Beckmann kommtiert Für Buchhändler und Verleger kein Grund zur Aufregung: Jürgen Neffes reißerischer ZEIT-Artikel über das Ende des gedruckten Buches hat weder Hand noch Fuß

„Richtig wütend“ ist Karola Brockmann in Brühl – sie führt dort Die Buchhandlung – bei der Lektüre des Aufmachers im Literaturteil der ZEIT vom 23. April geworden.

Sie ist nicht die einzige.

Dieser ganzseitige (!) Artikel des renommierten Sachbuch-Autors (!) Jürgen Neffe – an so prominenter Stelle (!) in einem führenden meinungsbildenden Publikumsorgan (!) mit hoher Auflage, das sich zudem als maßgebliches Kulturorgan begreift (!) – hat viele Sortimenter und Verlagsleute aufgeregt, die ihre eigene Branche als eine tragende Säule der Kultur sehen. Verständlicherweise. In dem Artikel wird nämlich ihre Existenzgrundlage mit allem, wofür sie stehen und arbeiten, unter der Überschrift „Es war einmal“ als Märchen aus uralten Zeiten abgehakt.

Da wird ihrer Branche, obwohl sie, historisch gesehen, heute mehr Bücher produziert und verkauft als je zuvor, der unaufhaltsame Untergang vorausgesagt: „Die Ära des gedruckten Buches geht zu Ende“. Nicht genug damit: Wie um die Angehörigen und Mitbetroffenen des Für-Tot-Erklärten auch noch Hohn und Spott preiszugeben; wie um ihnen das Recht auf Beistand und Beileid abzusprechen, wird obendrein weitergetitelt, das alles sei „Kein Grund zur Trauer“.

Das scheint wirklich ein starkes Stück.

Doch wenden wir uns dem Text von Jürgen Neffe zu.

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Seine zentrale Passage lautet: „Das künftige Verhältnis von Autor zu Buch lässt sich am besten so charakterisieren, dass ein Buch einen Autor braucht, aber ein Autor kein Buch. Zumindest keines von Gewicht, das hergestellt, verpackt, verschickt und verkauft werden muss. Papier ist weder zum Schreiben noch zum Leben nötig. Milliarden elektronisch verschickte und empfangene Botschaften können nicht irren. In der Zeit nach Gutenberg brauchen Autoren auch keine klassischen Buchhändler, Lieferanten und Verleger mehr, um ihren Beruf bis zu seiner möglichen Erfüllung ausüben zu können: der Publikation. Für sie zählt der Inhalt mehr als das Behältnis, dessen Produktion, Vertrieb und Handel eine beträchtliche Zahl am Jobs unterhält und dabei Energie und Rohstoffe in großem Umfang verschlingt…“

Das ist doch aber wohl, bitte sehr, von den Möglichkeiten her betrachtet, welche die Digitalisierung bietet, zunächst einmal richtig. Rein technisch. Theoretisch. Und so etwas muss auf den ersten Blick, rein aus Schriftstellerperspektive, für Autoren wie eine Befreiung wirken. Dafür sollten auch Buchhändler und Verlagsleute grundsätzlich mal Verständnis aufbringen (und nicht immer nur die eigenen Sorgen wälzen).

Auch Autoren sehen sich ja zunehmend von den Zwängen der Kommerzialisierung des modernen Verlagsgeschäfts und Buchhandelswesens drangsaliert und bedroht. Von Verlegern und Lektoren, die immer wieder eine Publikation aus für den Autor nicht nachvollziehbaren Gründen verweigern; die den Vorstellungen des Autors von Aufbau und Stil „seines Buches“ bis hin zu Schutzumschlaggestaltung, Werbung und Pressearbeit nicht folgen wollen, modifizieren oder verwerfen, und ihm darum, wie er meint, den Zugang zu „seinen Lesern“ verstellen (ganz abgesehen davon, dass sie eigentlich nie genug für „sein Buch“ tun); vom „unfähigen“ Vertrieb, der es nicht schafft, dass „sein Buch“ in allen Buchhandlungen ausliegt; von den „bösen“ Buchhändlern, die „sein Buch“ nicht einkaufen, gebührend präsentieren und engagiert verkaufen.

