Mit der Edition Zeitblende gründet der AT Verlag ein Imprint für kulturgeschichtliche Titel - Herausgeber Gerd Wagner über ... … die Idee, trotz abnehmender Leserschaft ein neues Imprint im Markt zu platzieren

Die Edition Zeitblende ist jung. Sie wurde im Jahr 2017 als selbstständiges Imprint des AT Verlages in Aarau gegründet. Gestartet wurde das Programm mit den Poesien des Alltags, die auf der Leipziger Buchmesse im März 2018 präsentiert wurden. Das sind kleine illustrierte Hefte, die sich mit Gegenständen beschäftigen, die uns tagtäglich umgeben und bei denen es lohnt, einmal einen genaueren Blick auf sie zu werfen. Im Herbst 2018 folgen jetzt die Bücher. Jährlich werden etwa 10 Titel erscheinen.

Wir sprachen mit dem Herausgeber Gerd Wagner über Pläne, Ziele und die ganz besondere Idee dahinter:

Gerd Wagner: “Hauptkriterium, warum wir ein Buch machen, ist die Relevanz des Themas und die Lesbarkeit des Textes. Man muss ein solches Buch lesen können wie einen spannenden Roman. Und eins wäre noch wichtig zu sagen: wir entwickeln, bis auf wenige Ausnahmen, alle Bücher selbst und kaufen keine Lizenzen ein” (c) Maximilian van Poele

Laut neuesten Statistiken gibt es immer weniger Leser. Die Umsätze bleiben nur deshalb einigermaßen stabil, weil die Preise für Bücher moderat ansteigen und die buch-affinen Menschen mehr Bücher kaufen. Wie kamen Sie in der Situation auf die Idee, ein neues Imprint im Markt platzieren zu können?

Gerd Wagner: Um das zu erklären, muss ich leider ein wenig ausholen. In dem wahnwitzigen Konzert, das in der modernen medialen Welt tagtäglich veranstaltet wird, um unsere Aufmerksamkeit zu erregen, in einer Welt in der die Flüchtigkeit zum Grundprinzip erhoben wird, ist das gedruckte Buch mit seinem Beharrungsvermögen der berühmte Fels in der Brandung. Es scheint zu rufen: Halt ein, besinn Dich, denk noch einmal nach. Damit hat das Buch in unserer Gesellschaft eine enorm wichtige Funktion übernommen, vielleicht ist es wichtiger denn je. Damit scheint mir schon einmal die grundsätzliche Frage beantwortet, warum man überhaupt noch gedruckte Bücher machen sollte. Wie viele Leute das auf Dauer bemerken, wird sich noch erweisen. Ohnehin ist es ja nicht nur eine Frage der Quantität, sondern der Relevanz. Es gibt da in der Medienwelt diverse Beispiele, die dem Untergangsgerede vollkommen entgegenstehen. Mit dem Aufkommen des Internets wurden Museen als überflüssig erklärt. Die CD schien der Tod der Schallplatte, das ebook wird gedruckte Bücher überflüssig machen…..

Es verändern sich Dinge und da alles im Fluss ist, müssen sich der Buchhandel, das Verlagswesen und auch die Bücher selbst den neuen Verhältnissen anpassen. Wie heißt der schöne Satz: Nur wer sich ändert, bleibt sich treu!

Die Antwort darauf, warum man dem Ganzen noch eine neue Stimme hinzufügen sollte, war für uns von Anfang an klar. Wir haben auf der einen Seite Ideen, die man nur mit Hilfe des gedruckten Buches vermitteln kann und andererseits gibt es genügend Menschen, die eine Sehnsucht nach Verlässlichkeit und vor allem auch Schönheit besitzen. Denn das gedruckte Buch besteht ja im Wesentlichen aus zwei Komponenten. Dem Inhalt und der Form. Man nimmt ein Buch in die Hand, weil einen das Thema oder der Autor interessiert, aber eben auch, weil es ein schöner Gegenstand ist. Optik, Haptik und Geruch spielen eine wesentliche Rolle, ob ich ein Buch mit nach Hause nehmen will. Hier haben wir mit der Edition Zeitblende – und da sind wir uns sicher – einiges zu bieten, was auch auf dem strapazierten Buchmarkt wahrgenommen werden wird.

