Literaturpreise Ulrike Syha und Kurt Drawert erhielten Robert Gernhardt Preis

Tillmann Döring und Ulrike Syha

Gestern Abend fand im Theater Willy Praml in der Naxoshalle in Frankfurt die feierliche Übergabe des diesjährigen Robert Gernhardt Preises statt.

Den musikalischen Auftakt gestaltete das Ditzner Twintett mit Also sprach Zarathustra – das Twintett war noch mehrfach zu hören, anschließend begrüßte Hausherr Willy Praml die zahlreichen Gäste.

Praml kam gleich zu einer Sache, die ihn ärgerte: „Die Stadt Frankfurt setzt mit ihrer Bebauung das Industriedenkmal Naxoshalle in den Hinterhof. Trotzdem freue ich mich, dass so viele Literaturbegeisterte hergefunden haben.“

Der Hessische Staatsminister für Wissenschaft und Kunst Boris Rhein, der erstmals diese inzwischen sechste Preisverleihung übernahm und damit das „kleine Kompetenzgerangel mit Staatssekretär Ingmar Jung, der bisher die Preise verlieh“, für sich entschieden hat, richtete Grußworte an das Publikum: „Die Naxoshalle ist ein guter Ort für Preise, die für entstehende Projekte verliehen werden, denn die Halle ist eine Arbeitsstätte.“ Früher wurden hier Schleifmittel hergestellt, heute wird in der ehemaligen Fabrik Theater gespielt.
„Die Zeiten sind schwierig, die Diskussion um die finanziellen Mittel wird nicht einfacher“, konstatierte Rhein. Umso mehr sei der Wirtschafts- und Infrastrukturbank Hessen für ihr Engagement zu danken; sie stiftet nicht nur das Preisgeld, sondern kauft auch einen Teil der Auflage der entstandenen Bücher auf.

47 Autoren haben sich für den diesjährigen Robert Gernhardt Preis beworben. Die Jury habe in den letzten fünf Jahren eine gute Auswahl getroffen, denn von zehn Projekten sind acht realisiert und gedruckt worden.

Dr. Michael Reckhard, Mitglied der Geschäftsleitung der Wirtschafts- und Infrastrukturbank Hessen, sprach für sein Unternehmen. „Mit dem Preis wollen wir helfen, eine pekuniäre Durststrecke während des Schreibens zu überwinden. Das Geld soll außerdem Auftrieb geben“, erklärte Reckhard und verwies auf die Bücher von Paulus Böhmer und Ricarda Junge, Preisträger 2013. Die Werke liegen im Foyer zum Mitnehmen bereit.

In seiner Laudatio ging Theaterwissenschaftler Martin Apelt näher auf die diesjährigen Preisträger ein. Zunächst bekräftigte er: „Allen, die Geld für Literatur geben und ihre Räume für eine solche Veranstaltung zur Verfügung stellen, ist zu danken. Weiter so!“
Der Namensgeber für den Preis sei einer der brillantesten Dichter gewesen, der mit viel Herzenswärme und spitzer Feder die Menschen zum Lachen und Nachdenken gebracht habe, erinnerte er an Robert Gernhardt.

Ulrike Syha sei mit ihren 14 Theaterstücken, die bereits uraufgeführt wurden, und 15 aus dem Englischen übersetzten Stücken nicht mehr als Nachwuchsdramaturgin zu bezeichnen. Gegenwärtig arbeite sie an einem dreiteiligen Projekt; einem bereits gesendeten Hörspiel, einem entstehenden Theaterstück und dem Roman Der Korridor, für den sie den Preis erhalte. „Ein Literaturhaus sollte sich melden und vielleicht nach Abschluss der Arbeiten eine lange Syha-Nacht veranstalten“, schlug Apelt vor.
Die große Qualität Syhas liege darin, dass sie sich für soziologische, psychologische und politische Dinge interessiere, ohne mit dem Zeigefinger belehren zu wollen. „Der Korridor wird wahrscheinlich ein Buch zum sofortigen Durchlesen, Leser und Autor könnten dabei gut zusammen kommen“, vermutete Apelt und las eine Passage aus dem unvollendeten Manuskript vor, in der es um Menschen in einer unkontrollierbaren Stadt geht.

Fränkisch-Crumbach im Odenwald steht im Mittelpunkt des Langgedichts Verständnis und Abfall von Kurt Drawert, der ebenfalls mit dem Robert Gernhardt Preis 2014 geehrt wird. Drawert, Absolvent des Literaturinstituts in Leipzig, wird von Apelt so beschrieben: „Es ist erschreckend, was der Mann alles weiß. Und er kann es auch umsetzen und vermitteln.“ Apelt spielte damit auf die Darmstädter Textwerkstatt an, die Drawert seit 15 Jahren leitet.
Außerdem liegen von Drawert bisher 27 Publikationen vor, an weiteren 17 ist er beteiligt.
Im geförderten Projekt gehe es um 12 Monate in einer 1970er-Jahre-Pension. Jeden Tag fotografiert Drawert einen Leiterwagen und schreibt dazu dialektische, doppelbödige und zwiespältige Impressionen. „Es ist wohltuend altmodische Lyrik“, stellte Apelt fest und zitierte aus dem Text.

Anschließend erhielten Ulrike Syha und in Vertretung von Kurt Drawert sein Sohn Tillmann Döring die Auszeichnungen. Der Preis ist mit je 12.000 Euro dotiert.

„Ich war sehr überrascht, von der Jury ausgewählt zu werden“, bekannte Ulrika Syha.
Tillmann Döring verlas eine Grußbotschaft seines Vaters, dem es aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich war, von Istanbul nach Frankfurt zu fliegen. Drawert bedankte sich mit den Worten: „Zuspruch und Schutz für ein entstehendes Werk ist außergewöhnlich und wunderbar.“
Im Anschluss an die Preisverleihung drängten sich die Gäste um die Büchertische, auf denen der Roman Die letzten warmen Tage von Ricarda Junge, erschienen im S. Fischer Verlag, und Zum Wasser will alles Wasser will weg von Paulus Böhmer, publiziert im Verlag Peter Engstler, zum Mitnehmen bereit lagen.

JF

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