ARCHIV Guenter G. Rodewald über den dramatischen Einbruch der Buchproduktion in Spanien

Auch auf der iberischen Halbinsel starrt man fassungslos herüber nach Japan, wo das Ungeheuerliche passiert, auf eine Szenerie, die vor einigen Jahrzehnten von den Anti–AKW–Bewegungen an den düsteren Horizont gemalt wurde und für die sie verlacht, lächerlich gemacht und kriminalisiert wurden.

Hier in Spanien gab es nie eine so breite, quer durch die Gesellschaft verlaufende Front gegen diese Energie und ihre jetzt so grausam belegten Risiken wie sie in der Bundesrepublik entstanden ist und sich jetzt wieder neu manifestiert hat. Hier rührt sich nicht allzu viel, jedenfalls nicht in der breiten Öffentlichkeit.

Allerdings werden die Ereignisse von den Medien des Landes und ihren Korrespondenten in großer Ausführlichkeit, mit ausgesprochen wachem Interesse und sehr sauberer Analyse verfolgt. So wird in Spanien die Kritik an der Atomenergie manches Mal schärfer von Journalisten formuliert als von der Bevölkerung selbst. Obwohl ganz direkte Betroffenheit natürlich auch hier in nächster Nachbarschaft gegeben wäre.

Denn in nur 150 km südlicher Distanz von Barcelona, 100 km weniger als Tokio von Fukushima entfernt liegt, dampft und klappert zum Beispiel ein Atomkraftwerk aus der atomar–technologischen Frühzeit vor sich hin: Der Meiler Vandellos II läuft trotz diverser Zwischenfälle munter weiter vor sich hin, sein älterer Bruder Vandellos I musste 1989 vom Netz gehen, nachdem es dort einen schweren Störfall gegeben hatte und man an einer schweren Katastrophe entlang geschrammt war.

Die Laufzeiten der noch laufenden acht Kraftwerke Spaniens waren zwar von der Regierung bereits am 15. Februar dieses Jahres reduziert worden, sie werden aber in gewohnter Unerschütterlichkeit für sicher deklariert, auch nach dem GAU in Japan.

Auch andere Meldungen erschüttern das Land, die zwar nicht die Gesundheit und das Leben der Spanier essentiell bedrohen, aber all denen kalte Schauer verursacht, die vom Handel mit Büchern leben und denen deren Verbreitung am Herzen liegt.

Denn gerade hat die spanische staatliche Statistikbehörde die Zahlen über die Buchproduktion des vergangenen Jahres veröffentlicht. Nach dieser Untersuchung ist die Produktion im Verhältnis zu 2009 um beängstigende 28,1 % eingebrochen. Was diese Studie nicht ermittelt, wo ein solcher Erdrutsch seinen Ursprung haben könnte, da kann im Moment nur vermutet oder gerätselt werden. (Die vollständige Pressenotiz und alle Detaildaten der Studie können von der Website des spanischen Statistik–Instituts heruntergeladen werden.)

Natürlich ist ein Grund, dass in Spanien eh schon wenig gelesen wird. Es ist ein Land, in dem Lektüre gesellschaftlich und kulturell bei weitem nicht so tief und so lange verwurzelt ist wie in einem immer noch Buch–Schlaraffenland wie Deutschland.

Die ökonomische Krise betrifft direkt einen großen Teil der Mittelschicht, deren Käufe in den vergangenen Jahren den Buchhandel zweifellos spürbar getragen haben. Da für viele aber das Buch eher ein Konsumgut darstellt, wird an dieser Stelle ebenso schnell gespart, wie die Liquidität verloren geht. Man ist hier durch Immobilien und Kreditkäufe extrem hoch verschuldet – so hoch wie in keinem anderen Land Europas –, so dass gespart werden muss, zumal in vielen Haushalten die Doppelverdiener weniger werden und damit die Luft bei der Rückzahlung der in „guten Zeiten“ unbeschwert abgeschlossenen Schuldverträge dünn wird.

Wenn man dann noch die hohe Arbeitslosigkeit bedenkt, die im Landesdurchschnitt bei guten 20% liegt, und sogar bei über 40% (!) bei den bis zu 25-Jährigen, verringert sich das Erstaunen über einen solch starken Rückgang der Buchwirtschaft noch einmal.

Aber auch strukturelle Versäumnisse, Nachlässigkeiten und Defizite auf Seiten der spanischen Verleger und Buchhändler gehören zu den Ursachen dieser tiefen Krise. Es fängt ganz unten an, denn immer noch ist der Beruf des Buchhändlers kein Lehrberuf. Die Kundenbetreuung in den Buchläden lässt oft zu wünschen übrig, ist eben einfach zu häufig unprofessionell.

Schnelle Bestell- und Lieferwege gibt es nicht, denn ein Service, der Ähnlichkeit mit dem Großbuchhandel in Deutschland, Österreich oder der Schweiz hätte, existiert nicht. Es gibt über 150 verschiedene Auslieferungen im ganzen Land, die aber nicht miteinander vernetzt sind. Dem Buchhändler steht keine zentrale und zuverlässige Datenbank zur Verfügung.

Der Internetbuchhandel ist schlecht aufgestellt, sowohl in Qualität wie in seinem Volumen. Allerdings wird Amazon jetzt bald in Spanien seinen Auftritt haben, vielleicht wird das ein wenig Marken setzen können.

