ARCHIV Günter G. Rodewald über das Weihnachtsgeschäft in Spanien

Fehlt Ihnen noch das eine oder andere Weihnachtsgeschenk? Dann hätte ich einen Tipp: Kommen Sie doch schnell nach Barcelona! Damit wären Sie einer der 6 Millionen Gäste, die in diesem Jahr in der ein weiteres Mal meistbesuchten Stadt Europas Halt gemacht hätten.

Sie hätten einen großen Vorteil: Sie könnten nämlich auch nach den Feiertagen noch aus dem Vollen schöpfen, in keinem Land der Welt dauert das Weihnachtsgeschäft länger. Das Schenken hört hier erst am 6. Januar auf, dem Tag der Heiligen Drei Könige, dem Tag, an dem traditionell die Kinder beschert werden. Inzwischen aber längst nicht mehr nur noch die Kinder. Denn warum sollen die Erwachsenen leer ausgehen?

Es ist noch nicht lange her, da gab es eben nur diesen 6. Januar zum Verschenken, und an ihm standen die Kinder im Mittelpunkt. An Weihnachten, dem 25. Dezember, trafen sich die Familien zum Weihnachtsessen, wo man allerhöchstens kleine persönliche Aufmerksamkeiten austauschte.

Aber in nur knapp 20 Jahren hat es der Kommerz verstanden, Weihnachten in ein Fest zu verwandeln, dem es mittelerweile gelingt, den Konsum in schwindelnde Höhen zu treiben. (Leider gehören Bücher immer noch nicht dazu.)

Ich erinnere mich noch gut: 1985, in meinem ersten Winter in Barcelona, wurden die Straßen der Stadt das erste Mal weihnachtlich illuminiert, die Lampen wurden am Heiligabend angezündet, und zwar um Mitternacht! Das hatte damals durchaus etwas sehr Feierliches.

Im Jahr darauf schaltete man die Lichter dann schon Mitte Dezember an, dann Anfang des Monats, mittlerweile schon zeitig im November. Man hatte zu entdecken begonnen, dass Weihnachten zu mehr taugt.

Weihnachtsbäume, Weihnachtsmänner, Adventskalender, all das gab es vor 20 Jahren hier noch nicht, man kannte es gerade mal als Weihnachtsbrauch aus in Vorzeiten der Globalisierung noch fernen Ländern. Inzwischen hängen in den Strassen auch hier die unsäglichen aufgeblasenen Plastik-Weihnachtsmänner, die an Stricken die Balkone von Fin-de-siècle-Fassaden erklimmen. (Letzte Woche fiel ein sechsjähriges Kind aus dem fünften Stock, als es versuchte, eine solche Puppe zu montieren.) In immer mehr Wohnungen stehen heute Tannenbäume, die allerdings aufgrund der hiesigen Klimaverhältnisse schon am zweiten Weihnachtstag anfangen zu nadeln…

Wenn dann am Ende das Geld fehlt für einen neuen Flachbildschirmfernseher, ein neues Designer-Möbel oder ein schepperndes, schon am 7. Januar nicht mehr intaktes Plastikspielzeug, dann finanziert der verständnisvolle Einzelhändler dem blanken Kunden auch gerne einen Kredit, der erst ab März zurückgezahlt werden muss. Das macht weiter nichts, denn damit gehört der zufriedene Käufer dann zu einem der spanischen Haushalte, die mittelerweile durchschnittlich mit über 56 % ihres Nettoeinkommens verschuldet sind.

In Spanien brummt es also nur so und längst dient das Land als gutes europäisches Beispiel für den ökonomischen Aufschwung. Aber ein großer Teil dieses Erfolgs steht nur auf geliehenen und ein weiterer großer auf den korrupten Füssen der Bauindustrie, die mit dem Ehrgeiz ausgezogen ist, an der langen Küste von Spaniens Meeren keinen einzigen Meter unverbaut zu lassen. Und wenn da schon etwas stehen sollte, dann wird eine zweite, dritte Reihe hochgezogen. Aber das ist dann schon wieder ein ganz anderes Thema.

Ich wünsche Ihnen aus dieser dennoch wunderschönen Stadt ein geruhsames Weihnachten. Und besuchen Sie uns einmal, vielleicht nach dem 6. Januar? Dann beginnt hier nämlich der Winterschlussverkauf, der dann bis März dauert…

Günter G. Rodewald ist Literaturagent und arbeitet in der Literaturagentur Ute Körner in Barcelona

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