Der Messe-Mayer Der Messe-Mayer Frankfurt 2019: Tag 4 von 6

 

Freitag: Mein Tag im Strandkorb

 

Liebe Freunde,

heute war Freitag, der letzte Fachbesuchertag. Vorm Wochenende haben wir alle Angst. Das kennt Leipzig gar nicht.

Weil ich gestern so viel erlebt und gesehen, gesprochen und geknipst, geschrieben und gepostet habe, wollte ich heute eher weniger tun. Ich bleibe einfach in Dora Heldts Strandkorb sitzen und warte, bis mir Messe passiert.

Aber dann hätte ich z.B. das hier nicht gesehen:

 

Eine norwegische Installation mit dem Charme eines Fahrradständers!

 

Drinnen stehen Kamerateams und filmen minutenlange Rolltreppenszenen. Auch gestern schon. Viele bleiben stehen und wundern sich, was die da filmen; stehen da einfach und filmen ins Nichts?

 

Aber was glauben Sie, wo all die Rolltreppen-Fade-Outs herkommen, mit denen jeder TV-Bericht über die Messe endet?

 

Eine junge, kistentragende Frau schnauzt mich auf der Rolltreppe an: Wenn ich Journalist sei, dann solle ich mal über zu schwere Pakete schreiben. Ich zitiere die Verkehrsordnung des Deutschen Buchhandels, dergemäß ein Paket, damit auch eine Frau es tragen könne, höchstens 80 kg wiegen darf.

Sie fragt irritiert, ob ich Jurist sei, was ich bejahte und ihr sofort in Rechnung stellte. Beleidigt schwebte sie mit ihrem Nur-13-Kilo-Paket davon.

 

Wahrscheinlich nur Luft drin.

 

 

Während ich hier auf der Messe meinen Dienst für diese Branche tue, ist mein Buchladen zuhause auf dem mittelhessischen Lande nur halb geöffnet. Mittlerweile sprechen mich Leute direkt an, wenn sie mit meinem Öffnungszeitenzettel fotografiert werden wollen:

 

extrem geschätzte, liebenswerte, fröhliche Journalistenkollegin: Petra Samani vom Buchblinzler.

 

Dieses Problem hat sich zwar mit dem eintretenden Samstag ohnehin erledigt (siehe Bild), aber ich habe noch jede Menge Zettelfotos.

So, aber wenn ich am Ende dieses Textes in einem Strandkorb sitzen will, sollte er nun besser mal beginnen.

 

Buchkindergarten: Noch ein Langenselbolder auf der Buchmesse!

Was ist ein Buchkindergarten? Das ist ein Kindergarten, der sich um Leseförderung (oder Bilderbuchförderung wie aus dem Bilderbuch) verdient gemacht hat und deswegen auf der Buchmesse Ehrung und Preis erhält und Ansprache von Paul Maar und Kirsten Boie persönlich, aber das ist ja eigentlich auch klar. Die viel interessantere Frage ist ja:

Was ist ein Langenselbolder?

 

Das ist Paul Maar.

 

 

Das ist Kirsten Boie.

 

Ich bin ein Langenselbolder. Langenselbold nennt man die kleine, sture Mulde zwischen Kinzig und Autobahndreieck, wo ich gerne aufwuchs; und ich erwähne es nur deshalb, weil den Preis ebenfalls eine Langenselbolderin entgegennahm.

 

Das ist aber wahrscheinlich nur für mich interessant.

 

Ich danke Heike Stützel für die Fotos!

 

Leute, die nicht aus Langenselbold kommen

Autorinnen, die aus dem Nichts kommen, bei Lübbe materialisieren und bereits eine kilometerlange Followerschlange mitbringen:

 

Wie, Sie haben noch nie von Morgane Moncomble gehört?

 

 

Anton Neugierg von Bücher-Pustet fällt einem Phänomen zum Opfer, das am Gewicht meiner Kamera und an der damit einhergehenden einseitigen Muskelbildung liegt, die beide dazu führen, dass ich die Kamera bei einem Selfie jedesmal gleich halte.

Ergo: Alle Selfies mit mir sehen gleich aus.

 

 

Annett Stütze und Britta Vorbach schreiben Kinderbücher für Erstleser – ein so schnelldrehendes Segment, dass man ihre Werke in vielen Verlagen findet. Aktuell bei Ravensburger: Die Donut-Bande!

