Ein „enhanced p-book“: Wolfgang Ferchl über das Geheimnis von “Die deutsche Seele“ und die Stärke des Buches

Seit 24 Wochen ist „Die deutsche Seele“ von Thea Dorn und Richard Wagner nun schon auf den Bestsellerlisten, Knaus hat rund 60.000 Exemplare verkauft – und das scheinbar gegen den Trend: Es ist mit 560 Seiten “dick” und kostet über 25 Euro. Weiß Knaus-Verleger Dr. Wolfgang Ferchl (Foto) eine Erklärung?
 
Wolfgang Ferchl: Zuallererst ist es die Qualität der Texte und der Bebilderung, die diesen Erfolg ausmacht. Und offensichtlich haben die Autoren den Nerv des Publikums getroffen. Aber der Erfolg hat auch, so unterstelle ich, etwas mit dem Objektcharakter dieses besonderen Buches zu tun.

Wolfgang Ferchl:
“Die Deutsche Seele“ ist ein enhanced p-book“

Und der wäre?

Für mich ist „Die Deutsche Seele“ nichts anderes als ein „enhanced p-book“.
 
Hört sich griffig an, was meinen Sie aber damit?

Das Buchkonzept von „Die deutsche Seele“ spielt alle Stärken des klassischen Print-Proruktes Buch aus: Dieses Buch spielt in einer Zeit, in dem viele den Untergang des „klassischen“ Buches bejammern oder die Möglichkeiten der digitalen Welt feiern, all die Stärken des Buches, wie wir es bisher kannten, überzeugend aus: Es grenzt ein unübersichtliches Thema durch geschickte Auswahl ein. Es ist auf eine Art und Weise illustriert, wie das kein User sich ergooglen könnte. Es ist auf eine unaufdringliche Art “interaktiv”, gibt es doch dem Leser über Verweise am jeweiligen Kapitelende die Möglichkeit, sich eine individuelle Lesespur zu legen. Hinzu gibt es ein umfangreiches, aber nicht ausuferndes Register, das einem weitere Zugangsmöglichkeiten erschließt. Summa summarum eine raffinierte Mischung aus Üppigkeit und Beschränkung mit Freiheiten für den Leser, ohne dass er sich wirklich verlieren könnte.
 
Heißt das, dass Ihnen um die Zukunft des Buches nicht bange ist, solange sich Verlage noch solche Projekte leisten?
 
Das könnte der einzige Grund sein, sich Sorgen um die Zukunft der Bücher zu machen. Aber Gedanken und Geschichten brauchen eine Form, seit wir uns nicht mehr allein auf Mündlichkeit verlassen wollen. Und manche brauchen dafür die Form eines Buches, in welcher materiellen Gestalt auch immer. Bücher aus Papier, die darüber hinaus auch noch einen Objektcharakter besitzen wie „Die Deutsche Seele“ oder auch Walter Moers` Zamonien-Romane, Rolf Vollmanns „Dürer-Verführer“ und andere, werden meines Erachtens nicht so schnell, vielleicht sogar nie, von den digitalen Möglichkeiten überholt werden.

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