Buchtage 10. Branchenparlament: Image-Kampagne empfohlen

Haus des Buches

Das 10. Branchenparlament des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels im Haus des Buches in der Frankfurter Braubachstraße, das am 9. Februar eingeweiht wurde, [mehr…] fand in einem geräumigen, hellen Saal statt. Premiere am neuen Domizil.

Dementsprechend würdigte der Parlamentsvorsitzende Heinrich Riethmüller auch den neuen Ort, auf den die Branche stolz sein könne und der gleichzeitig ein Bekenntnis zur Stadt Frankfurt sei. Von hier aus solle auch ein Zeichen des Aufbruchs ausgehen, denn: „In der Öffentlichkeit wurde geredet, als ob es uns bald nicht mehr geben werde.“

Heinrich Riethmüller forderte mehr Gelassenheit und Besonnenheit, Marktnähe habe nichts mit Größe der Branchenmitglieder zu tun.

Zwei wichtige Themen treiben die Buchbranche gegenwärtig um:

– die Bedrohung des Urheberrechtes
– die Entwicklung des E-Book-Geschäfts in Zusammenhang mit der Preisbindung.

„Als Sortimenter fordere ich die Verlage auf, uns nicht zu vergessen. Wir Buchhändler garantieren Kundennähe online und stationär“, konstatierte Heinrich Riethmüller. Die Branche müsse begreifen, dass sie gemeinsame Interessen und gemeinsame Probleme habe.

Das Branchenparlament sollte seit der Umstrukturierung des Verbandes 2007 eine Diskussionsplattform aller drei Sparten sein. Doch von der Zusammenkunft gehen keine Impulse mehr aus, viele Teilnehmer an den Ausschusssitzungen reisten bereits am Donnerstag Morgen ab. Es stellt sich die Frage: Ist das Parlament noch zeitgemäß?

Dazu nahm zunächst Matthias Ulmer in seinem Vortrag Vom Sinn und Zweck des Branchenparlaments und den Aufgaben seiner Mitglieder Stellung. Er ging auf die Ursprünge vor fünf Jahren zurück, als eine beschämende Teilnehmerzahl und langweilige Themen auf der Hauptversammlung eine Satzungsänderung anregten. So wurde die eine neue Diskussionsplattform geschaffen. „Vorher gaben die geheimen Fürsten des Ehrenamts die Themen vor“, formulierte Matthias Ulmer. Eine Diskussion brennender Fragen war nicht möglich.

Das Branchenparlament wurde also eingerichtet, hier sollte beraten und Empfehlungen verabschiedet werden. „Dieses Medium wurde vom Vorstand selten genutzt“, schätzte der Vortragende ein. Auch kulturpolitische und bildungspolitische Aufträge erteilte das Gremium kaum.

Wo sind die Ursachen dieser Entwicklung? Es liegt nicht an der Institution Branchenparlament, sondern an der Umsetzung der Vorhaben. Äußerten doch die Mitglieder des Parlaments, dass ihre Anwesenheit nichts bringe, zu Hause allerdings gingen inzwischen Umsätze verloren. „Das ist keine Haltung gewählter Vertreter und falsches Verständnis eines Ehrenamts“, kritisierte Matthias Ulmer. Wer so denke, solle sich gar nicht erst in einen Ausschuss wählen lassen und lieber engagierteren Vertretern das Feld überlassen.
Im Gremium entwickle sich nichts von selbst, der Vorstand müsse das Parlament um Rat fragen – das sei nie passiert. So seien Themen wie Beitragsgerechtigkeit, Zwischenbuchhandel, Preisbindung und E-Books von den Mitgliedern, vor allem den Sortimentern, eingebracht worden. Auf die aktive Rolle der Verleger eingehend meinte Matthias Ulmer: „Da gibt es wohl Beiß-Hemmung.“
Diskussionswürdig sei auch das Prinzip Buch. „Das Thema gehört hier ins Parlament und nicht als Auftrag an eine Agentur“, unterstrich der Verleger.

Sollte der Vorstand das Branchenparlament nicht nur dann einladen, wenn er auch Antworten wünscht?, regte Matthias Ulmer an.

Das Gremium sei kein Platz für vorgefertigte Ergebnisse, auch kein Platz für Ehrungen, schloss er seine Ausführungen.

„Ich fühle mich wie ein Pfarrer, der sich darüber ärgert, dass so wenig Leute in die Kirche gekommen sind. Aber ich rede mit den wenigen“, begann Thomas Bez seinen Vortrag Inter-esse, Dabeisein ist von Nutzen!?. Er wies darauf hin, dass die Hauptversammlung entscheiden konnte, das Parlament nur empfehlen. Das Engagement allerdings war in beiden Gremien mangelhaft.

