Die Sätze des Jahres 2018 »I don´t think about the reader, I think about the book« – der andere Jahresrückblick

Die übliche Art von Jahresrückblick zählt die Ereignisse auf, die prägend für das vergangene Jahr waren. Ebenso scheinen uns aber auch die Gedanken, die sich die handelnden Personen dazu gemacht haben. Ulrich Störiko-Blume notiert sich seit vielen Jahren solche Sätze, die ihm bedeutsam, prägnant und nachdenkenswert erscheinen – auch für unsere Branche und auch unabhängig davon, ob er deren Aussage teilt oder nicht. Wir verabschieden uns mit seinem „Best-of“ der Fundstücke aus dem Jahr 2018 und wünschen Ihnen und uns einen guten Rutsch und ein wundervolles neues Jahr 2019:

»Gerade durch die digitale Revolution, bei der jeder Mensch in der Lage ist, seine Meinung überall öffentlich kundzutun, ohne dafür geradestehen zu müssen, neigen viele Menschen wieder dazu, sich für das Zentrum des Universums zu halten. Genau wie vor der Aufklärung.« Michael Waltz „Maul halten und Hirn einschalten!“, Interview mit SZ-Magazin Nr. 3 / 10.01.2018

»Man kann die Welt nicht erlösen. Und die, die es versucht haben, die haben Millionen von Menschen das Leben gekostet.« Lotte Tobisch (91, von 1981 bis 1996 Organisatorin des Wiener Opernballs) „Der Lugner is´ a Wurschtel“, SZ 06.02.18

»Man verlässt einen großen Text nicht als derselbe Mensch, der ihn aufgeschlagen hat.« Denis Scheck „Jedes Buch ist ein toter Baum“, Leipziger Volkszeitung 16.03.18

»Ich kann diese Dinger nicht mehr soziale Netzwerke nennen. Ich nenne sie Verhaltensänderungs-Imperien. … Es kann nicht sein, dass, wenn zwei Menschen miteinander kommunizieren wollen, es nur geht, wenn eine dritte Partei das finanziert, die zudem beide manipulieren will. … Ich glaube nicht, dass unsere Spezies überleben wird, wenn wir das nicht in den Griff bekommen.« Jaron Lanierauf der TED-Konferenz in Vancouver, April 2018, zitiert nach SZ 17.04.18

»I don´t think about the reader, I think about the book.«Philip Roth, gesprochen, gehört an seinem Todestag 23.05.18 im DLF

»Ich halte alles für möglich – alles.«Markus Söder am 22.06.18 zur bayerischen Landtagswahl 2018, SZ 23.06.18 „Ein Brandbrief stört das Selbstlob“

»Wo, C, bist du geblieben?« Norbert Blüm „Das C verpflichtet“, SZ 13.07.18

»Gegen Rechtsextremismus zu kämpfen ist nicht links, es ist demokratisch.« Sascha Lobo „Chemnitzer Krawalle – Eine Zäsur findet nicht statt.“ Kolumne, spiegel-online 29.08.18

»All I´m trying to be is the infrastructure for the global populist movement.« Steve Bannon „Steve Bannon – A Propaganda Retrospective“, Het Nieuwe Instituut, Rotterdam, 20.04. – 23.09.2018

»Romane handeln von Menschen, nicht von der Menschheit.« Martin Ebel „Mein Held, der Wald“ (Besprechung von Richard Powers Die Wurzeln des Lebens), SZ 24.10.18

»Die richtige Antwort auf den liberalisierten Populismus muss heißen: Autorität der Reflexion.« Simon Strauss „Woran es fehlt“, FAZ 19.11.18

»Alles kann heute Fake sein, Fake-News, Fake-Bilder, Fake-Aussagen – aber an Klassikern in der Literatur wissen Sie, was Sie haben. Die haben schon Jahrzehnte, zuweilen Jahrhunderte überdauert. An diesen Klassikern zerschellen die Fakes! Wenn Sie Tolstoi lesen, lernen Sie so unendlich viel über den Menschen … Kultur ist die beste Verteidigung gegen Fakes und Frivolität.« Mario Vargas Llosa, Interview in NZZ 20.12.18

 

Ulrich Störiko-Blume

Ulrich Störiko-Blume betreibt seit 2015 in München die ProjektAgentur, die Konzepte und Manuskripte vor allem im Bereich Kinder- und Jugendliteratur an Verlage vermittelt. Zuvor hat er vier Jahrzehnte in leitenden Positionen bei verschiedenen Kinder- und Jugendbuchverlagen gearbeitet, zuletzt bei Hanser. Außerdem schreibt er für BuchMarkt und andere Fachpublikationen, ist Dozent bei der Buchwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München und wirkt mit im Präsidium der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur. Er kommentiert seine Auswahl so: 

Joschka Fischer hat soeben die Klimakrise als die größte Gefahr für unsere Welt bezeichnet (Greenpeace-Magazin 1.19). Harald Welzer sieht die objektive Lage ähnlich und will kommunikativ damit umgehen: „In den Medien, aber auch privat und politisch wird viel mehr über Krisen geredet als über das, was funktioniert.“ Und weiter: „Je mehr sich andere Medien auf die reine Information – oder auf das, was man als Information behauptet – verlagern, desto wichtiger und attraktiver wird ein Medium, in dem argumentiert wird, abgewogen wird, und Widersprüche artikuliert werden können. Das Buch hat keineswegs abgedankt.« (Börsenblatt 27.12.18)

Unsere Branche, die für das Menschenrecht auf persönliche Entfaltung und gesellschaftliche Geborgenheit einsteht, lebt vom Verkauf von Geschichten. Mit Weihnachten verbinden wir die schönste aller Geschichten: die Realität werdende Hoffnung auf Erneuerung. So können wir die subtilen Verunsicherungen und die massiven Angriffe auf die demokratische Kultur kontern.

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