Sie alle werden von Autoren (die leider ebenfalls allzu oft nicht über den Tellerrand ihrer isolierten Eigenperspektive hinaus schauen gern als Störenfriede auf dem Weg zwischen „seinem Buch“ und „seinem Publikum“ empfunden. Ganz abgesehen davon, dass sie mit „seinem Buch“ ihre Betriebe finanzieren, und verdienen, also mit (zu) hohen Ladenpreisen seines Erachtens auch noch interessierte Leser vom Kauf seines Buches abhalten.

Wir sollten den ganzen Artikel drum am besten als einen Autorentraum verstehen, der als Zukunftsszenarium entworfen wird: Da setzen die endlosen Kümmernisse und Leiden von Autoren sich sozusagen in einer Utopie frei.

So gesehen, wird vielleicht auch für Verlagsleute und Buchhändler verständlich, warum ein Autor das Ende des gedruckten Buches mit seinen Begleiterscheinungen und eine neue Ära des digitalisierten Buches begrüßen könnte. Jürgen Neffe ist sich gewiss, dass sie kommt: „Die Entwicklung ist unaufhaltsam“. Wann die neue Ära, so wie er sieht, eintreten könnte, vermag er (natürlich) nicht zu sagen: Der Zeitraum bis dahin „wird sich aber kaum in Generationen (!) messen lassen“. Das ist nun äußerst vage. Doch selbst angenommen, dieser Zeitraum würde lediglich eine Generation, also dreißig Jahre betragen, kann keine Zukunftsprognose dieser Art irgendwelche Wahrscheinlichkeit für sich beanspruchen. (Wer hat etwa vor zwei Jahren die abrupte Erschütterung des globalen Banken- und Kapitalwesens vorausgesehen, deren ökonomische, gesellschaftliche und politische Folgen noch immer unfassbar und unabsehbar sind?)

Eine lineare Projektion gesellschaftlicher, kultureller und ökonomischer Entwicklungen nur auf Grund technologischer Innovationen darf als unmöglich gelten – schon gar, wenn sie dem Wunschdenken einer wie immer wichtigen einzelnen kleinen Gruppe, hier von Autoren entspringt.

Dies ist ja Jürgen Neffes Traum: In der neuen Ära „muss es kein unpubliziertes Buch mehr geben – das ist die gute Nachricht für die bislang Unberücksichtigten und Verkannten. Alle erhalten die Chance, ihr Werk einer Öffentlichkeit vorzustellen, und sei es über Open-Source-Plattformen oder soziale Netzwerke. Dort müssen sie sich zwar auch dem Wettbewerb stellen. Wir dürfen aber davon ausgehen, dass unter den Bergen digitaler Ladenhüter auch echte Schätze schlummern. So bekommt am anderen Ende des Spektrums auch die Masse der heutigen Durchschnitts-, Klein- und Nichtverdiener unter den Autoren eine Chance…“

„Warum dann nicht auch gleich selber produzieren und vertreiben (lassen)?“ ermutigt Jürgen Neffe seine Kollegen. Denn „Dienstleistungen wie Lektorat oder Layout sind längs auf dem freien Markt zu haben, woher Verlage sie schon jetzt mehr und mehr beziehen“, und „mit geringem Kapital kann jeder im Prinzip seinen eigenen Verlag für digitalisierte Bücher gründen und bei entsprechendem Anspruch und Ausstoß auch zum Erfolg führen. Besonders Mutige könnten auf die Idee kommen, den Vertrieb ihrer elektronischen Erzeugnisse selbst in die Hand zu nehmen…“

