Veranstaltungen Frankfurt: Erste Biografie von Hermann Kesten vorgestellt

Gestern Abend präsentierte der Autor Albert M. Debrunner sein Buch Zu Hause im 20. Jahrhundert. Hermann Kesten in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt. Die erste Hermann-Kesten-Biografie erschien im April im Schweizer Verlag Nimbus, Wädenswil.

Sylvia Asmus, Leiterin des Deutschen Exilarchivs 1933-1945, begrüßte die Gäste: „Hermann Kesten war nicht nur Schriftsteller und Übersetzer, sondern vielen ein zuverlässiger Helfer im Exil.“ Der größte Nachlass mit über 20.000 Briefen befinde sich in München, aber auch das Exilarchiv habe verschiedene Exponate von Kesten.

Albert M. Debrunner hat sich 25 Jahre mit Hermann Kesten befasst und ihn auch persönlich kennengelernt. „Nie vorher und nie nachher bin ich Hermann Kesten so nahe gekommen wie beim ersten Treffen“, bekannte Debrunner.

Die letzte Begegnung mit Hermann Kesten war zu dessen 96. Geburtstag 1996. „Nach seinem Tod im Mai 1996 dachte ich, dass er wiederentdeckt würde. Das geschah allerdings nur zum Teil.“ Erst 2010, zum 110. Geburtstag, gründete sich die Hermann-Kesten-Gesellschaft und richtete die Website Kesten:Stationen ein.

Nach der ersten Begegnung mit Kesten sammelte Debrunner alles über den Schriftsteller, traute sich aber nicht an eine Biografie heran. „Vor drei Jahren fragte mich Margrit Peter vom Antiquariat Dr. Koechlin in Basel, was aus meiner Sammlung geworden sei. Sie gab den Anstoß zur Biografie“, erläuterte Debrunner. Er sei nach Hause gegangen und habe den ersten Satz geschrieben.

Als Kesten vier Jahre alt war, zog die jüdische Familie vom galizischen Podwoloczyska nach Nürnberg. Der an Literatur interessierte Vater erzählte den drei Kindern Märchen und Geschichten und eröffnete ihnen so fremde Welten. Die Kindheit in Nürnberg war idyllisch. Die Kinder wurden zwar jüdisch erzogen, Kesten wahrte jedoch sein Leben lang Distanz zu religiösen Institutionen. Die Familie, die es in Nürnberg zu einem gewissen Wohlstand gebracht hatte, lebte in der Vorstadt, ging jedoch gerne in der Altstadt spazieren.

Hermann Kesten studierte nach dem Abitur in Erlangen und Frankfurt, veröffentlichte 1926 seine erste Novelle in der Frankfurter Zeitung. 1928 erhielt Kesten eine Stelle als Lektor beim Verlag Kiepenheuer und zog mit seiner Frau Toni, der Mutter und seiner Schwester Gina nach Berlin.

In den ersten Wochen nach Hitlers Machtergreifung dachte Kesten wie viele andere, dass der Spuk schnell vorbei sein werde. Er schrieb das Gedicht Das Licht leuchtet in der Finsternis – es waren seine letzten Verse, die in der NS-Zeit in Deutschland veröffentlicht wurden.

Er sprach mit seinem Freund Erich Kästner über die Lage. Der meinte: „Ich muss bleiben. Sie müssen reisen.“ Im März 1933 flohen die Kestners nach Frankreich. Dort arbeitete er als Lektor für die deutsche Abteilung des Exilverlags Allert de Lange. Er reiste 1935 nach London, „leidet unter dem Mangel an Kaffeehäusern“. Später jedoch stellte er fest: „Frankreich zeigte dem Exilautoren die kalte Schulter, England streckte ihm die Hand aus und veröffentlichte seine Bücher.“

1940 floh Hermann Kesten nach New York, seiner Frau gelang später die Flucht ebenfalls. Der Schriftsteller arbeitete in den USA nicht sofort an Romanen, sondern versandte zuallererst Bittbriefe und half so vielen Verfolgten. 1949 wurde er amerikanischer Staatsbürger. In einem Interview sagte er viele Jahre später: „Ich bin Amerikaner geworden, dann bin ich die Deutschen los.“

1953 zog er nach Rom, lebte dort bis zum Tod seiner Frau 1977. Im gleichen Jahr übersiedelte er nach Basel, wo er am 3. Mai 1996 starb.

Albert M. Debrunner verwies auf Die Zwillinge von Nürnberg, 1947 bei Querido, Amsterdam, erschienen, und auf Die fremden Götter, 1949 im Suhrkamp Verlag veröffentlicht. „Mit diesen Büchern hatte Hermann Kesten keinen Erfolg, er eckte damit im Nachkriegsdeutschland an. Aber seine Biografien und Meine Freunde, die Poeten, 1970 in der Fischer-Bücherei publiziert, erreichten ein großes Publikum.“

In der anschließenden Diskussion erzählte eine Besucherin, dass sie Hermann Kesten in einem Kaffee in Nürnberg getroffen habe. „Er hatte eine Zuckertüte in der Hand, wie ein Schulanfänger. Er hatte vorher seine alte Schule besucht und dieses Geschenk erhalten und freute sich sehr darüber.“ Eine berührende Anekdote.

JF

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