Thomas Bez sprach vier Thesen der Sortimenter an:

1. Das Branchenparlament könne gestrichen und Geld gespart werden. Doch wo bliebe dann eine Klammer für die drei Sparten?
2. Das Branchenparlament bekommt Entscheidungsbefugnis. Dazu müsste die Satzung geändert werden.
3. Das Branchenparlament tagt nur noch einmal im Jahr.
4. Das Branchenparlament wird durch Workshops ersetzt.

„Wir brauchen jedoch eine Klammer im Verband, die gleichzeitig stabil und flexibel ist“, betonte Thomas Bez und zog ein Fazit: „Wir sollten nicht überlegen, warum so viele nicht da sind, sondern Bedingungen schaffen, dass wieder alle teilnehmen.“

Heinrich Riethmüller zog nach diesen Darlegungen folgende Schlussfolgerung: „Das Branchenparlament wird demnach nicht in Frage gestellt. Aber: Wie können wir es wirksamer und interessanter gestalten?“

Als erster Diskutant ergriff Oliver Voerster das Wort. Er verglich das Branchenparlament mit dem Bundestag und erklärte, dass die Öffentlichkeit der Veranstaltung und die Anwesenheit der Presse möglicherweise den einen oder anderen hemmen könnte, seine Meinung zu sagen. Vielleicht sollte auch der Zeitpunkt geändert werden, man könnte doch am Nachmittag und am frühen Abend diskutieren – da wäre man durch die vorangegangenen Sitzungen schon entsprechend eingestimmt. „Ein intensiveres Miteinander ist erforderlich“, mahnte Oliver Voerster.

„Es geht im Branchenparlament leider nicht um brennende Themen. In den Fachausschüssen ist das besser“, stellte Holger Bellmann fest. Es müssten mehr Fach- und Sachthemen auf die Tagesordnung gesetzt werden.

„Ich bin seit drei Jahren im Fachausschuss. Wir müssen mehr miteinander reden, das Branchenparlament war nicht die Fortsetzung der Gespräche vom Vortag“, konstatierte auch Dieter Dausien. Er nannte das Gremium „zu offiziell“ und forderte eine neue Sitzordnung. Weil die Tische im neuen Domizil fehlen, gleicht die Versammlung eher einem Auditorium, man habe keine Möglichkeiten, seine Arbeitsmittel – oder auch die Tasse – abzustellen.

Auf Richtlinien großer Konzerne, die eine „vorsichtige Teilnahme an öffentlichen Diskussionen“ gebieten, wies Thomas Bez hin.

Eine kleinere Runde regte Iris Hunscheid an. Dem widersprach Oliver Voerster; dann würde es ja reichen, wenn die Vorstände miteinander redeten.

„Das Knistern, das wir hier im Mikrofon haben, fehlt im Parlament. Doch es knistert eigentlich genug in der Branche“, stellte Nadja Kneissler fest.

Karl-Peter Winters äußerte: „Ich halte nichts von Moralappellen. Ein Gremium funktioniert oder funktioniert nicht“, meinte er. Das Branchenparlament sei wie ein Zwitter; es habe demokratische Wurzeln, aber nichts zu entscheiden. Müssen da nicht Strukturen auf den Prüfstand? Und sollte man nicht darüber nachdenken, neben den gewählten Parlamentsmitgliedern auch andere Branchenteilnehmer einzuladen?

„Die ersten Sitzungen des Branchenparlaments waren lebendiger, Referenten saßen nicht ihm Gremium“, erinnert Ruth Klinkenberg.

Die Themen sollten in den Ausschüssen vorbereitet und anschließend im Parlament diskutiert werden, regte Thomas Carl Schwoerer an. Ähnlich äußerte sich Andreas Auth: „Im Fachausschuss wird gut gearbeitet, aber diese Themen fanden im Branchenparlament selten Platz“.

Klaus Kellner forderte, Ehrungen nicht mehr im Parlament vorzunehmen.

„Es geht nicht um die Form, sondern um Inhalte“, mahnte Manfred Keiper. „Sind wir überhaupt in einem solchen Gremium zur Demokratie fähig?“, fragte er.

Zum Thema „Ehrungen“ wandte Thomas Bez ein, dass dafür ein würdiger Rahmen notwendig sei – entweder das Branchenparlament oder die Berliner Buchtage.

Matthias Ulmer machte auf die Angriffe des Kartellamts aufmerksam. Diese gefährdeten die Gremienarbeit. Doch wie soll Branchenarbeit funktionieren?, fragte er.
Vielleicht sollte man experimentieren und die Branchenparlamente einmal im Jahr im bisherigen Rahmen durchführen und sie das zweite Mal als Nachmittagsveranstaltung anberaumen.

„Die Signale sind klar. Der Vorstand muss sich nun Gedanken machen und Vorschläge ausarbeiten“, resümierte Heinrich Riethmüller.