Wie kamen Sie, die Edition Zeitblende und der AT Verlag zusammen? AT hat ja ein komplett anderes Programm – wie passt das zu einander?

Oh, das passt sehr gut zusammen. Der AT Verlag fällt vor allem durch seine inhaltlich enorm gut gemachten und auch sehr gut gestalteten Kochbücher oder Naturführer auf. Ist es da nicht naheliegend, dem ein erzählendes Sachbuchprogramm zur Seite zu stellen? AT besitzt ein Know-how, schöne Bücher zu machen, das man anderswo erst hätte entwickeln müssen. Andererseits ist das Programm, das wir bei der Edition Zeitblende entwickeln, eine Bereicherung des Angebotes für den AT Verlag. Wir können gemeinsam davon profitieren und in Zukunft vielleicht sogar noch weitere Programmbereiche entwickeln, wenn sie denn zu uns passen. Was noch zu erwähnen ist, gute und schöne Bücher sind das Ergebnis einer Teamarbeit und ohne ein Team, wie es das bei AT gibt, ist es gar nicht möglich, solche Bücher zu machen.

Wen wollen Sie mit diesen Büchern ansprechen? In welchem Umfeld, in welcher Tradition sehen Sie die Edition Zeitblende?

Unser Programm besteht aus hervorragend gestalteten, in der Regel illustrierten, erzählenden Sachbüchern. Das Themenspektrum ist breit und auch der Ton reicht von einer wissenschaftlich inspirierten Herangehensweise an Themen bis zu einer belletristisch, essayistischen Erzählweise. Vor allem muss es gut und stimmig erzählt sein.

Demzufolge ist unsere Zielgruppe auch bei den Interessenten für Sachthemen zu suchen. Das wachsende Interesse an Wissenschaftsforen, Science-Slams, Philosophischen Salons oder öffentlichen Streitgesprächen über gesellschaftlich relevante Fragen gibt uns den Mut, Bücher zu diesen Themen zu produzieren. Da gleichzeitig immer häufiger die Rolle des Wissens und der Bildung betont wird, weil es eine der entscheidenden Zukunftsfragen ist, wird uns um eine nachwachsende Leserschaft nicht bang.

Sieht man sich die Verlagswelt an, muss man nur zum Beispiel Verlagsnamen wie mare oder Matthes& Seitz erwähnen, um zu erkennen, wie wichtig solche Programme jenseits des Mainstreams sind und welche erstaunlichen Ergebnisse diese erzielen können.

Wenn es um Schönheit von Büchern geht, muss unbedingt noch ‚Die Andere Bibliothek‘ oder die Büchergilde genannt werden, die vormachen, wie man solche Programme am Markt platziert. Ich kann mich noch sehr gut erinnern: Als mare damals anfing, wurde prophezeit: nach 5-6 Programmen sind die am Ende – sowohl inhaltlich, wie auch thematisch. Wie viel schöne und erfolgreiche Bücher haben wir dem mare Verlag inzwischen zu verdanken? Das nur mal als Beispiel.

Wie kommen Sie auf die Themen, nach welchen Kriterien wählen Sie sie aus?

Armin P.Barth: Die Bändigung der Unendlichkeit/Edition Zeitblende

Die Themen springen uns manchmal einfach an. Aber das kann man am Besten am ersten Programm erklären. Wir wollen zum Beispiel beweisen, dass Mathematik alles andere als eine dröge Wissenschaft sein kann. Unser Autor Armin Barth zeigt, dass es sich bei der Mathematik um eine sinnliche Angelegenheit handelt, die sehr zugänglich sein kann. Und jemand der es versteht, Gleichungen mit Rilke zu erklären, ist einfach ein grandioser Autor. Ein solches Buch war längst fällig.

