Beckmann kommtiert Eine Sensation: Nach einem Besitzerwechsel bei Payot ist der Buchmarkt der französischen Schweiz zu 60 Prozent in der Hand des selbständigen Sortimentsbuchhandels

Zwölf Filialen mit Ladenflächen von 200 bis 2000 qm in zehn Städten, 270 Mitarbeiter, ein Umsatz von knapp 70 Millionen Euro: Payot ist der wichtigste Buchhändler der französischen Schweiz, und Payot hat soeben neue Eigentümer gefunden. Es ist ein Fanal für alle Sortimenter und Verlage.

An sich wäre ein solcher Besitzerwechsel nichts Neues. In den letzten zwanzig Jahren haben ja – global gesehen – große wie kleine Filialisten immer wieder neue Eigentümer bekommen. Hier zu Lande ist es bekanntlich eben erst dem Weltbild-Verlag so ergangen. (Für Thalia scheint es sich anzubahnen).

Als Gründe tauchen immer dieselben auf. Man hat sich mit einer viel zu großen Expansion verkalkuliert, die Umsätze sind rückläufig gewesen oder die geplanten Renditen nicht erzielt worden, man ist in die Verlustzone oder sonst wie in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten.

Und seit einem Jahrzehnt wird – mit jedem derartigen Ereignis noch ein paar Dezibel lauter – die gleiche schaurige Moritat angestimmt: vom Niedergang des herkömmlichen Buchhandels, der dem angeblich „unaufhaltsamen“ Vormarsch des Online-Riesen Amazon nichts entgegen zu stellen hat, vom Ende des auf Papier gedruckten Buches gar, für das es keinen Platz mehr gibt in einer vom Kindle und vom E-Book dominierten Welt.

Keine Frage: Das E-Book ist für das gute alte Buch eine sehr ernstzunehmende Konkurrenz. Keine Frage auch: Sortimenter haben es nicht leicht, sich gegen den Online-Handel zu behaupten. Doch der stationäre Buchhandel steht ebenso wenig unausweichlich vor dem Aus wie das gute alte Buch überflüssig geworden ist. Wir sollten einmal darüber nachdenken, wie es eigentlich zu dem nicht abreißen wollenden mechanischen Herunterleiern der schaurigen Moritat kommen konnte. Denn, wie seltsam, sie liegt voll und ganz auf der Linie der Öffentlichkeitsarbeit und Propaganda von Amazon und anderen IT-Konzernen.

Es ist dieser Zusammenhang, der verschiedene Details der Übernahme von Payot von so hohem Interesse macht.

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Payot hat sich langsam, mit Bedacht vergrößert und Wert darauf gelegt, sein professionelles buchhändlerisches Arbeitsethos und Niveau einzuhalten.

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Payot ist ein gesundes, stabiles Unternehmen, das Gewinn macht. (Nur 2012 gab es da für eine kurze Zeit Probleme auf Grund von Verschiebungen im Wechselkurs zwischen Euro und Schweizer Franken; Payot bezieht ja in hohem Maße Bücher von Verlagen in Frankreich.)

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Deswegen hatte der bisherige Hauptaktionär – der französische Konzern Lagardere Services – auch keine Eile, sich von Payot zu trennen, seit er sich in der Schweiz aus dem klassischen Buchhandel zurückzuziehen plant, um sich auf sein ursprüngliches Ladengeschäft in Bahnhöfen, auf (internationalen) Flughäfen etc. zu konzentrieren. Er hat darum auch nicht irgendeinen Käufer gesucht, sondern jemand, der die Weiterführung der bisherigen Erfolgsstrategie garantiert, die er über viele Jahre mitgetragen und finanziert hat. Und dabei hat Lagardere voll auf die Mitarbeit von Philippe Vandenberghe gesetzt.

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Schon bevor sich dieser Strategiewechsel bei dem Hauptaktionär für Pascal Vandenberghe, den langjährigen Haupt-Geschäftsführer von Payot, abzuzeichnen begann, hat er von sich aus aktiv darüber nachgedacht, wie eine optimale Zukunft des Unternehmens gewährleistet werden könne. So ist es nun weltweit das erste Mal, wie er voller Stolz sagt, dass „eine Buchhandlung sich freiwillig und selbstbestimmt aus einem Konzern gelöst hat“.

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Neue Träger von Payot sind ein waadtländischer Geschäftsmann (mit 5 Prozent), ein französischer Medienunternehmer (mit 20 Prozent) und die neugegründete Finanzgesellschaft Kairos (mit 75 Prozent), an der Pascal Vandenberghe 100 Prozent hält – dank eines Darlehens unbekannter Herkunft zu solch günstigen Bedingungen, dass Payot seine Erfolgslinie auf zehn Jahre sicher fortsetzen und ausbauen kann.

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Hier hat ein Buchhändler auf Grund seiner Arbeit und Glaubwürdigkeit, seiner Solidität und Vision Banken und Finanziers von der Zukunft des Buches und des stationären Buchhandels überzeugt.

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Das ist, so sieht es auch Pascal Vandenberghe, eine bedeutsame Entwicklung für die Kultur in der Romandie, also der französisch-sprachigen Schweiz. Denn er ist fest überzeugt, dass „die Kultur immer davon abhängt, dass in einer Region viele lesende Menschen leben“. Payot steht immerhin für 30 Prozent des dortigen Buchmarkts. Mit der neuen Unabhängigkeit von Payot aber, so Pascal Vandenberghe, ist die Romandie nun „das einzige Land im hochentwickelten Teil der Welt, wo der Buchmarkt sich zu 60 Prozent in der Hand von selbständigen Sortimenten befindet“.

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