Die Krimi-Highlights von FAS und Deutschlandradio Kultur Die Krimibestenliste im April hier zum Ausdrucken: Auf Platz 1 Jerôme Leroy

An der Spitze der Krimibestenliste April 2017 von FAS und Deutschlandradio Kultur finden Sie neu auf Platz 1 (im Vormonat noch auf Platz 4): Der Block von Jérôme Leroy

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Zumindest mit Blick auf die anstehenden Präsidentschaftswahlen in Frankreich ist Jérôme Leroys Der Block der politische Kriminalroman der Stunde.
Der 1964 in Rouen geborene Leroy konfrontiert den Leser mit der Gedankenwelt zweier Rechtsradikaler: Antoine Maynard ist Intellektueller mit berserkerhaften Gewaltausbrüchen, Ehemann und ideologischer Berater von Bloc-Chefin Agnès, seit Jahren und vielen gemeinsamen Schlägereien befreundet mit Stéphane Stankowiak, einem Ex-Skin, der sich aus proletarischen Verhältnissen zum Sicherheitschef des Bloc hochgeprügelt hat. In der Nacht, in der die Führer des Blocks mit der Regierungspartei über eine gemeinsame Regierungsbildung verhandeln, brennen die Vororte. Stanko ist auf der Flucht: Sein Kopf ist der Preis für die Regierungsbeteiligung.
Leroy fesselt, indem er die Leser an den Selbstgesprächen der beiden Freunde, von denen der eine bald Minister, der andere bald tot sein wird, teilnehmen lässt. Eine Éducation sentimentale zweier Rechtsextremisten. Parallelelen zum Front National liegen auf der Hand.
Gegen die Verfilmung von Leroys Roman unter dem Titel Chez nouz machte der Front national schon vor Erscheinen Front.
Hierzu Annabelle Hirsch und Peter Körte in der FAS.

Leroy erzählt die Geschichte der extremen Rechten auch als eine Geschichte der Kontinuität, vor allem aber als eine Geschichte der Gewalt, der körperlichen und der intellektuellen.“ (Thekla Dannenberg, Perlentaucher)

Neu auf der Krimibestenliste April sind vier Titel. Diesmal sind es je 1 amerikanischer, 1 jamaikanischer, 1 englischer, 1 japanischer. Mit zusammen 1936 Seiten. Neu dabei sind:

Auf Platz 2: Geld ist nicht genug von Wallace Stroby

Stroby, Jahrgang 1960, Fan von Dashiell Hammett, George Pelecanos und Mickey Spillane hat sich mit seiner Berufsverbrecherin, ja: -verbrecherin! Crissa Stone auf die Spuren eines anderen ganz Großen der amerikanischen Kriminalliteratur gesetzt. Crissa ist die weibliche und zeitgenössischere Variante von Richard Starks aka Donald E. Westlakes Parker.
In seinem zweiten Roman (der erste erschien 2013 unter dem Titel Kalter Schuss ins Herz) lässt er Crissa zunächst als Baggerfahrerin (eine Hommage an eine andere Figur Westlakes, Archibald Dortmunder?) Safes knacken. Dies und die folgenden lästigen Auseinandersetzungen mit Verbrechern, die sich der Kollegin überlegen wähnen, verstärken nur Crissas Geldmangel. Sie braucht dringend Knete, um ihrer Tochter, ihrem Geliebten im Knast und sich ein neues Leben zu verschaffen. Dazu muss die treusorgende Hausfrau in spe sich mit Benny zusammentun, dem letzten Überlebenden des historischen Raubs von 8 bis 10 Millionen Dollar aus den Safes der Lufthansa Cargo vor 35 Jahren. Auch wenn es dem Leser schwerer als der Heldin fällt, ihre Zurückhaltung „Wenn du mit dem Killen anfängst, ist es schwer damit aufzuhören“ zu teilen – irgendwann muss sie einfach Gewalt gegen die finsteren Sadisten anwenden, die ihr und Benny Geld abnehmen wollen, was ihnen auch nicht gehört.

