Die SWR-Bestenliste November: Thomas Melle auf Platz eins

Die unten aufgeführten Literaturkritikerinnen und -kritiker nennen monatlich – in freier Auswahl – vier Buch-Neuerscheinungen, denen sie möglichst viele Leserinnen und Leser wünschen, und geben ihnen Punkte (15, 10, 6, 3). Die Addition ergab für den Monat November folgendes Resultat (in Klammern die Position der Oktober-Bestenliste):

 

1. THOMAS MELLE: Die Welt im Rücken 54
(-) Rowohlt Verlag, 348 Seiten, € 19,95 ** Punkte

Ein Buch, das ungeschützt und in ungeheuer verdichteter Prosa von manisch-depressiven Stimmungsschwankungen erzählt, die autobiografische Suche nach den Wurzeln einer Krankheit. Streng formal gesehen ist es zwar kein „Roman“. In den rhythmischen Suaden aber, dem Stakkato, wie hier konkrete Lebensphasen sprachlich nachvollzogen werden, ist dies packende und existenziell aufwühlende Literatur.

2. JANE GARDAM: Letzte Freunde 45
(-) Roman. Übersetzt aus dem Englischen von Isabel Bogdan Punkte
Hanser Berlin Verlag, 240 Seiten, € 22,00 Punkte

Diese Autorin ist hierzulande mit den ersten beiden Bänden ihrer „Old-Filth“-Trilogie eine überraschende Entdeckung gewesen, und der letzte Teil setzt das nun mit derselben Spritzigkeit fort. Authentizität und Irrwitz, Spannung durch Auslassung, rasantes Tempo und virtuoses Spiel mit verschiedenen Ebenen des Erzählens: Terry Veneering, Feind von Edward Feathers, aber begehrt von dessen Ehefrau, steht nun im Zentrum und lässt sich nicht lumpen.

3. ANNA WEIDENHOLZER: Weshalb die Herren Seesterne 42 tragen
(-) Roman. Matthes & Seitz Berlin Verlag, 192 Seiten, € 20,00 ** Punkte

„Und alle Fenster finster und hier draußen ich“: Ein trauriger, pensionierter und der Welt abhanden gekommener Lehrer macht sich in ein österreichisches Skigebiet auf und forscht nach dem Glück. Sein Vorbild ist der König des Himalaja-Reichs Bhutan, der das „Bruttonationalglück“ der Einwohner vermessen lässt. Am Ende hat er mehr Fragen als Antworten. Aber das ist in seiner Skurrilität und Vieldeutigkeit immerhin mehr, als er hoffen konnte.

4. MARTIN MOSEBACH: Mogador 36
(7.) Roman. Rowohlt Verlag, 413 Seiten, € 22,95 *** Punkte

„Hitze, den ganzen Körper köstlich durchglühende Hitze.“ Schon mit dem Anfangssatz, der ja immer signalisieren möchte, in welcher Liga der jeweilige Roman spielt, zeigt Martin Mosebach, dass er dieses Mal die gesamte Spanne seiner Topographie, zwischen Frankfurt am Main und exotisch aufgeladenen Schauplätzen jenseits des alten Europa, auszumessen gewillt ist. Wirklichkeitsexaktheit und Phantastik: An der marokkanischen Atlantikküste entdeckt der Karriere-Banker Patrick Elff, was es mit seiner Seele auf sich hat.

5. DON DELILLO: Null K 30
(-) Roman. Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Frank Heibert Punkte
Kiepenheuer & Witsch Verlag, 288 Seiten, € 20,00 **

Der Milliardär Ross Lockhart ist Großinvestor eines Unternehmens, das Sterbende einfrieren lassen und erst wieder zum Leben erwecken will, wenn die Medizin eine Lösung für das „ewige Leben“ gefunden hat. Den Ernst- und Testfall bildet seine viel jüngere Frau. Doch dann reist Ross‘ Sohn Jeffrey an, der die Sache ganz anders sieht, und es kommt zu einer heftigen Auseinandersetzung um letzte Fragen.

6. KATHRIN SCHMIDT: Kapoks Schwestern
(-) Roman. Kiepenheuer & Witsch Verlag, 448 Seiten, € 22,00 * Punkte

Ein Deutschlandroman, der zwei Jahrhunderte und ganz Europa umspannt und von zwei alleinstehenden fünfzigjährigen Schwestern ausgeht, die zurückgezogen in einem Gartenhaus in Berlin-Treptow leben. Sie finden auf dem Dachboden alte Super-8-Filme und beginnen, das Schicksal ihrer jüdischen Familie zu rekonstruieren. Ein Philosophieprofessor, der sich nach 1989 zurückzieht und als Irrer ausgibt, sowie spätes Liebesglück vollenden dieses unbändige, pikareske, lebenspralle Buch.

7. KATJA LANGE-MÜLLER: Drehtür
(6.) Roman. Kiepenheuer & Witsch Verlag, 224 Seiten, € 19,00 * Punkte

„Drehtür“ führt mitten hinein in aktuelle Politik, in die Debatte um Mitmenschlichkeit im Allgemeinen und Flüchtlingshilfe im Konkreten, sowenig die Autorin dies planen konnte (dazu schreibt sie viel zu langsam) oder gar bezweckte. Und doch ist die zeitliche Evidenz etwas mehr als schierer Zufall. Sie ist auch der Ertrag einer skrupulösen Stoffwahl und Arbeitsweise.“ (Ursula März)

8.-10. JOHN BURNSIDE: Wie alle anderen
(8.-9.) Roman. Übersetzt aus dem Englischen von Bernhard Robben. Knaus Verlag, 320 Seiten, € 19,99 ** Punkte

Das aufsehenerregende Vorgängerbuch dieser autobiografischen Reflektion hieß „Lügen über meinen Vater“ und beschrieb John Burnsides Kindheit bei seinem gewalttätigen, alkoholkranken Erziehungsberechtigten. Das hatte Folgen: Die Fortsetzung handelt jetzt von seiner eigenen Alkoholsucht und Schizophrenie. Aber es ist gleichzeitig auch die Geschichte einer Befreiung durch Literatur.

 

*** (vermutlich) schwierigere Lektüre ** (vermutlich) mittelschwere Lektüre * (vermutlich) leichtere Lektüre
Helmut Böttiger (Berlin), Gregor Dotzauer (Berlin), Martin Ebel (Zürich), Julia Encke (Berlin), Eberhard Falcke (München), Cornelia Geißler (Berlin), Peter Hamm (München), Richard Kämmerlings (Berlin), Elmar Krekeler (Berlin), Sigrid Löffler (Berlin), Ursula März (Berlin), Ijoma Mangold (Berlin), Lothar Müller (Berlin), Klaus Nüchtern (Wien), Iris Radisch (Hamburg), Denis Scheck (Köln), Julia Schröder (Stuttgart), Gustav Seibt (Berlin), Hubert Spiegel (Frankfurt), Hajo Steinert (Köln), Daniela Strigl (Wien), Kirsten Voigt (Baden-Baden), Insa Wilke (Frankfurt), Hubert Winkels (Köln)

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