Heute in WELT, FRANKFURTER RUNDSCHAU und taz: Zum Tode des Münchner Verlegers Karl Blessing

Heute ein Nachruf in der WELT auf Karl Blessing von Uwe Wittstock:

Karl Blessing war mehr als eine Verlegerpersönlichkeit. Er war eine Persönlichkeit. Sein Leben ist nicht leicht gewesen. Schon in jungen Jahren mußte er seinen ersten Kampf gegen eine tödliche Krankheit kämpfen. Das hat Spuren hinterlassen. Er war deshalb nicht unbedingt ernster und ganz sicherlich nicht finsterer als andere, wohl aber ernsthafter, klarer und entschiedener. Das spürten viele in der Verlagsbranche, in der sich die Leidenschaft für Bücher nicht immer mit einer Leidenschaft für Verläßlichkeit verbindet. Nicht nur im deutschen, sondern auch im internationalen Geschäft gehörte er deshalb zu den Menschen, dessen Zusammenarbeit, dessen Rat, dessen Freundschaft man suchte. Jetzt hat er, nach einem zweiten Ringen, den Kampf gegen die Krankheit mit 63 Jahren verloren.

Er hatte über Alfred Döblin promoviert, hatte das Verlagsgeschäft als Assistent von Werner Schoenicke erlernt, der als Graue Eminenz des Holtzbrinck-Konzerns aus S. Fischer, Rowohlt, Droemer und Kindler eines der größten Verlagsimperien Deutschlands schneiderte. Aus Schoenickes Schatten trat Blessing heraus, als er einige Jahre in Amerika für “Reader’s Digest” arbeitete. Doch bald holte ihn Holtzbrinck zurück, machte ihn zum Programmgeschäftsführer von Droemer-Knaur.

Hier feierte Blessing zwischen 1982 bis 1995 Bestsellererfolge in Serie. Er gehörte nicht nur zu den wenigen Verlegern, die einen sicheren Blick sowohl für herausragende Romane wie für Sachbücher haben, sondern die es darüber hinaus auch verstehen, dem eigenen Haus jenen besonderen Glanz zu verschaffen, der Autoren anzieht, die besondere Erfolge versprechen. Die Bücher von Johann Mario Simmel, Lilly Palmer, Curt Jürgens, aber auch von Noah Gordon, Benoîte Groult oder Tom Wolfe brachte er zu Hunderttausenden in die deutschen Leserhaushalte.
Daß Holtzbrinck in den neunziger Jahren nach internen Konflikten Arnulf Conradi und Blessing ziehen ließ, hat den Konzern auf Jahre hinaus geschwächt. Blessing eröffnete bei Bertelsmann einen Verlag unter eigenen Namen und feierte hier mit Arundhati Roy, Michael Crichton, Dieter Hildebrandt, Jürgen Leinemann und Frank Schirrmacher neue Triumphe. 2004 wählte die Branche ihn zum ‚Verleger des Jahres‘.

Auf seinem Empfang während der Frankfurter Buchmesse 2004 mußte er sich, von Krankheit gezeichnet, stützen lassen, als er seine Gäste am Eingang begrüßte. Aber im Gespräch war er hellwach, schlagfertig und klug. Für jeden seiner Autoren hatte er Zeit, für jeden seiner zahllosen Branchenfreude ein paar Worte. Ich hatte damals gerade das Manuskript für die Biographie über Marcel Reich-Ranicki abgeschlossen, die ich für seinen Verlag schrieb. Er bewundere, sagte mir Blessing damals, Reich-Ranicki, weil er all das, was ihm das Leben zugemutet habe, überstand ohne zu klagen. Ein Kompliment, das jeder, der Karl Blessing kannte, auch ihm machen konnte.

Und in der FRANKFURTER RUNDSCHAU Peter Michalzik:

Er war ein feiner Herr. Sein Auftreten, hervorragend gekleidet, mit weißem Haar und angenehm gebräunter Haut, hatte etwas Distinguiertes – aber es war nicht in Gefahr, zur Marotte zu werden. Er war der Sohn von Karl Blessing, des ersten Präsidenten der Deutschen Bundesbank, der ihm den Namen vererbte und ihn lieber auf anderen Wegen als denen des Buches gesehen hätte. Vor allem war Karl H. Blessing aber ein feiner Herr im Umgang mit seinen Autoren.