 

 

Kathrin Aehnlich: Grenz Gänge. Von Papstbeerdigungen, Kindheitsträumen und unsterblichen Seegurken/Edition Zeitblende

Oder nehmen Sie Kathrin Aehnlich, die von der Belletristik her kommt und sich in ihren Geschichten mit Grenzerfahrungen unterschiedlichster Art beschäftigt: körperlich, geographisch, technisch. Es ist ein äußerst unterhaltsames Buch, das uns trotzdem zumutet, in der Konsequenz über eigene Haltungen nachzudenken.

 

 

 

 

 

 

Gerd Gantefor: Das Gesetz der Herde. Von Primaten, Parolen und Populisten – Macht und Unterwerfung bei Tier und Mensch/Edition Zeitblende

Vielleicht noch ein letztes Beispiel – Gerd Ganteför ist Professor für Physik in Konstanz. Er beschäftigt sich beruflich mit Nanopartikeln, aber für uns hat er über den Tellerrand seiner Wissenschaft gesehen und seine Erkenntnisse mit denen der Biologie, Soziologie und Politik verknüpft, um das Herdenverhalten von Mensch und Tier zu analysieren. Was dabei herauskommt ist so erstaunlich und spannend, dass es nötig ist, einige lieb gewordene Gewissheiten über unser Verhalten sehr in Frage zu stellen. Und er zeigt auf, wie wichtig kritisches Denken in Zeiten von Parolen und Populismus ist.

So könnte ich das für jedes unserer Bücher fortsetzen. Was aber vielleicht deutlich wird: wir sind thematisch sehr breit orientiert. Hauptkriterium, warum wir ein Buch machen, ist die Relevanz des Themas und die Lesbarkeit des Textes. Man muss ein solches Buch lesen können wie einen spannenden Roman.

Eins wäre noch wichtig zu sagen: wir entwickeln, bis auf wenige Ausnahmen, alle Bücher selbst und kaufen keine Lizenzen ein.

Sie erwähnten vorhin die Gestaltung und Haptik der Bücher. Welche Akzente wollen Sie da setzen?

Als vor wenigen Tagen die Vorabexemplare der ersten beiden Bücher aus den Druckereien kamen, wurde für alle, die die Bücher in die Hand nahmen, nachvollziehbar, was da gerade im Entstehen begriffen ist. Jedes Buch bekommt sein eigenes, individuelles Gesicht, das den Inhalt widerspiegelt. Wenige grafische Elemente bilden eine Klammer, von der wir hoffen, dass sie unsere Bücher wiedererkennbar macht.

Wir setzen auf drei unterschiedliche Gestalter-Handschriften und auf die sehr erfahrenen Kolleginnen und Kollegen in der Herstellungsabteilung bei AT.

Da ist einer der Altmeister der Gebrauchsgrafik in Deutschland, Professor Helmut Brade, der gemeinsam mit Andreas Richter drei der Titel gestaltet hat (Bändigung der Unendlichkeit, Tischsitten, Bäume). Da ist das junge Team der Buchmacher, die die Poesien des Alltags entwickelt haben und für ein Buch (Erster Sein) verantwortlich zeichnen. Wenn man die Auszeichnungen der Schönsten Bücher der letzten Jahre verfolgt, taucht ein Name immer wieder auf: Sarah Winter, die für uns gleich zwei Titel übernommen hat (Gesetz der Herde, Grenzgänge)

Gemeinsam mit unseren Herstellern, insbesondere Adrian Pabst, der sich mit Papieren, Einbandmaterialien und Druckereien auskennt, entsteht dann das Gesamtkunstwerk Buch, das die Köpfe und Herzen der Buchliebhaber erreichen wird.

