Die Rechte-Kolumne Rainer Dresen: Immer weniger Gemeinsamkeiten bei Bettina Wulff und Christian Wulff

Nach Bettina Wulff hat nun also auch Christian Wulff ein Buch über die Erfahrungen der letzten Jahre geschrieben. Selten aber kamen zwei Bücher über ein sehr ähnliches Thema so unterschiedlich daher. Sie veröffentlichte ihren Erfahrungsbericht „Jenseits des Protokolls“ im selbsternannten „Lifestyle Verlag“ riva. Dessen aktuelles Programm zieren Autorenkollegen wie Karel Gott oder Dante (der Fußballer, nicht der Dichter).Die neuesten Sachbücher des trendigen Münchner Verlages beschäftigen sich mit Themen wie „Viagra hilft Hamstern bei Jetlag“ oder „Spiel mit meinen Möpsen“.

Er hingegen hat sich für sein in Kürze erscheinendes Buch „GANZ OBEN GANZ UNTEN“ zwar ebenfalls einen Münchner Sachbuch Verlag ausgesucht. Dieser, nämlich der ehrwürdige C. H. Beck Verlag, ist bislang allerdings eher selten mit Büchern aufgefallen, die sich dem Zeitgeist verpflichtet zeigen. So teilen sich die Memoiren des gewesenen Bundespräsidenten die Verlagsaufmerksamkeit u.a. mit eher zeitlosen Novitäten wie „Divus Augustus. Der erste römische Kaiser und seine Welt“, „Max Weber. Preuße, Denker, Muttersohn“ oder „Mozart. Genius und Eros“.

Gewisse Unterschiede gibt es auch in der Person der Verleger. Die Brüder Beck sind trotz ihres schon fortgeschrittenen Alters bislang als Schriftsteller nicht in Erscheinung getreten, dafür aber sind sie Ehrenbürger (der eine), Ehrendoktor (der andere) und (beide) Träger des Bundesverdienstkreuzes. All diese Ehrungen werden den vergleichsweise jugendlichen riva-Verlegern sicherlich auch noch zuteil werden, aber zumindest einer von Ihnen hätte schon jetzt einen Preis für einen der vielseitigsten deutschen Autoren verdient. Von „Der perfekte Verführer: Wie Sie garantiert jede Frau erobern“ über „Alles was ein Mann wissen muss“ und „Sorge dich nicht – fege“ bis hin zu „Bumsen, Bügeln, Bergsteigen“ gibt es kaum ein aktuelles zeitgeschichtliches Thema, über das er nicht bereits unterhaltsam und erfolgreich selbst publiziert hätte.

Wenig Gemeinsamkeiten zeigen sich auch bei der optischen Anmutung der Wulff-Bücher. Das betont dunkel gestaltete Cover ihres Buchs lenkt den Blick auf das grell beleuchtete Profil einer attraktiven blonden Frau, der Autorin selbst. Auf dem Foto trägt sie eine dunkle, ärmelfreie Bluse, wie zufällig fällt der Blick des Betrachters auf ein halbverdecktes, neckisches Tribal-Tattoo am Oberarm. Der Buchumschlag seines Werkes ist dagegen puristisch weiß gehalten. Kein Foto, kein Körperschmuck, keine Ablenkung nirgends. Als Ausweis äußerster Seriosität ziert sein Cover neben dem Autorennamen nur der Buchtitel. Auch bei der Schriftgröße könnten die Unterschiede kaum größer sein. Ihr Name ist doppelt so groß wie der Buchtitel „Jenseits des Protokolls“ gedruckt. Ganz anders bei ihm. Klein und bescheiden steht da in staatstragend preußisch-blau „Christian Wulff“. Nichts kann also ablenken von dem in riesigen Versalien gedruckten Titel „GANZ OBEN GANZ UNTEN“, farblich wie ehemals seine Krawatte und sein Sakko in einer perfekt harmonierenden dunkelblau-/hellblau-Kombination gehalten.

Bei den Verlagsankündigungen aber verschwimmen die Grenzen. Während bei ihr erwartungsgemäß von „durchwachten Nächten, Zweifeln, Wut und Hilflosigkeit“ sowie von „Gerüchten zu einem angeblich bewegten Vorleben“ die Rede war, las man auch eher Staatstragendes wie „An der Seite des Bundespräsidenten repräsentierte sie Deutschland im In- und Ausland und engagierte sich ehrenamtlich vor allem für benachteiligte Kinder und Jugendliche.“ Ähnlich ambivalent verlautbart nun die Beck-Pressestelle. Noch im gewohnt gesetzten Beck-Duktus erfährt man, dass „GANZ OBEN GANZ UNTEN“ ein „Lehrstück über Politik, Presse und Justiz“ sei, „das nachdenklich macht“. Aber der Beck-Text verwendet auch Begriffe, die man in dessen 250 jähriger Verlagsgeschichte eher selten gelesen hat, wenn er von „haltlosen Vorwürfen“, „öffentlicher Demütigung“, „inszenierter Affäre“ spricht und dunkel munkelt „Ging alles mit rechten Dingen zu?“

Man kann sich vorstellen, dass spätestens nach dieser Presseinformation insbesondere die ehemaligen Wulff-Vertrauten von der Bild-Zeitung neugierig auf das Buch geworden sind und nur zu gerne möglichst früh an den Text kommen würden. Leider werden sie und alle anderen einstweilen von der Beck-Pressestelle enttäuscht: Es gibt, wie damals beim Buch von Bettina Wulff, keine Vorabdrucke, keine Druckfahnen und keine Rezensionsexemplare vor der Erstveröffentlichung. Deshalb wird vermutlich dieser Tage rund um die Beck-Druckerei in Nördlingen mit erhöhtem Aufkommen von Bild-Spionen zu rechnen sein. Immerhin, am 10.Juni 2014 wird eine Leseprobe online sein, abrufbar unter der schönen Webadresse www.chbeck.de/go/wulff.

Rainer Dresen, Dresen-Kolumne@freenet.de , 49, arbeitet als Rechtsanwalt und Verlagsjustiziar in München auf dem Gebiet des Urheber- und Medienrechts. In seiner Freizeit schreibt er gerne selbst Juristen- und Yogabücher (Kein Alkohol für Fische unter 16; Beim ersten Om wird alles anders).

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