Auch wenn er – von 1982 bis 1995 war er Verleger und Programmgeschäftsführer der Verlage Droemer, Knaur und Kindler – für viele Autoren unterschiedlichster Art und den geschäftlichen Erfolg in einem Konzern verantwortlich war, sein Engagement war auf Seiten des einzelnen Buches. Blessing konnte sich begeistern und dann auch viel Geld ausgeben. Das Risiko schreckte ihn nicht. Aber er war einer, der wusste, wie das Geld zurückkommt. Noah Gordon und Michael Crichton waren seine Autoren, Amerikaner, die in München eine zweite Verlagsheimat fanden. Für sie tat er mit der ihm eigenen Zurückhaltung alles – und die deutschen Leser dankten es i
Es ist eine schöne Wendung dieses Verlegerlebens, dass er nach dem Ausscheiden bei Droemer unter dem Dach von Random House (damals Bertelsmann) den sehr noblen Karl Blessing Verlag gründen konnte, in dem er seine Vorstellungen eines gar nicht so kleinen, aber durchweg feinen Verlaghauses verwirklichen konnte. Das heißt nicht, dass er sich jetzt aufs Abseitige kapriziert hätte, nein, er machte Bücher, die den Kontakt zum Leser intensiv suchen. Nur entsprang das nicht geschäftlichem Kalkül, sondern war Konsequenz aus seiner Überzeugung von der Qualität eines Manuskripts.

Blessing liebte Amerika. Eines der schönsten Bücher, die er gemacht hat, war Bilder von Amerika von Robert Hughes, eine aufregende amerikanische Kunstgeschichte. Und er hatte viele Interessen: Das Kabarettistenbuch ist sozusagen seine Erfindung, Dieter Hildebrand und Bruno Jonas verlegten bei ihm erfolgreich. Er blieb offen für Neues: Frank Schirrmachers enormer Erfolg mit Das Methusalem-Komplott war auch Blessing zu verdanken. Bis zuletzt freute Blessing sich daran, neue Autoren zu finden und auf den Markt zu bringen. Wenn er sich einmal für sie entschieden hatte, ergriff er ohne Scheu und gegen alle Widerstände ihre Partei. Es war schön, bei ihm ein Autor zu sein.

Auch eine schwere Krankheit konnte ihn nicht von der Arbeit abhalten. Vergangenes Jahr ist er verdientermaßen zum Verleger des Jahres gewählt worden. Am Samstag ist Karl Blessing im Alter von 63 Jahren in seiner langjährigen Heimatstadt München gestorben. Ein feines Leben ist zu Ende.

Auch die taz gedenkt des Verlegers:

Karl Blessing war der Mann, der im Bertelsmann-Konzern das große Geld in die Hand nehmen konnte, er war der Verleger der großen Fische. Michael Crichton ist in seinem Blessing-Verlag erschienen, außerdem steht der Name Blessing auf jedem der vielen, vielen Exemplare von Frank Schirrmachers Essay “Das Methusalem-Komplott” oder Kathy Reichs Krimi “Totenmontag”, nur zwei Beispiele von vielen seiner Bücher, die man aus den Bestsellerlisten kennt. Das Leben des Karl Blessing kann man sich nicht anders als in Bildern wie aus dem Wunschtraum von jungen smarten Buchkaufleuten ausmalen: häufig nach New York fliegen, einen 20-, 30-seitigen Ausschnitt aus einem Manuskript in die Hand bekommen und dann in einer Stunde überlegen müssen, ob man dafür den horrend hohen Vorschuss riskieren soll; es wird von siebenstelligen Beträgen erzählt.

Die Sache ist nun aber die, dass Karl Blessing gar nichts von einem glatten Buchkaufmann an sich hatte – eher war er ein Beispiel für die Ansicht, dass mit dem Umbau der deutschen Verlagslandschaft zu Konzernen die Figur des neugierigen, engagierten Verlegers noch nicht an ein Ende gekommen sein muss. Wenn er auf Buchpräsentationen einen seiner Autoren vorstellte, hat er niemals den Verdacht aufkommen lassen, er würde ein Buch nur zum Geldverdienen machen und nicht etwa deshalb, weil es ihm gefällt.

Außerdem hat er, nach allem, was man hörte, in seinem Blessing-Verlag stets unabhängig und ohne Konzerneinflüsse agieren können. Dass die Literatur seine Leidenschaft war, ersieht man auch aus seinem Lebenslauf. Mit einer Dissertation über Alfred Döblin emanzipierte er sich von seinem Elternhaus; als Spross einer Bankiersfamilie war für ihn eigentlich eine Banker-Laufbahn vorgesehen. Und bevor er 1996 zusammen mit Bertelsmann den Blessing-Verlag gründete, war er Chef bei Droemer – bis er sich, wie man bei seinem Weggang hörte, im Kampf zwischen den Buchkaufleuten und den Lektoren einmal zu viel auf die Seite der Lektoren geschlagen hat.

Neulich hat das Branchenmagazin BuchMarkt ihn noch zum Verleger des Jahres 2004 gewählt. Am vergangenen Samstag ist Karl Blessing 63-jährig gestorben.

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