 

Donuts backen, Bande gründen – eine Kindheit eben.

 

Erfreut stelle ich fest, dass der Nostalgie-Style im Kinderbuch auch bei Ravensburger angekommen ist. Magellan und 360 Grad haben damit angefangen, dann zog Thienemann nach, und mittlerweile hat sich eine ästhetische Bild- und Formensprache gefunden, die nach den 1960er Jahren schielt, man achtet auf Farben und Vintage-Schriften im Stil der Wirtschaftswunderzeit.

 

Und mir gefällt das.

 

 

Gestern schon besuchte ich die beiden Jon Klassen und Mac Barnett im Lesezelt, aber sie waren so witzig, dass ich mir die Signierstunde am Folgemorgen bei NordSüd nicht nehmen ließ.

 

Seit ich eine eigene Verkehrsnummer habe, macht es mir doppelt Freude, originelle Bücher auf dieser Messe zu finden.

 

(Zu deutsch: Demnächst auch in meinem Laden, die Werke von Klassen und Barnett.)

 

Verleger Sewastos Sampsounis vom Größenwahn-Verlag (mit völlig neuer Haartracht!) und Kabarettistin Vera Nentwich, die heute für den Selfpublisherverband hier ist.

 

Zumindest sagt das die Ausschilderung.

 

 

Holger Ehling von der Büchergilde ist für mich schon eine solche Messeselbstverständlichkeit, dass ich jetzt schon bis Freitag brauche, um ihn zu fotografieren.

Dabei umarmen wir uns schon seit Dienstag.

 

Und noch ein letzter Selfieklon, diesmal mit dem Genmaterial von Peter Deisinger! Viel habe ich mich bei Zweitausendeins herumgetrieben, in meiner Jugend in deren Katalog, und auf den Messen an deren Stand.

 

Und ich hoffe sehr, dass der Herr Deisinger wieder zu meinem Whisky am Samstag kommt.

 

 

Mein Besuch bei der Titanic-Redaktion

Weil mir die Titanic einen freundlichen Leserbrief schrieb (obwohl mich ein unfreundlicher mindestens genau so sehr gefreut hätte!), stattete ich dem Caricatura-Stand einen Besuch ab, denn dort residiert die Titanic.

Ich hielt das allerdings all die Jahre für einen reinen Verkaufsstand. Ich wusste nicht, dass es einen Hinterraum gibt, der größer ist als der Stand selbst. Am Stand war also Merchandise auf Kleinstraum konzipiert, damit die Redaktion einen möglichst großen, komfortablen Backstage-Bereich hat.

Es war wie in einem römischen Bad: Sehr viel jüngere und sehr viel ältere Männer als ich erwartet hatte, aber keiner sah gesund aus. Lediglich zwei Dinge verrieten Moderne: Nikotin statt Dampf, und die Gesichter alle einen Ticken zu bedacht für einen zünftigen Annilingus. Es gab billigen Kannenkaffee.

Ich war endlich heimgekommen.

 

Als Scharnier zur Wirklichkeit war zum Glück eine Buchhändlerin anwesend.

 

In der Mitte sehen Sie Chefredakteur Moritz Hürtgen mit seiner Frau Lisa Hürtgen. Links oben zerfotobombe ich den guten Eindruck, den man von mir hatte.

 

Daher spiele ich als nächstes mit dem Drehhocker.

 

Gerade von dem roten Lederdrehhocker will man seine Augen gar nicht mehr nehmen, aber dennoch beachten Sie bitte die geräumige und üppige Einteilung dieser fast schon barocken Satirelounge. Die prinzlichen Stühle im Hintergrund! Schwarze Ledersessel, Kaffeetischchen!

Ich wusste doch, dass es hier wenigstens einen einzigen Stand auf der ganzen Messe geben muss, der das Verhältnis zwischen Vor- und Hinterraum souverän auf den Kopf zu stellen weiß.

Ich frage, wie man Titanic-Chefredakteur wird. Tatsächlich sei das ein ganz normaler redaktioneller Auswahlvorgang, der sich üblicherweise danach richtet, wer das meiste Heroin zur Messe mitbringt.

Satire: also auch nur ein Beruf.

 

Lisa Hürtgen ist die einzige Leserin meiner Texte, die dann halt zufällig einen Titanic-Chefredakteur im Handtäschlein hat.

 

Danke nochmals für die Audienz.

