HoCa-Chef Rainer Moritz in der WamS über: „Nazi-Pornos und Hochstapelei – Gefälschte Lebensbeichten, Urheberstreits, Auslieferungsstopps: Wie der Buchmarkt zur Skandalbühne zu werden droht“

„Seit Martin Walsers Roman „Tod eines Kritikers“ fällt die Buchbranche vor allem durch Skandale und Skandälchen auf, die beim unvoreingenommenen Betrachter den Eindruck erwecken, Verlage seien in die Hände halbseidener Jungmanager geraten, die ihre Talente eher in Game-Shows als in ambitionierte Romane oder Sachbücher investieren sollten“ heißt es.
„Dieser Eindruck täuscht, spiegelt er doch nur einen winzigen Ausschnitt der Verlagsarbeit wider. Die erhitzten Diskussionen zeugen vor allem von einer gesamtgesellschaftlichen Sehnsucht nach Helden und Anti-Helden, nach Lichtgestalten und Halunken. Das Feuilleton vermag kaum noch intellektuelle Debatten auszulösen; wochenlang stellte es den Abgang eines Late-Night-Talkers in den Mittelpunkt und ergreift jede Chance, „Ungeheuerlichkeiten“ aufzuspüren und mit heißer Nadel aufzuspießen.“
Aber: „Was erlebten wir zuletzt nicht alles an Aufregungen, die nicht unter ‚Aus aller Welt‘, sondern auf den Kulturseiten ausgebreitet wurden! Dieter Bohlen schrieb Erinnerungen und beleidigte alte Weggefährten; die Journalistin Ulla Ackermann bastelte sich eine Wunschbiografie als Afrika-Korrespondentin zurecht; fiktionale Texte von Maxim Biller und Alban Nikolai Herbst wurden aus dem Verkehr gezogen, weil sich reale Personen darin unschön porträtiert fanden; die Autorschaft des ‚Manieren‘-Buches des Äthiopiers Asfa-Wossen Asserate schien plötzlich zweifelhaft; die Abenteuergeschichten der vermeintlichen Geheimagentin Nima Zamar (‚Ich musste auch töten‘) kamen erst gar nicht in den Handel, und der Schriftsteller Thor Kunkel muss sich für seinen Roman ‚Endstufe‘ einen neuen Verlag suchen, da sein altes Haus aus ideologisch-ästhetischen Gründen nicht mehr zu ihm steht.
Über alle diese „Fälle“ wurde vielerorts mit Eifer, heftiger moralischer Selbstgerechtigkeit und mäßiger Sachkenntnis berichtet. Es gehört ohnehin zu den rätselhaften Phänomenen dieser Branche, dass ihr selten Berichterstatter zuteil werden, die die Mixtur aus kulturellem Anspruch und wirtschaftlicher Notwendigkeit kompetent auszuleuchten vermögen. Über Bücher darf schreiben, wer noch nie eine Kalkulation eingesehen hat und wer Verlage beurteilt, als seien sie subventionierte Opernhäuser.“ Moritz muss es Wissen – hat doch mit dem „Fall Ackermann“ diese neue Welle im Feuilleton begonnen.
Die echten und die vermeintlichen Buchskandale der letzten Zeit werden so auf eine Weise beschrieben, die aus Einzelbeispielen das Trugbild panisch gewordener Verleger modelliert, die ihren Beruf mit einem Mal verlernt haben. Bohlen, Kunkel & Co. – jeder dieser „Fälle“ muss differenziert betrachtet werden. Sie über einen Kamm zu scheren heißt, Äpfel mit Bananen zu vergleichen, und das sollte keine Eigenschaft „kritischer“ Kulturjournalisten sein.
Und er weiß auch: „Wer von solcher Skandalisierung betroffen ist, darf lediglich darauf bauen, dass alsbald – um es derb zu sagen – die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird. Länger als drei Wochen lässt sich – so zumindest die Überzeugung mancher Redaktionen – das Feuer solcher ‚Fälle‘ nicht schüren. In einem Monat werden wir nicht mehr wissen, worum es in Thor Kunkels Roman ‚Endstufe‘ überhaupt ging. Wer immer dieses Buch herausbringen wird, muss dies schnell tun (wie BuchMarkt bereits am Freitag meldete, wird das Eichborn Berlin sein. Ein aktuelles Interview mit dem Programmchef Wolfgang Hörner zur „Kunkel-Übernahme“ finden Sie hier [mehr…]). Denn spätestens auf der Leipziger Buchmesse wollen alle über neue Katastrophen auf dem Büchermarkt munkeln und klagen.

Zum vollständigen Artikel: http://www.wams.de/data/2004/02/08/234467.html?WS2ID=7819d4c7a6ea8d239df10c2ee772b11d

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