Das Autorengespräch zum Wochenende Emma Garnier über ihren Riviera-Roman „Grandhotel Angst“

Immer freitags hier ein Autorengespräch: Heute mit Emma Garnier (Pseudonym von Heike Koschyk) über ihren am kommenden Montag bei Penguin erscheinenden Roman „Grandhotel Angst“, der in Bordighera an der ligurischen Küste spielt. Also: das perfekte Buch für einen Riviera-Urlaub.

Emma Garnier

Vor Jahren, heißt es, stießen Sie während einer Italienreise auf ein verlassenes Hotel in Bordighera, an der ligurischen Küste. Dort entstand die Idee zu Ihrem neuen Buch Grandhotel Angst, erzählen Sie doch kurz, wie es dazu kam…

Das war im Sommerurlaub 2003. Wir wohnten in einer Villa, die direkt neben dem Hotel Angst liegt. Als ich das imposante Gebäude zum ersten Mal sah, war ich wie elektrisiert. Die Mischung aus einstiger Pracht und starkem Verfall erinnerte mich unwillkürlich an den Untergang der Titanic. Auf dem Giebel prangte das Wort ANGST in roten Lettern, und ich fragte mich, warum der Besitzer (Adolf Angst) dem Hotel seinen Namen gegeben hatte, obwohl das Wort in etlichen Sprachen einen Schauder hervorruft. Noch im selben Urlaub bin ich ins örtliche Archiv gegangen und habe mich über die Historie des ehemaligen Grandhotels informiert. Ich wusste sofort, dass ich darüber schreiben muss. Aber es hat fast vierzehn Jahre gedauert, das Buch zu vollenden.

Worum geht es in dem Buch?

Der Roman handelt von dem Schicksal der jungen Engländerin Nell, deren Flitterwochen sich anders entwickeln, als erwartet. Ihr frisch angetrauter Ehemann Oliver zeigt Seiten von sich, die sie zutiefst verunsichern und auch das glamouröse Hotel Angst, in dem sie residieren, entwickelt sich allmählich zu einem unheilvollen Ort. Dessen mysteriöse Legende nimmt Nell immer mehr gefangen, und als plötzlich ein Gast ermordet aufgefunden wird und man sie nachts auf den Fluren gesehen haben will, fürchtet Nell um ihren Verstand. Haben sich dunkle Mächte ihrer Seele bemächtigt oder ist sie nur Teil eines perfiden Plans? Als ein weiterer Mord geschieht, an dem sie unmittelbar beteiligt zu sein scheint, flieht Nell aus dem Bann des Hotels. In einer kleinen Kammer abseits des Trubels beginnt sie, sich jedes Detail der vergangenen Woche ins Gedächtnis zu rufen, um die Wahrheit herauszufinden. Ist sie in Gefahr? Oder ist sie die Gefahr?

Was fasziniert Sie so an der Handlung und deren (wahren) Hintergrund?

Es hat mich schon immer gereizt, einen Thriller zu schreiben, bei der man als Leser nie so genau weiß, wie zuverlässig die Protagonistin in ihrer Wahrnehmung eigentlich ist. Ich liebe die alten Hitchcock-Filme und die „Suspense“-Romane von Patricia Highsmith, die mit raffinierten Mitteln für einen stetig wachsenden Spannungsbogen sorgen. Allen voran „Der talentierte Mr. Ripley“, der in ähnlicher Umgebung spielt wie das „Grandhotel Angst“.

Bordighera und das ehemals modernste und glamouröseste Hotel der ligurischen Küse sind das ideale Setting für einen solchen Roman. Die Zeit um 1900, in der die Engländer während der Wintermonate die italienische Riviera für sich einnahmen, steckt voller interessanter Gegensätze. Die meisten Ankömmlinge waren getrieben von der Sehnsucht nach einem irdischen Paradies und dem Erleben von Abenteuern inmitten eines komfortablen Ambientes. Aber am reizvollsten war es, die geheimnisvolle Ausstrahlung des ehemaligen Grandhotels aufzunehmen und mit Hilfe einer fiktiven Geschichte zum Leben zu erwecken.

Was von Ihnen persönlich ist in die Geschichte eingeflossen?