Sie, Frau Hürtgen, haben was gut beim Messe-Mayer.

 

Endlich Strandkorb

 

Mich in Dora Heldts Strandkorb zu setzen und für den Rest der Messe nicht mehr aufzustehen, übt schon vom Beginn dieses Textes und seit seiner Überschrift eine gewissen Gravitation auf mich aus.

Aber der Reihe nach.

 

Zuerst mal ein Foto von Rita Falk, deren Eberhofer die Stadtmausversion vom Kluftinger ist.

 

Dann darf ich mich endlich in den Strandkorb setzen, der bereits mit Dora Heldt voreingestellt ist. Wir nehmen beide sofort maritime Tourismusposen ein:

 

Hör nur, das Gekreisch der Möwen: Pa-Fitti-Wa-Tüüüü! Pa-Fitti-Wa-Tüüüüü! (Exotische Vögel weisen auf globale Erwärmung hin.)

 

Liebevoll steckt der Teufel im Detail. Oder warten Sie, das klingt ja auch sehr gestelzt. Kann ich nicht schreiben, dass der Engel im Detail steckt?

 

Kleine Ministrandkörbe als Dekoflanke für den großen!

 

Dann sollen wir beiden als nächstes ein Interview führen, aber weil wir beide keine Lust haben und lieber Prosecco trinken und klönen wollen, verwende ich einfach unsere alten Hausaufgaben, die wir neulich gemeinsam gemacht haben:

 

BuchMarkt: Warum wollen Journalisten immer wissen, woher Autoren ihre Ideen haben?

Dora Heldt: So viele Journalisten haben diese Frage noch gar nicht gestellt… vielleicht einer. Und der überlegt vielleicht, selbst ein Buch zu schreiben und weiß noch nicht, um was es gehen soll.

Woher kam Ihre Idee zu „Drei Frauen am See“?

Ich wollte mich mal ernsthaft damit auseinandersetzen, warum ich eigentlich so geworden bin, wie ich bin. Und was die alten Freunde und Weggefährten damit zu tun hatten, ich glaube nämlich, dass viele Entscheidungen anders getroffen wären, hätte man zu ihrem Zeitpunkt andere Begleiter oder Ratgeber gehabt. Das fand ich ganz spannend. Und außerdem geht es um die Bedeutung von Freundschaft, verpasste Gelegenheiten, große Lieben, Missverständnisse und Erinnerungen. Leben eben.

Ist das ein ernstes Buch?

Was heißt ernst? Ernst gemeint bestimmt, ich wollte eine melancholische Geschichte mit einer gewissen Leichtigkeit erzählen.

Halten Sie lieber Lesungen in einer weltmännischen, studentischen Großstadt oder in der Provinz?

Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. In kleinen Orten kennt sich meistens der Großteil des Publikums, das finde ich immer sehr charmant. In den Pausen wird auch mehr getrunken. Und der Weg zum Hotel ist kürzer. Falls die Autorin mittrinken muss…

Was lesen Sie gerade?

Neulich im Urlaub: Claire Lombardo, Der größte Spaß, den wir je hatten

Welches Buch hat Sie geprägt?

Da gibt es sehr viele. Von Astrid Lindgren , Wir Kinder von Bullerbü angefangen, sind dann in fünf Jahrzehnten so viele dazugekommen. Da hatte ich Glück.

Was halten Sie vom Konzept der Jahreszeiten, und wie gefallen sie Ihnen?

Das Konzept der Jahreszeiten mag sinnvoll sein, die Umsetzung gefällt mir nicht immer.

Politische Gräben wachsen, intellektuelle Kapazitäten schrumpfen – was halten Sie dem Klima der Zeit entgegen?

Tja, wie wirkt man Dummheit und Ängsten entgegen? Indem man wenigstens im eigenen Umfeld nicht aufhört, miteinander zu reden.

Was ist Ihre persönliche Hühnersuppe? Was tun Sie, damit es Ihnen gut geht?

Ich starre aufs Meer und denke, dass ab und zu ein Moment des Innehalten nicht schadet, um Relationen wieder gerade zu rücken. Und ansonsten Rotwein und Pasta.

Sie sagten die Lesung bei Herrn Mayers Buchladen nur zu, wenn er vorher zum Frisör geht. Wieviel Einfluss darf die Kunst auf die Frisuren des Handels denn haben?

