Beckmann kommtiert Es gibt nichts Gutes, außer man tut es – Der 2. Titel der wegweisenden Bücher, die Buchhändler unbedingt lesen sollten

Glenn Greenwald, Die globale Überwachung. Der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen (Droemer)

Was soll denn dieser Titel mit Buchhandlungen und Verlagen zu haben? möchten Sie wissen.

Dann erinnern Sie sich bitte an den Artikel von Sabrina Fritz zur ARD-Tagesschau vor fast genau einem Jahr, der die Nachricht enthält, dass Amazon einen 700-Millionen-US-Dollar Auftrag vom amerikanischen Geheimdienst NASA angenommen hat.

Und vergessen Sie nicht die Einsichten, die Sie bei der Lektüre des bereits empfohlenen Buches Kämpf um deine Daten von Max Schrems mehr gewonnen haben. In unserer Zeit ist es ein alarmierender Fakt, „dass die Grenze zwischen ‚staatlich’ und ‚privat’ immer stärker verschwimmt. Der Clou an der zunehmenden Verwässerung kommt aber erst. Der Staat kann natürlich auf all diese ‚privaten’ Daten zugreifen. Er kann Daten beschlagnahmen, sich Videosignale übermitteln lassen, sich in Netze einklinken oder sogar auf Datenbanken zugreifen. Die NSA musste für PRISM nicht mehr jeden Bürger der Welt verwanzen, ausspähen oder die Daten sammeln. Kein NSA-Agent musste dafür in ein fremdes Land reisen oder auch nur aus dem Büro hinausgehen. Das übernahmen Apple, Google, Yahoo, Microsoft, Facebook und andere Unternehmen. Die NSA musste sich also nur noch die gesammelten Daten bei den privaten Überwachern abholen. Sehr praktisch! Kein Staat muss sich also mehr die Finger schmutzig machen. Man bedient sich der IT-Industrie, die oft auch mitmacht, solange man dafür Geldwertes vom Staat bekommt…“

So wie jüngst wieder, siehe oben, Amazon.

Aber nicht nur dies. Dazu auch noch das, wie Max Schrems weiter erklärt: „Ebenfalls recht praktisch ist es, dass für private Unternehmen nicht die strengen Vorschriften zur Überwachung und Beweiserlangung gelten wie für den Staat, auch wenn der Staat diese Daten dann verwendet. Es gibt keine ‚Strafprozessordnung für Private’. Selbst wenn ein Privatunternehmen Ihre Daten vollkommen illegal sammelt, speichert und weitergibt, darf der Staat diese Daten ganz normal für die Strafverfolgung verwenden. Es gibt weder in den USA noch in Europa eine Regel, die das verbieten würde, durchaus aus guten Gründen. Damit können aber Privatunternehmen dem Staat vorgeschaltet und damit die Rechte der Bürger systematisch unterlaufen werden…“

Und wieso sollte das nun wieder, fragen Sie, Buchhändler und Verlagsleute betreffen?

Weil der Konzern, der Ihnen so viel Bauchweh und Kopfschmerzen bereitet, eben gar nicht der Buchhändler ist, für den ihn viele noch immer halten – siehe dazu auch das Buchmarkt-Sonntagsgespräch mit Andreas Lentz [mehr…] – und letztlich nicht mal der Online-Alles-Verkäufer. Eine kluge deutsche Kommentatorin hat kürzlich vermutet, das Jeff Bezos all die ‚handgreiflichen’ Waren nur zum Zweck einer ‚Kundenbindung an Amazon verkauft, um möglichst viele Daten über eine größtmögliche Anzahl von Menschen in aller Welt zu kriegen. Das wäre eine schöne Geschichte – der Buchverkäufer Jeff Bezos als zeitgenössischer Rattenfänger von Hameln!

Und hier ist wieder etwas, das uns ganz bewusst sein muss, um das Problem zu verstehen, mit dem wir es zu tun haben. Es hat zwei entscheidende Punkte.

Der erste Kernpunkt:
Auf der Verflechtung mit den US-Geheimdiensten (und ihren Netzwerk-Kooperateuren wie dem BND) beruht letztlich die heutige Übermacht von Amazon und Konsorten, die scheinbare Unangreifbarkeit, der unverschämte Stil und Ton des Vorgehens, die unserer Branche solche Angst einjagen. Und damit uns das in all seinen Verwicklungen klar und anschaulich vor Augen tritt, sollten Buchhändler und Verlagsleute Glenn Greenwalds Buch Die globale Überwachung lesen oder mit diesem Zusammenhang im Sinn noch einmal lesen.