Ob auch ein Teil von mir in den Roman mit einfließt? Eher bin ich selbst für eine gewisse Zeit Teil der Geschichte geworden. Während des Schreibprozesses bin ich vollkommen in die Atmosphäre des Romans eingetaucht. Ich habe mit meiner Protagonistin aus dem Hotelfenster über die Altstadt von Bordighera bis zum Meer geblickt und den Duft von Veilchen und Jasmin gerochen, habe den stetig wachsenden Grusel gespürt und bin mit ihr durch den Palmengarten gerannt, um dem Grauen zu entfliehen.

Waren Sie seit der ersten Begegnung im Jahr 2003 noch einmal in Bordighera?

Ja, zwei Mal. Bei meinem Besuch im Jahr 2013 habe ich mich über die historischen Hintergründe des Zeitabschnitts informiert, in dem die Geschichte spielt. Der zweite Besuch ist jetzt. Während ich diese Zeilen schreibe sitze ich auf dem Balkon der Villa Elisa mit Blick auf das alte Grandhotel. Heute war ich gemeinsam mit dem leitenden Ingenieur im Inneren des Hotel Angst und habe die verfallenen Räume und das eingestürzte Treppenhaus fotografiert, bevor es nach einigen vergeblichen Anläufen wohl endgültig saniert und in eine Appartementanlage verwandelt wird. Es wird langsam Nacht, die warme Luft ist erfüllt vom Zirpen der Zikaden. Gestern habe ich gesehen, wie Jugendliche in das alte Gebäude eingestiegen und mit Taschenlampen durch die Stockwerke gezogen sind. Dieser Ort hat etwas enorm Inspirierendes, dem sich kaum jemand entziehen kann.

Welche Leserschaft soll angesprochen werden?

Leserinnen und Leser, die den besonderen Thrill mysteriöser Geschichten mögen und das glamouröse Ambiente der italienischen Riviera um 1900. Und für alle Fans von Alfred Hitchcock und Patricia Highsmith.

Mit welchem Argument kann der Buchhändler das Buch am besten verkaufen und in welchem literarischen Umfeld in seiner Buchhandlung platzieren?

Dieses Buch ist ein atmosphärischer Spannungsroman mit überraschenden Wendungen, die Leserinnen und Leser in Atem halten. Es passt am besten in die Abteilung mit den Psychothrillern. Auch wenn der Hintergrund ein historischer ist, so ist in dem Roman das Gefühl einer permanent wachsenden Bedrohung vorherrschend.

Nun schreiben Sie aber nicht nur Thriller, richtig?

Als Sophie Bonnet schreibe ich Krimis und momentan sogar ein Buch über die provenzalische Küche, in dem ich nicht nur meine Lieblingsrezepte präsentiere, sondern anhand persönlicher Fotos die Regionen der Provence zeige, die mir besonders ans Herz gewachsen sind.

Welches Genre lieben Sie als Autorin am meisten, unter welchem Pseudonym schreiben Sie vorzugsweise?

Da gibt es keines, das ich bevorzuge. Beide Pseudonyme zeigen wichtige Seiten von mir, und ich bin sehr dankbar, dass Random House mir die Möglichkeit gibt, mich in den unterschiedlichen Genres zu entfalten.

Gibt es dennoch eine Gemeinsamkeit Ihrer Bücher? Die Liebe zur Provinz zum Beispiel?

Allen Büchern gemein ist die Liebe zu der besonderen Atmosphäre der Gegend rund ums Mittelmeer. Sowohl die Krimis als auch der Thriller enthalten bildhafte, sinnesbetonte Beschreibungen der jeweiligen Region, sodass die Leserinnen und Leser tief in diese Welten eintauchen können.

Was kommt als nächstes?

Im April 2018 erscheint das provenzalische Kochbuch und voraussichtlich im Mai der fünfte Fall von Pierre Durand. Und wenn die Leser das Grandhotel Angst mögen, wird es sicher auch einen weiteren Psychothriller unter südlicher Sonne geben.

In der vergangenen Woche sprachen wir mit Andrea Hejlskov über ihr Buch „Wir hier draußen. Eine Familie zieht in den Wald“ (mairisch)

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