Die Kunst muss Einfluss auf die Frisuren des Handels haben. Vielleicht nicht auf alle Frisuren. Vielleicht nicht auf den gesamten Handel. Aber ab und zu müssen Autoren Druck machen. Für Kunden. Für Ehefrauen. Für Mütter. Für Kinder. Für Pressefotos. Und für Langenselbold.

 

 

So, aber jetzt darf ich doch wohl endlich die Füße hochlegen und die Strandkorbblende runtermachen?

 

Genau so, in etwa!

 

Leider müssen die Füße da runter, denn erstens habe ich einen weiteren Termin hier am dtv-Stand, und zweitens macht man sowas auch einfach nicht.

 

Mit großem Tamtam wird als nächstes der Superbestseller John Strelecky begrüßt, gefeiert und ausgezeichnet für das milliardste verkaufte Buch.

Strelecky: Als wenn der frühe Crocodile Dundee und der späte Jack Lemmon ein Kind zusammen hätten, das nun vom Rande des Universums schreibt. Literatur wie eine Jakobsmuschelschale voller Seife, die nach Hoffnung duftet und kaum in den Augen tränt, und es wird millionenfach verkauft.

 

Auch von mir, und das mit großer Freude.

 

Der Verlag ehrt Strelecky mit einer vergoldeten Version seines Buches:

 

Hutschatten im Gesicht, der alte Erzfeind der Gesichterfotografie.

 

 

Im Hintergrund behält Dora Heldt alles im Auge.

 

 

Zwei, drei der Ballons geben den Pennywise.

 

 

Bleibt nur noch eine einzige Sache zu sagen:

 

Während Sie das lesen, wird es schon nicht mehr benötigt, aber es wäre ja trotzdem schade drum.

 

 

30 Jahre KBV

Sie erinnern sich bitte: KBV war der mehr eingewachsene als renommierte Krimiverlag unter der Führung einer verschrobenen Szenefigur, die selber aussieht, als sei sie einem Malefiz-Spiel entsprungen: Ralf Kramp.

Es ist zwar seit gestern in Sachen Gummitortenkampf bereits alles gesagt, aber zur 30-Jahr-Feier darf ich natürlich nicht fehlen.

 

Ralf Kramp und illustre Gäste, die nachher alle noch überführt werden

 

 

Ralf Kramp, der Entertainer

 

 

Ralf Kramp wäre auch ein guter Dr. Armstrong bei Agatha Christies Negerlein.

 

Jedenfalls ist Leben und Gelächter in der Bude, und natürlich lässt Kramp auch exklusive Häppchen auffahren.

 

Und da komme ich dann ins Spiel.

 

 

 

Omelett mit Schweinenierchen

 

…dazwischen Hechtkloß mit Trüffel…

 

Aber dann Wels mit Austernschaum.

 

 

Es geht also auch ohne Pumpernickel.

 

Wen interessieren 30 Jahre KBV? Das hier war für mich der Star des Abends:

Koch Jean-Marie Dumaine und irgendein Dandy

 

Aber ganz im Ernst: Herzlichen Glückwunsch, lieber Ralf Kramp.

 

Zum Geleit

Ich hatte aus Strandkorbgründen versprochen, dass der heutige Text nicht so lang und voll wird, daher ist mein KBV-Buffetdiebstahl ein guter Anlass zum Abschied für heute.

 

Nur falls Sie wissen wollen, wie es hinter den Ständen aussieht.

 

 

Als mir aber auf dem Rausweg die liebwerte Frau Ursula Poznanski über den Weg lief, habe ich gleich meine Drohung des Tages auch an ihr wahrgemacht:

 

Soviel Zeit muss sein.

 

Ich wünsche Ihnen einen glimpflichen Samstag, falls Sie vom Fach sind, oder einen aufregenden Samstag, falls Sie von außen dazu kommen. Je nachdem. Der Samstag wird nochmal richtig schön, was Promidichte und interessante Gespräche angeht, und auch die Happy Hours sind Samstags ein bisschen happier als sonst.

Und da habe ich Samstags ja auch meine eigene: Mein streng geheimes Whiskytasting auf dem Gelände der Frankfurter Buchmesse! Guerillasaufing!

Aber morgen mehr davon. Für heute schließt

Ihr und Euer

Matthias Mayer

 

herrmayer@hotmail.com

 

Norwegens beste Edvards, Teil 4 von 6:

 

Karl Edvard Knausgård

 

 

 

 

 

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