Reflexionen eines langjährigen ehemaligen KNV Einkäufers „Lesen lohnt sich“ – stimmts?

Dieter Weber: „Kann nicht auch der Börsenverein als Lobbyist der gesamten Buchbranche ähnlich aggressiv den besonderen Markenartikel und das Kulturgut Buch bewerben?“

Dieter Weber, langjähriger Einkäufer von KNV und seither als Verlagsberater tätig, hat sich zum nun offenbar  überstandenen KNV Konkurs Gedanken gemacht und stellt Fragen:

Warum habe ich diese Überschrift gewählt? Gibt es nach dem nun glücklich überstandenen Konkurs von KNV  nicht doch einen Zusammenhang? Wie schafft es der bekannte Discounter mit einem ähnlich klingenden Werbespruch genau das Kaufverhalten seiner Kunden zu bestimmen?

Kann nicht auch der Börsenverein als Lobbyist der gesamten Buchbranche ähnlich aggressiv den besonderen Markenartikel und das Kulturgut Buch bewerben?

Es ist für mich und sicherlich ebenso für viele treue KNV Mitarbeiter immer noch unfassbar wie dieser „Große Tanker“, der im Laufe der fast 200 jährigen Firmengeschichte manchmal  vielleicht vom Kurs abwich, doch immer wieder „Die Stürme der Zeit“ – so heißt eine alte Firmenbiographie – heil überstand.

Dieser Konkurs, der die gesamte Branche verunsicherte und dann noch zu dem denkbar ungünstigsten Zeitpunkt, war sicherlich nicht bewusst gewählt, wie es teilweise offensichtlich gemunkelt wird.

Es könnte wohl eher „Die Stunde der Wahrheit“ nach den Monaten des Weihnachtsgeschäftes in den ersten Folgemonaten des neuen Jahres sein.

Auch das Barsortiment kämpft dann mit Überbeständen, die bestenfalls noch über einen längeren Zeitraum verkauft oder remittiert werden können, oder sogar unverkäuflich sind, die Rechnungen der Lieferanten aber zur Zahlung fällig sind.

All dies, trotz angestrebter kurzfristiger Lagerhaltung und Lieferung Just-in-Time. Wie dem auch sei, denkbar könnten natürlich auch andere Gründe sein.

Die Ursache der plötzlichen Zahlungsunfähigkeit bestand sicher auch im Zusammenhang mit der Logistik Zentrale in Erfurt.Viel ist dazu bereits geschildert worden.

Benannt wurde aber nicht, daß die strategisch kluge Entscheidung,  Barsortiment und Verlagsauslieferung zentral zu bedienen, vielleicht auch eine Ursache für zurückgehende Umsatzanteile des Barsortiments gewesen sein könnte. Dies vielleicht, weil gerade Verlage mit großen Marktanteilen so bedeutend für das Unternehmen sind.

Durch diese “hausgemachte Konkurrenz“ könnte der Vorteil des Barsortiments gegenüber Verlagsauslieferungen, der „Bündelung aus einer Hand“ und der Lieferung „über Nacht“ an Bedeutung verloren haben.

Die sicherlich sehr aufwendige und kostspielige Lieferung „über Nacht“ sollte aber einmal gründlich überdacht werden. Braucht der Buchhandel wirklich diesen enormen apothekenmässigen Service während des gesamten Jahres?

Könnte der nicht auf saisonale Verkaufshöhepunkte, besonders während des Weihnachtsgeschäfts, beschränkt werden?

Ausgenommen könnten natürlich die s.g. „Schnelldreher“ und sehr eilige Besorgungsbestellungen der Endverbraucher sein. Dies dann aber zu Sonderkonditionen.

Im Zusammenhang mit den Kundenbestellungen beim Buchhändler erinnere ich mich an die Schilderung des verstorbenen KNV Senior Geschäftsführers Jürgen Voerster, der einmal die Abholfächer der von Kunden bestellten Bücher in einer größeren Stuttgarter Buchhandlung inspizierte. Er war ganz erstaunt über die dort zwischenzeitlich angesammelte Staubablage.

Dies mag vielleicht einwenig übertrieben sein, aber benötigt der Kunde wirklich das neu erworbene Buch von „ jetzt auf gleich“, wenn er- falls er seinen Einkauf nicht ganz vergißt,  – s. o. – ihn doch erst in einigen Tagen abholt?