„Diese Diskussion ist ein Wiederaufleben der Debatte vor der Einrichtung des Branchenparlaments“, sagte Gottfried Honnefelder. Möglicherweise seien Ehrungen ja nicht „knisternd“ genug, „aber wir brauchen sie“. Der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels wies auch auf die lange Geschichte des Verbandes hin. „Eine Abschaffung der Ehrungen wäre grotesk“, schloss er vor der feierlichen Übergabe der Goldenen Nadel an Hubertus Schenkel.[mehr…]

Im Anschluss an die Auszeichnung regte Anne von Bestenbostel an, kein Geheimnis aus solchen Ehrungen zu machen. Man müsse ja nicht Monate vorher darüber Bescheid wissen, aber rechtzeitig – dann könne der eine oder andere auch noch eine eigene Laudatio beisteuern.

Im zweiten Teil des Branchenparlaments stellte Alexander Skipis eine Machbarkeitsstudie zum Thema Buchmarketing vor. Sie stützt sich auf Analysen der Agentur Zum goldenen Hirschen.

Buchmarketing, erläuterte Alexander Skipis, sei ein Projekt der gesamten Branche. Zwei Anläufe sind schon verheerend schief gegangen. Kann Buchmarketing überhaupt umgesetzt werden?

Anhand einer Präsentation ging der Hauptgeschäftsführer auf Erfolgskriterien ein:

1. In der Branche muss ein Konsens erreicht werden. Eine Befragung ergab, dass die Mehrheit der Teilnehmer eine entsprechende Image-Kampagne für notwendig halte.
2. Die Zielgruppe muss definiert werden.
3. Es muss eine integrierte Kampagne entwickelt werden. Der Zeitpunkt ist richtig, denn das Selbstbewusstsein in der Branche sinkt. Das Buch ist kein gesellschaftlich relevantes Thema mehr.
Die Kampagne muss nachhaltig sein und wird für einen Zeitraum von drei Jahren vorgeschlagen.
4. Wichtige Kooperationspartner müssen einbezogen werden.
5. Die entsprechenden Ressourcen müssen vorhanden sein. Man rechne mit Kosten von etwa drei Millionen Euro über den Gesamtzeitraum.

In der anschließenden Diskussion stellte Hartmut Falter fest: „Es ist fünf vor zwölf für so eine Kampagne. Wir brauchen darin einen klaren Claim. Das Budget von drei Millionen Euro scheint mir eigentlich viel zu niedrig. Aber es ist ein Anfang.“

Thomas Carl Schwoerer berichtete, dass im Verlegerausschuss gestern kontrovers über so eine Kampagne diskutiert wurde. Könne man ein Entscheidung über eine entsprechende Empfehlung nicht vertagen und die Präsentation in der Breite diskutieren? Auch forderte der Diskutant die Auswertung internationaler Kampagnen auf diesem Gebiet.

„Es geht um eine knackige Botschaft, die bei den Leuten ankommt. Man darf nicht in Schönheit sterben“, bemerkte Andreas Auth. Außerdem sei wichtig, die Kampagne nicht mit einer Beitragserhöhung für die Mitglieder des Börsenvereins zu verbinden.

„Wir müssen aufpassen, dass wir den Kunden nicht vorschreiben, wo sie einkaufen sollen. Die Kunden müssen sich wohl fühlen, wenn sie Bücher erwerben“, warnte Matthias Ulmer. Er machte sich dafür stark, den Auftrag zur Umsetzung zu erteilen, das Budget und die entsprechenden Ziele festzulegen und den Vorschlag nicht zu zerreden. „Wir müssen von der Kampagne überzeugt sein!“, schloss er.

„Wir vertrauen auf die vorgelegte Studie und machen die Kampagne. Ich bitte dabei um Unterstützung“, erklärte auch Nadja Kneissler.

Iris Hunscheid warnte vor Sonderumlagen: „Das können sich viele Kleine nicht leisten.“

Mehrere Sortimenter sprachen sich dafür aus, Module in der Kampagne zu schaffen, die von ihnen vor Ort genutzt werden können. Man müsse auch aufpassen, nicht die großen Online-Unternehmen, sondern die Buchhandlungen in den Städten und auf dem Land zu unterstützen.

„Ich bin skeptisch“, wandte Karl-Peter Winters ein. Das Ziel „Verkaufsförderung“ bringe nicht automatisch höhere Umsätze. Sind die Prioritäten richtig gesetzt? Wäre nicht etwa eine Unterstützung des stationären Sortiments oder eine Urheberrechtskampagne wichtiger?

Bei der Abstimmung gab es wenig Zweifel: Mit nur drei Gegenstimmen und zwei Enthaltungen wurde der Hauptversammlung die Umsetzung und Durchführung einer Buchmarketing-Kampagne empfohlen.

JF

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