Schallplatten), nutzen aber auch Streamingdienste wie Spotify. Ähnliches gilt für Filmliebhaber, die weiter ins Kino gehen aber eben auch bei Netflix oder Amazon Prime zu finden sind. Ich selber bin ausgebildeter Buchhändler im klassischen Sortiment, genieße es aber in Buchhandlungen zu gehen und werde auch weiterhin gedruckte Bücher kaufen. Auf meinen e-Reader möchte ich dennoch nicht verzichten. Auch dürfen wir einfach nicht die kommende Genration an beispielsweise die Videospielbranche kampflos verloren geben. Nein, wir müssen Alternativen schaffen. Wenn man das Smartphone in der Hand hat, sollte man zumindest die Möglichkeit haben, Bücher lesen zu können. Dem digitalen Wandel und seinen Vorteilen darf man sich nicht verschließen und vor allem keine Angst davor haben. Auch der stationäre Buchhandel kann davon profitieren, davon bin ich überzeugt.

Welche Herausforderungen gilt es in der Zukunft zu stemmen? Für die Buchbranche? Für Ihre Unternehmen?

Mikolaj Malaczynski: Die größte Herausforderung für die Branche ist aus meiner Sicht die ständige Veränderung der Lesegewohnheiten, insbesondere der jungen Generation. Neue Medienplattformen setzen Big Data und KI ein, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und zu lenken – sie wissen, wie sie dieses Ziel erreichen können. Das Buch ohne ähnliche Technologie ist unbewaffnet. Das Geschichtenerzählen gibt es schon seit Jahrhunderten und es ist in der Kultur gut etabliert, aber ohne Zweifel gibt es einnehmendere Medien – soziale Medien, Spiele, Videos, um nur einige zu nennen. Wir alle arbeiten im Bereich „Aufmerksamkeit“. Ich gehe davon aus, dass Flatrate-Plattformen langfristig derselben Liga beitreten werden. Die Herausforderung besteht darin, nachhaltige Vergütungsmodelle zu schaffen, um die Arbeit der Autoren angemessen zu kompensieren, die den tatsächlichen Wert des gesamten Systems erhöht haben und so der Plattform und anderen Autoren dabei zu helfen, ihre Titel zu verkaufen. Weitere Herausforderungen für unser Geschäft besteht darin, die Einstellung der fünf größten Verlage zum Abonnement zu ändern und ein System zu entwickeln, bei dem es sich einfach auszahlt, Inhalte auf diese Weise zu monetarisieren.

Philipp Ortmaier: Für readfy möchte ich ergänzen: readfy kann jetzt das erste Mal seit längerer Zeit wieder ein wenig durchatmen. Wichtige IT-Themen und Projekte, die lange in den Schubladen geschlummert haben, können nun angegangen werden. Für readfy und Legimi gilt es nun, die bereits gelegten Synergien weiter zu vertiefen, und dann im Idealfall zwei sich ergänzende Produkte zu haben, die es dem Nutzer leicht machen, von einem zum anderen zu wechseln.
Die Buchbranche wird weiterhin die Herausforderung haben, den digitalen Wandel zu stemmen und gleichzeitig alte und bewährte Strukturen zu bewahren. Ich habe mich auch sehr über die KNV-Rettung diese Woche gefreut und schlage Tobias Wahl als „Buchmensch des Jahres“ vor.

Letzte Frage: Wir haben gehört, dass Legimi in Kürze an die Börse in Polen gehen wird. Können Sie uns dazu mehr verraten?

Mikolaj Malaczynski: Das ist richtig. Dies ist Teil unserer Strategie, den Lesern die Möglichkeit zu geben, auf Aktionärsebene mit dem Unternehmen zu interagieren. Der Börsengang zielt nicht auf eine Auszahlung der bestehenden Inhaber ab. Wir sind uns bewusst, dass die Zukunft eines Abonnements wie unseres stark vom Wert der Mitgestaltung durch unsere Partner abhängt – Nutzer, Inhaltsanbieter, Wiederverkäufer, Investoren. Was ist der Sinn der Strategie? Was ist der Standpunkt? So funktioniert „Open Innovation“ – wir wissen, dass wir in dieser Phase der Marktentwicklung kein geschlossenes Unternehmen mehr sein können.

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

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