Der vorausschauende Patriarch war offensichtlich schon vor 30 Jahren von der Problematik der u. U. halb leeren LKW Ladungen, die kostspielig durch die Lande geschaukelt werden, überzeugt.

Heute gibt es aber nicht nur eine Greta Thunberg sondern ganz reale Umweltprobleme, auch verursacht durch den enormen LKW Verkehr.

Ausgerechnet der neue Inhaber von KNV, ein Logistik Unternehmen, hat offensichtlich sofort erkannt, woran der Stuttgarter Riese und natürlich auch dessen Wettbewerber kranken.

Inzwischen beschäftigt sich glücklicherweise die gesamte Buchbranche mit der Problematik, wie Umfragen beweisen.

Gerne möchte ich auch einmal auf das Argument eingehen, durch die prompte Lieferung sei man sogar schneller als das viel gescholtene Unternehmen Amazon. Es ist bei weiten nicht nur die Schnelligkeit mit der Amazon punktet.

Wenn es das Unternehmen mit seinen innovativen Geschäftsideen nicht geben würde, müsste es vielleicht sogar noch von anderer Seite erfunden werden.

Ist es nicht praktisch, wenn ein schneller Ersatz für die kaputte Kaffeemaschine benötigt wird und gleichzeitig auch noch die Schullektüre für die Tochter oder den Sohn bei Amazon geordert werden kann?

Wo liegt aber das Problem?

Schuld sind nicht Amazon, sondern die Rahmenbedingungen, die einfach nicht mehr stimmen, aber selbstverständlich von Amazon genutzt werden.

Stimmt es tatsächlich, daß Amazon auch extrem niedrigpreisige Bücher ohne Versandkosten liefert?

Ein Beispiel dazu:

Benötigt wird für die Filia die Schullektüre von Gottfried Keller, Kleider machen Leute.

Mit dem Suchbegriff Buch wird man blitzschnell bei Amazon fündig. Das gesuchte Reclam Heft ( Reclam XL ) kostet 3,60 €, dies ist der preisgebundene Ladenpreis.

Aber jetzt „ kommt es ganz dicke“, ich drücke das bewußt einmal so naiv aus. In himmelblauem Fettdruck heißt es dann „Kostenlose Lieferung“

Dann werden noch drei weitere Bezugsquellen genannt, jeweils von den 3,60 € ausgehend, verlangt der eine Anbieter Versandkosten in Höhe von 2,40 €, der andere 2,15 € und der dritte 2,49 €

Wo wird nun der geneigte Kunde bestellen?

So wahr es ist, dass Kleider Leute machen, so wahr ist auch, dass hier der Markt das Kaufverhalten bestimmt.

Die Frage der nicht mehr stimmigen Rahmenbedingungen ist aber damit noch nicht ganz beantwortet.

Beinhaltet die Ladenpreisbindung wirklich die generell erlaubte kostenlose Lieferung?  Muss dies nicht dringend geändert werden?

Wurde die Preisbindung für Bücher eigentlich nur für die großen Player festgelegt, die diese eigentlich garnicht nötig haben, sondern auch für die Sortimentsbuchhändler und Verleger, die teilweise um das Überleben kämpfen?

Wird dies vielleicht übersehen, wenn durch die Preisbindung insbesondere die kulturelle Vielfalt gewährleistet und zu recht gefördert werden soll?

Müsste das Kulturgut Buch nicht so aggressiv beworben, wie es uns die zahlreichen Discounter für ihre Zwecke ständig vormachen?

Gefragt sind hier in erster Linie auch die Konzernverlage, die in kostspieligen Anzeigen ihre Neuerscheinungen bewerben. Ein kleiner Hinweis auf die Preisbindung und  damit die Liefermöglichkeit zum gleichen Preis bei jeder Buchhandlung in Deutschland würde schon genügen.

Die Verlage und die Sortimenter halten doch immer noch das Kompetenzzentrum für den Markenartikel Buch und hoffentlich auch für das ebook, dem eindeutigen Sieger der Zukunft.

Das in jeder Hinsicht sogfältig hergestellte und lektorierte Buch wird es aber bestimmt auch in der Zukunft geben!

Dieter Weber

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