Ohne Zweifel war Spanien ein lange und bis in die späten Jahre des 20. Jahrhunderts logistisch stark benachteiligtes Land, doch mittlerweile sind die Verkehrswege schnell und zahlreich über die Halbinsel verteilt, so dass schnellen und zeitnahen Auslieferungs-Systemen nichts mehr im Wege stehen müsste.

Man fragt sich, warum das spanische VLB nicht von den Betroffenen direkt verwaltet und betrieben wird, also von den Buchhändlern und Verlagen. Nein, es ist dem spanischen Ministerium der Kultur unterstellt, wird also von Beamten eingepflegt, um drei Uhr nachmittags ist da Schluss, am Freitag entsprechend früher. Und ob ein Buch mehr oder weniger verkauft wird, geht ziemlich sicher an den Interessen dieser Funktionäre vorbei.

Der Standard des hiesigen VLB, der hier ISBN Español heißt, brilliert durch mangelnde Aktualität, ist garniert mit vielen Schreibfehlern, so dass die Suche Büchern bisweilen stark behindert oder unmöglich gemacht wird. Gar nicht zu denken ist an eine Möglichkeit, dass man nach einer erfolgreichen Bibliografierung ein Buch bei seinem Buchhändler des Vertrauens oder in seiner Nachbarschaft ordern könnte, wie es zum Beispiel ein Portal wie buchhandel.de ermöglicht.

Wie kann es sein, dass die große spanische Buchmesse, die Liber, kein Publikum einlässt? Ihre Tore am Messesamstag um 13:00 schließt, das ganze kostbare Wochenende für die Leser nutzlos verstreichen lässt? Sie kostet die ausstellenden Verlage ein mächtiges Geld, aber außer ein paar Fach-Kolloquien findet so gut wie nichts um sie herum statt. Warum schaut man sich nicht einmal etwas ab, beispielsweise von einer Messe wie der in Leipzig? Wenn man hier von einem solchen Ereignis erzählt, glaubt einem das kaum jemand, außer jemand hat es schon einmal selbst erlebt.

Es gäbe so viele Möglichkeiten, Kollaborationen von spanischen Institutionen, Gremien, engagierten Verlagen und Buchhändlern, Universitäten, Berufs– oder Wirtschaftsakademien zu etablieren, mit Fachverbänden wie dem Börsenverein, der Frankfurter oder Leipziger Messe auf der anderen Seite, den Schulen des Deutschen Buchhandels in Frankfurt, der Akademie des Deutschen Buchhandels in München, Stiftungen wie der Bertelsmann-Stiftung, den verschiedenen Universitäten, an denen man in Deutschland Buchwissenschaft studieren kann, Litrix, dem Goethe-Institut und vielen weiteren Einrichtungen, um Erfahrungen auszutauschen und Know–how zu importieren.

Praktika, Stipendien könnten in breitem Maße etabliert werden. Kollegen, die einmal deutsche Verlage intensiver von innen gesehen, die Infrastruktur des deutschen Buchhandels mal aus der Nähe kennen lernen konnten, kommen immer schwer beeindruckt zurück, müssen dann aber immer mit gewisser Ratlosigkeit an ihre Arbeit zurückkehren.

Auf der hiesigen Seite gibt es zusätzlich das große Problem, dass der Buchhandel und die Verlage in vielen verschiedenen Verbänden – sowohl auf zentraler, wie auf autonomer Ebene – organisiert sind, mit sehr verschiedenen Interessen und gegenseitigen Empfindlichkeiten, so dass sie sich manches Mal gegenseitig versuchen, das Wasser abzugraben oder sogar in die Haare kriegen.

Das hat solch merkwürdige Auswüchse, dass man sich monatelang stritt, ob man den diesjährigen „Dia de Sant Jordi“, den traditionellen Tag des Buches (siehe Blickpunkt Barcelona vom 22.4.2007), der aber in diesem Jahr auf den Ostersamstag, den 23. April fällt, nicht besser verlegen solle, weil vielleicht zu viele Menschen in dieser Zeit in Urlaub seien. Denn die Osterwoche, die Semana Santa, provoziert alljährlich den ersten großen Urlaubsexodus.

Man ist dann beim 23. April geblieben, hofft nun wieder auf bestes Wetter und auch ein bisschen darauf, dass nicht auch noch an diesem Tag der Umsatz einbricht. Denn nur an diesem einzigen Tag wurden in den vergangenen Jahren immer um die 9–10 % des gesamten Jahresumsatzes von Katalonien registriert.

Wenn eventuell doch zu viele Katalanen in Ferien sein werden, warum entschließen Sie sich, liebe Leser des BuchMarkt, nicht noch zu einem spontanen Osterbesuch in unsere Stadt, feiern mit uns den Día de Sant Jordi, kaufen sich das eine oder andere schöne Buch an einem der Büchertische an den Ramblas (dass kein Zweifel aufkommt, man macht hier SEHR schöne Bücher!).

Denn wenn wir hier etwas haben, von dem sich wiederum andere Länder etwas abgucken könnten, dann ist es dieser Sant Jordi, an dem die ganze Stadt und ganz Katalonien sich mit Büchern und Rosen beschenkt.

Ach, wären doch alle Tage für das Buch so rosig, wie an diesem einen!

Günter G. Rodewald ist Literaturagent und arbeitet in der Literaturagentur Ute Körner www.uklitag.com in Barcelona, Kontakt: ggr.buchmarkt@uklitag.com

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