 Wie motivieren Sie den Buchhandel, welche Verkaufshilfen gibt es? Wie erreichen Sie Ihr Publikum?

Wir machen schöne, wertige, spannende Bücher, die wichtige Themen aufgreifen und Spaß machen. Das dürfte für den Buchhandel allemal interessant sein. Da wir einen gewissen Aufwand für unsere Bücher treiben, sind diese auch nicht ganz billig, können sie gar nicht sein. Höhere Buchpreise sind nicht nur unvermeidbar, sie sollten ohnehin im Interesse der Buchhändler, wie aller anderen Branchenteilnehmer sein.

Natürlich produzieren wir auch die Dinge, die zur Präsentation gehören, mit dem gleichen Anspruch wie unsere Bücher: Plakate, Geschenkpapier, Display, Zündhölzer, die unseren Slogan illustrieren, eine Startaktion mit Sonderkonditionen. Eben alles, was dazu gehört.

Zusätzlich haben wir für verschiedene Titel Kulturpartner gefunden, das sind Museen, Institutionen, Stiftungen, mit denen wir gemeinsam Veranstaltungen, Ausstellungen und Sonderaktionen organisieren. Das zeigt: Verlagswesen und Buchhandel agieren nicht allein, sondern in einem gesellschaftlichen Umfeld in dem es Institutionen mit ähnlichen Interessen gibt.

Unseren digitalen Auftritt auf einer eigenen Website haben wir ebenso sorgfältig und klar strukturiert wie unser Programm. Zum Beispiel kann man unter dem Reiter Werkstatt Einblicke in unsere Arbeitsprozesse bekommen, oder auch unsere Grafiker kennenlernen.

Die Social Media-Aktivitäten auf Instagram haben wir gerade erst begonnen und werden diese stark nutzen, um gerade mit einem jüngeren Publikum ins Gespräch zu kommen. Wir werden auch da Wege gehen, die bisher nur wenige Verlage beschritten haben.

Gibt es erste Reaktionen aus dem Buchhandel, von KollegInnen?

Die sind außerordentlich ermutigend. Obwohl es noch kein einziges Buch in den Buchhandlungen gibt, sind bereits einige Veranstaltungen inklusive Ausstellungen mit Buchhändlern geplant. Die Bereitschaft ist groß, unser Programm zu präsentieren. Mehr kann man kaum erwarten.

Die Reaktionen der KollegInnen der anderen Verlage: alle, die wir angesprochen haben, bestärken uns und waren auch bei Fragen und Problemen immer bereit, weiter zu helfen. Manche haben mir, dem „Herausgeber-Azubi“, mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Die KollegInnen von weissbooks zum Beispiel gewähren uns sogar Platz auf ihrem Messestand in Frankfurt.

Es war wunderbar, die Hilfsbereitschaft beim Start und die Freude über dieses Projekt zu spüren. Wir sind eben doch eine kultivierte Branche und kein Haifischbecken.

Was sind Ihre Pläne, Ziele mit der Edition Zeitblende?

Pläne?! Wir wollen 10 Bücher pro Jahr herausgeben – im Frühjahr vier und im Herbst sechs. Das Programm also überschaubar halten. Wir wollen mit unserem Konzept Erfolg haben und damit zeigen, welche Kraft und Schönheit im gut gemachten, gut gedruckten Buch noch immer steckt.

Um vielleicht noch einmal auf unsere Zündhölzer zurückzukommen: Sie ziert unser Verlagsslogan “Mehr Licht”, der ja einem deutschen Dichterfürsten entliehen ist. Wir finden, soviel hat sich in den letzten zweihundert Jahren dann doch nicht geändert. Wie in der Aufklärung geht es letztendlich doch um das, was sich in unseren Köpfen so abspielt, und da kann auch in modernen Zeiten Mehr Licht nicht schaden.

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