„In den vergangenen Jahrzehnten ist die Angst vor dem Terrorismus – geschürt durch ständige Übertreibung der tatsächlichen Bedrohung – von der amerikanischen Regierung missbraucht worden“, schreibt Greenwald, „um ein breites Spektrum extremistischer Maßnahmen zu rechtfertigen. Sie hat zu Angriffskriegen geführt, ein weltweit organisiertes Foltersystem entstehen lassen und ermöglicht, dass Ausländer wie amerikanische Bürger ohne Gerichtsverhandlung festgenommen oder sogar umgebracht werden.“. Und Greenwald betont, dass „der derzeitige NSA-Überwachungsskandal trotz aller historischen Präzedenzfälle eine wirklich neue Dimension hat – bedingt durch die Rolle des Internets im alltäglichen Leben. Insbesondere für die jüngere Generation ist das Internet… nicht nur unser Postamt und unser Telefon, sondern das Epizentrum unserer Welt –der Ort, wo sich praktisch das ganze Leben abspielt. Im Internet werden Freundschaften geschlossen, Lektüre und Filme ausgewählt, politische Aktionen organisiert, die privatesten Daten erstellt und gespeichert… Alle vorherigen Ausspähsysteme waren zwangsläufig begrenzt, und man konnte sich ihnen entziehen. Wenn wir zulassen, dass die Überwachung fest im Internet verankert ist, werden wir mehr oder weniger alle Formen des menschlichen Austausches, Planens und sogar Denkens einer umfassenden staatlichen Kontrolle unterworfen.“

Kurzum, das Internet, dem anfangs von vielen „ein großes Potential“ zugesprochen wurde, „die Möglichkeit, Hunderte von Millionen Menschen durch die Demokratisierung des politischen Diskurses zu befreien und die Machtlosen auf Augenhöhe mit den Mächtigen zu bringen“, hat durch die Umwandlung in ein Überwachungssystem „genau dies entscheidende Potenzial“ eingebüßt – „ja, es macht das Internet zu einem Instrument der Unterdrückung und droht, die schrecklichste Waffe staatlicher Einmischung zu werden, die es in der Geschichte der Menschheit je gegeben hat.“

Eben das macht Glenn Greenwald in seiner Darstellung der Zusammenhänge und Folgen des Snowdon-Skandals voll sichtbar – ebenso die verhängnisvolle Rolle der IT-Konzerne in diesem Drama.

Die Auseinandersetzung, die Amazon der Buchbranche aufgezwungen hat, erweist sich wiederum nur als Teilproblem einer riesigen, globalen gesamtgesellschaftlichen Problematik. Die Erkenntnis ist einerseits wahrlich furchterregend. Sie sollte uns jedoch nicht mutlos machen. Sie ist nämlich nur die eine Seite der Medaille.

Der zweite Kernpunkt:
Was Edward Snowdon mit Hilfe des investigativen Journalisten und Rechtsanwalts Glenn Greenwald und der preisgekrönten Dokumentarfilm-Regisseurin und –Produzentin Laura Poitras mit größter Zivilcourage zuwege gebracht hat – das Buch schildert, wie und unter welchen unglaublichen Schwierigkeiten seine Enthüllungen den Weg in die Öffentlichkeit fanden –, zeigt nämlich auf den sensationellen Anfang einer amerikanischen wie globalen Bürgerrechts- und Rechtsstaat-Bewegung. Sie hat den bisher mucksmäuschenstillen, unbehinderten Aufstieg der Geheimnisdienste vor allem in den USA zu einer unkontrollierten Instanz über den gewählten Regierungen erschüttert. Inzwischen geraten auch die mit den Geheimdiensten verwickelten, sich ebenso abschottenden IT-Konzerne in ein kritisches Scheinwerferlicht – und müssen mit geschäftlichen Einbußen in Höhe von zig Milliarden Dollar rechnen.

Glenn Greenwalds Die globale Überwachung macht also schließlich Mut. Es zeigt, wie schlimm die Dinge stehen. Es zeigt aber auch, was sich gegen den schlimmen Trend tut- und was sich weiter gegen ihn tun lässt. Die Buchbranche kann daraus lernen. Sie sollte sich nicht wie ein Frosch im abgelegenen Feuerwehrteich des Hinterlandes aufführen, dessen Gequake als öffentliche Belästigung empfunden wird. Sie steht mit ihren Belangen mitten im Zentrum einer großen, globalen Debatte. Was sie im Hinblick auf Amazon bewegt, hat eine politische Dimension, der sie sich voll bewusst werden müsste, die sie zur Geltung bringen sollten: in der Diskussion mit Freunden, Kunden, Geschäftsfreunden aus anderen Wirtschaftszweigen und in ihrem jeweiligen politischen Umfeld – vor allem auch mit den Medien.

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