Ferner: „Wenn jeglicher physische Kontakt zur Ware entfällt, könnte bei voll automatisierten Download- und Abbuchungssystemen das jetzige 20-Euro-Buch dem Urheber sogar zum Preis von fünf Euro ein höheres Einkommen sichern als heute… Durch Anzeigen in Bild, Ton und Text wären die Erlöse so weit zu steigern, dass sich Bestseller als Downloads sogar verschenken ließen. Niedrigere Preise könnten den Verkauf der ‚Bücher’ fördern, Auflagen, Einkommen und nicht zuletzt die Zahl der möglichen Leser würden steigen. Selbst angenommen, diese investierten in Zukunft nur noch die Hälfte ihres augenblicklichen Etats für Druckerzeugnisse in allen möglichen Lesestoff, stünden die Autoren noch als Gewinner da.“

Ein schöner Traum für Autoren. Wie steht es jedoch um die Chancen einer Realisierung des Zukunftsszenariums von Jürgen Neffe?

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Dagegen steht:

(a) Das fundamentale, bislang ungelöste Problem des Urheberrechts und seiner Durchsetzung im digitalen Bereich wird in dem Artikel von Jürgen Neffe umschifft. Ohne dessen Lösung aber ist der ganze schöne Traum auf Treibsand gebaut.

(b)
Unter den – gemäß der Bedingungen und Zwänge des heutigen Buchgewerbes – unveröffentlichten Autoren und Manuskripte gibt es, und wird es geben, gewiss ungehobene „Schätze“. Doch schon die gegenwärtige Produktion enthält einen riesigen Haufen von, vornehm ausgedrückt, Austauschbarem, nach dem selten ein Hahn kräht. (So besteht beispielsweise die während der letzten Jahre rasant angestiegene Novitätenzahl in den USA dank PoD etc. inzwischen zu mehr als 25 Prozent aus Selbstveröffentlichungen, und eine Durchsicht unseres VLB würde wahrscheinlich ergeben, dass Libri aufgrund seines PoD-Programms zahlenmäßig dort weit mehr Titel platziert als selbst die größte deutsche Verlagsgruppe.) In Anbetracht der bei Literaturagenturen und Verlagen unverlangt eingehenden Manuskripte – mit einer Annahmerate von jetzt vielleicht 0,2 bis höchstens ein Prozent – stünde im Sinne von Neffes Publikationsmöglichkeiten der neuen digitalen Ära zu erwarten, dass die Zahl der Buchveröffentlichungen sich in etwa verhundertfachen wird. Die Produktion überfordert aber schon heute nicht nur die bestehenden kommerziellen Vertriebswege, sie macht auch das Publikum, das vor lauter Bäumen keinen Wald mehr zu sehen vermag, weitgehend hilflos. Bei weiteren Steigerungen der Bücherflut mit wesentlich schwächerer Selektion würde es mit höchster Wahrscheinlichkeit noch viel ratloser und weniger Titel kaufen.

(c)
Die Funktion der Verlage wird allein deshalb auch in einer digitalen Ära unersetzbar bleiben.

(d)
Gleiches gilt für den Buchhandel. (Wie sich bereits jetzt abzuzeichnen beginnt, wenn es sich auch noch nicht herumgesprochen haben mag, nimmt beispielsweise die Notwendigkeit eines buchhändlerischen „Sortierens“ und Beratens von Kunden bei Wissenschafts- und Fachliteratur, die digital verfügbar ist, keineswegs ab, sondern eher zu.)

(e)
Der Gedanke, ein breites Spektrum von noch mehr (digitalen) Buchpublikationen ließe sich weitgehend durch Werbung billiger anbieten oder gar total finanzieren, so dass die Preise um drei Viertel oder mehr sinken könnten, verrät einen totalen Mangel an Kenntnissen darüber, wie die Werbewirtschaft funktioniert, wie auch von den enormen Organisationsaufgaben eines funktionierenden Anzeigengeschäfts. Dass auf solchem Wege sogar die Autoren mit niedrigstem Publikumsappeal mehr als heute verdienen würden, kann als illusorisch gelten.