„Crissa Stone, die Verbrecherin, die wir lieben, wird von ihrem literarischen Erfinder Wallace Stroby auf den legendären Lufthansa-Cargo-Raub angesetzt. Mafia kocht, Blut fließt, Mobster sterben. Toll.“ (Elmar Krekeler, Die Welt)

Auf Platz 3: Eine kurze Geschichte von sieben Morden von Marlon James

Als das, was der jamaikanische Autor Marlon James ins dramaturgische Zentrum seiner gar nicht kurzen Geschichte von sieben Morden rückt, passierte, war er 6 Jahre alt: Am 3. Dezember 1976 überfielen bis heute unbekannte Täter den gerade zum Weltstar gewordenen Bob Marley in seinem Haus, schossen herum und verletzten seine Frau und seinen Manager schwer. Der nur leicht verletzte Reggae-Star trat zwei Tage später bei dem geplanten Friedens- und Versöhnungskonzert auf, das vermutlich durch den Anschlag verhindert werden sollte. Diese Interpretation legt jedenfalls der eingestandenermaßen schwer von James Ellroys „USA-Underworld-Trilogy“ beeinflusste James nahe. 13 Haupt-Erzähler und mehr als 70 Figuren lässt er in manchmal unendlich langen Monologen von den Vorbereitungen dazu, von den Bandenkriegen, die Jamaika zerrütteten, vom Elend der Gettos erzählen. Marley, der „Sänger“ im Roman, tritt nur am Rande auf – im Zentrum stehen die Ängste, Albträume und Sorgen der Toten und der Überlebenden. Viele von ihnen kontrollieren später Drogengeschäfte in den USA, vor allem in New York. Fünf Übersetzerinnen und Übersetzer haben die komplexe Original-Mixtur aus Englisch, Patois, Slang und Spanisch, die dem Buch 2015 den Booker Prize einbrachte, ins Deutsche übertragen – Hut ab vor dieser Leistung!

James „geht nah ran, taucht tief ein, beschreibt gnadenlos. Das ist in den vielen Details brutal, absurd, gelegentlich anstrengend. Es ist ein vielstimmiger Chor verlorener Seelen, die da vom schwierigen Leben in Kingston erzählen. Vieles ist bis heute aktuell […] Mit „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ ist ihm ein monumentaler Roman gelungen, ein radikales Meisterstück, das einem banalen Jamaika-Mythos keinerlei Platz gibt und mit Sicherheit einer der grandiosesten Kriminalromane des Jahres ist.“ (Frank Rumpel, SWR2)

Auf Platz 5: Die letzte Stunde naht von Reginald Hill

1970, vor 22 oder nach anderer Zählung 24 Romanen, stieß Reginald Hill noch einmal ein Ermittlerpaar in den weiten Ring der Kriminalliteratur, das es so noch nicht gab. Detective Superintendent Andy Dalziel (gesprochen Di-ell) war der Anführer, das Frontschwein, der trickreiche, versoffene, (hinter-)listige Falstaff. Er gab den Rüpel, aber erst Jahre später, als er sich als homosexuell outete, begriff der dritte im Bunde der Ermittler, Sgt. Wield, dass dieser Macho-Chef, der „zur Diplomatie ein Verhältnis hatte wie Alexander der Große zu Knoten“ ihn jahrelang aufs sorgfältigste geschützt hatte. Peter Pascoe verkörperte die jüngere, sachlichere, modernere Generation Polizist: verheiratet mit einer künstlerischen Ökologin, ein Intellektueller und Nachdenker.
Jetzt, fünf Jahre nach Hills Tod 2012, ist der letzte Roman mit Andy Dalziel und Peter Pascoe in deutscher Übersetzung erschienen: Die letzte Stunde naht. Der englische Originaltitel Midnight Fugue trifft die doppelsinnige Konstruktion des Romans genauer: Dramaturgisch ist er gebaut wie eine musikalische Fuge – und eine zentrale Figur, der ehemalige Kriminalpolizist Alex Wolfe, litt unter der psychischen Erkrankung, die auch als dissoziative Fugue bezeichnet wird. Er floh vor sieben Jahren aus einer stressigen Ehe, einer komplizierten Ermittlung gegen einen jamaikanischen Gangster und vor internem Druck. Jetzt soll Dalziel auf  Bitte der Ehefrau, die mit einem anderen Polizisten liiert ist, den Verschwundenen suchen.