(f)
Natürlich sind Niedrig- und Schleuderpreis kaufanregend – bei Bestsellern u.ä. (wie man von entsprechenden Angeboten bei Online- und stationären Großbuchhändlern, Discountern, Supermärkten etc. in den USA und Großbritannien weiß, aber auch vom Schnäppchenangebot im Ramsch mit bekannten, eingeführten Titeln.) Der Gedanke, ein breites Publikum würde bei generellen Niedrigpreisen in der Breite wesentlich mehr digitale „Bücher“ kaufen, ist mehr als fragwürdig, ergo auch die Idee, dass Autoren so mehr verdienen würden.

(g)
Die Milliardenquote von elektronischen Botschaften jeder Art stellt keine Grundlage zur Vorhersage eines vergleichbaren Mehrkonsum von digitalen „Büchern“ – allein wegen derer Textlängen, die gerade für Gewohnheitsnutzer von Internet etc ein Problem darstellen.

(h)
Zum Schluss seines Artikels kommt Jürgen Neffe auf die Möglichkeit zu sprechen, dass – falls uns auch in Zukunft kulturell der Erhalt des gedruckten Buches wichtig sein sollte – immerhin der Weg von staatlich (mit Steuermitteln) finanzierten Spezialprogrammen etwa literarisch bedeutender Werke offen stünde. Der Gedanke verrät seine fundamentale Unkenntnis von Buchgeschäft und Leserverhalten, weil er da im Grunde (wieder) auf die längst überholte Trennung von E- und U-Literatur hinaus will. Sie ist weder kulturell haltbar noch ökonomisch machbar. (Wer hier geltend macht, solches Modell werde aber doch etwa in Schweden praktiziert, vergisst: In einem kleinen Land wie Schweden, wo ein sehr hoher Prozentsatz der Bevölkerung (von nur zirka fünf Millionen Menschen) ohnehin englischsprachige Bücher liest (und lesen können muss) und eine wirkliche „Buchindustrie“ wie in großen Ländern nicht existiert, mag das vielleicht möglich sein; dergleichen wäre bei uns wohl kaum praktikabel. Zudem kann die Idee von selektiven Buchprogrammen für Kultur und Literatur, die am Ende von „amtlich“ bestimmten Gremien entschieden werden, für alle nur ein Horror sein, denen die Notwendigkeit von der Freiheit des Kulturellen bewusst ist. Hier verrät sich von neuem, dass Jürgen Neffes Autorentraum letztlich aus einer Verabscheuung allen Kommerziellen im Buchwesen rührt. Er wünscht sich eine Systemänderung herbei – ob ein digitales Buchwesen auf Dauer weniger kommerziell durchsetzt sein wird, ist jedoch eine große Frage für sich.

Ärgerlich an diesem Artikel ist, dass er in so vielem unausgegoren apodiktisch erscheint.

Buchhändler neigen natürlich immer zu der Befürchtung, dass solche Artikel ihrem Geschäft schaden könnten. Ich glaube, in dem Punkt dürfen sie beruhigt sein. „Das Publikum weiß schon, was es will“, hat Friedrich Sieburg einmal mit Recht geschrieben. Es wird auch hier von sich aus seine Wahl treffen. Und vorläufig ist noch zu wenig an interessanten Angeboten verfügbar, als dass es breit für digitale Bücher (ganz gleich in welcher Form) optieren könnte.

Was freilich keineswegs heißen soll, dass Verlage und Buchhandel vor den Entwicklungen eines digitalen Marktes die Augen verschließen dürften. Veränderungen in dieser Richtung wird es bestimmt geben, für die sie offenen sein sollten – weil das Publikum sie auch in Zukunft brauchen wird.

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