Reginald Hill, 1936 geboren, war einer der letzten jener umfassend gebildeten, den hohen ebenso wie den rauen Stil beherrschenden britischen Kriminalschriftsteller. Er war ein hervorragender Kombinierer: So wie er in seinem letzten Roman aus Fuge und Fugue eine raffinierte Dramaturgie des Alterns, des Auf- und Niedergangs spinnt, verknüpfte er in seinen anderen Romanen z. T. entlegene literarische Vorbilder mit den harten Realitäten der (nord-) englischen Verbrechenswelt. Das „Mid-Yorkshire“ seiner Kriminalromane hat es nie gegeben, es ist eine Landmarke für allerfeinste Kriminalliteratur. Hier der Hinweis auf Hills kühnstes Buch Ins Leben zurückgerufen.

Hill schneidet den Roman in enge Zeitfenster und lässt sie raffiniert überlappen, so dass teilweise dieselbe Szene aus verschiedener Perspektive erzählt wird. Manchmal muss der Leser an der Seite der Ermittler bleiben, manchmal ist er ihnen einen Schritt voraus. Auch das macht das große Vergnügen an einem Hill-Krimi aus: Sie sind äußerst sorgfältig gearbeitet, die Puzzlestückchen passen am Ende zusammen, ohne dass der Zufall allzu grob bemüht werden muss.“ (Sylvia Staude, Frankfurter Rundschau)

Auf Platz 9: Geständnisse von Kanae Minato

Dass Kanae Minato (*1973) vor ihrem Debüt als Kriminalschrifstellerin Lehrerin war, kann man aus Geständnisse leicht erschließen. Der Roman beginnt mit der Abschiedsrede der Lehrerin Yūko Moriguchi. Nachdem ihre vierjährige Tochter von zwei Schülern ihrer Klasse ermordet worden ist, will sie sie nicht mehr unterrichten, sondern bestrafen. Sie sind erst 13 und fallen daher nicht unter das Strafrecht, andererseits hat die Mutter und Lehrerin sowieso etwas Subtileres im Sinn als Polizei und Justiz. Damit ihre Strafe maximal wirkt, darf ein entscheidendes Element der Kriminalliteratur gerade nicht verwirklicht werden: Das Verbrechen, das die zunächst nur A und B genannten Schüler begangen haben, wird nicht veröffentlicht, sondern unter dem Deckel gehalten. Nur die Klassenkameraden erfahren, wer es war, und ihr Mobbing der Täter wird Teil der Rache sein. Bevor sie den Schulraum verlässt, erklärt Moriguchi, dass sie die zur Stärkung verabreichte Schulmilch  der beiden Täter mit HIV-verseuchtem Blut infiziert hat.
Dieser Akt löst verschiedene weitere „Geständnisse“ aus: Die beiden Täter, die Klassensprecherin, die Mutter eines der beiden Täter stellen ihre Motive dar und leuchten aus, wie sich die Ereignisse weiter entwickeln. Die äußeren Ereignisse – mehrere Tote, ein terroristischer Anschlag – spielen dabei eine geringe Rolle. Erschütternd sind die inneren. Denn sowohl der Mord an dem Kind als auch die daraus folgenden Katastrophen können als Folgen herzloser Familienbeziehungen, mangelnder Anerkennung und völligen Versagens eines Schulsystems verstanden werden. Aber auch nicht: Die Geständnisse offenbaren ein Gewirr von Selbsttäuschungen, emotionalen Irrungen und emotionaler Unmündigkeit, das nicht vollständg in sozialer Anklage rationalisiert werden kann. (Die stark auf grelle Effekte setzende Verfilmung durch Tetsuya Nakashima von 2010 unterschlägt diesen Aspekt völlig.)

Unsere Dauerchampions: Zum dritten Mal steht Jerome Charyn mit Winterwarnung auf der Krimibestenliste.

Die Krimibestenliste April  wird in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gedruckt veröffentlicht, und ist online nachzulesen unter www.faz.net/krimibestenliste
und www.deutschlandradiokultur.de/krimibestenliste .
Unter diesen Webadressen finden Sie immer die aktuelle Krimibestenliste.
Bereits am Freitag, den 31.3., wurde um 8.20 im Deutschlandradio Kultur auf einen Titel der Krimibestenliste hingewiesen. Hier nachzuhören.

 

 

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