Die besten Krimis des Jahres 2016

Zum Jahresende hat die Jury der KrimiZEIT eine Auswahl aus den Kriminalromanen getroffen, die sie im Laufe des Jahres empfohlen hat: Auf dieser KrimiZEIT-Bestenliste 2016 finden Sie zehn Titel. Die drei besten Krimis des Jahres 2016 sind:

Bitter Wash Road von Garry Disher

Garry Disher (*1949), vielseitig als Sachbuch-, Kinder- und Jugendbuchautor, Dramatiker und Kriminalschriftsteller tätig, ist in Deutschland immer noch – auch im Vergleich zu seinen Kollegen und Landsleuten Peter Temple und Michael Robotham – eine eher leise Empfehlung.
Das hat vielleicht damit zu tun, dass seine in der Nachfolge Richard Starks aka Donald E. Westlake stehende famose Serie um den vornamenlosen Verbrecher Wyatt in dem ebenso famosen, aber leider reichweitenschwachen Verlag Pulp Master (für Fans ein Muss!) erscheint.
Im Unionsverlag hat Disher bisher sechs Romane mit Inspector Hal Challis veröffentlicht, genaue, feine Gesellschaftsbeschreibungen, in die das Kriminelle organisch eingewoben ist. Die Challis-Romane spielen auf der Halbinsel Mornington südöstlich von Melbourne, wo Disher wohnt.
Mit Bitter Wash Road hat Disher sich einen Traum erfüllt: Sein neuer Held Paul „Hirsch“ Hirschhausen – dem weitere Romane beschieden sein sollen – ist in die von Weizen, Wolle und geschlossenen Kupferminen geprägte Gegend in South Australia nördlich von Adelaide versetzt worden, wo Disher aufgewachsen ist und ein Teil seiner Familie immer noch lebt. Diese Landschaft und die in ihr ums Dasein kämpfenden verstreuten Menschen sind die Hauptdarsteller in Bitter Wash Road. Es ist eine zugleich deprimierende und doch auch ermutigende Geschichte um den Tod eines jungen Mädchens, lokale und überregionale Polizeigewalt und –korruption, die Hirsch widerfährt, erzählt in einem ruhigen, genau die Abtönungen der Schatten beobachtenden Ton, von dem sich viele, viele Autoren eine Scheibe ablauschen sollten, könnten sie es denn. Kriminalliteratur vom feinsten: leise, genau, analytisch, „mit ernüchterter Zuneigung“ (Hannes Hintermeier) zu den menschlichen Wirrungen, die Disher beschreibt.
„Gesellschaftsmaler“ „mit langem Atem“ (Hannes Hintermeier, FAZ)
„Nicht unbedingt sind in einem Disher-Krimi die Dinge anders, als sie scheinen. Auch das ist seine hohe Kunst, dass er der Glaubwürdigkeit den Vorzug gibt vor dem Spektakulären.“ (Sylvia Staude, FR)

Blaue Nacht von Simone Buchholz

Vor drei Jahren hätte ich die 1972 im hessischen Hanau geborene Simone Buchholz als Prachtexemplar eine der wenigen Autorinnen vorgestellt, die das Versprechen einzulösen vermag, das der Regional-Krimi vor sich herträgt. In sechs Kriminalromanen hatte sie seit 2008 einen großartigen Ort (Hamburg-Sankt Pauli) in seiner, d.h. in einer literarisch originellen Sprache zum Leben erweckt und sich sogar einige Fälle vorgenommen, die eher dort als anderswo spielen können.
In Blaue Nacht ist es ihr gelungen, das tüddelig-Kleinmädchenhafte, das ihrem Alter Ego Chastity Riley manchmal noch anhaftete, zu überwinden, ohne ihre Frechheit (zwei Jurymitglieder im Gleichklang: „schnodderig“) aufzugeben. Durch knappe Rückschüsse (-blenden wäre zu fett für diese Lichtblitze) in die Vergangenheit ihrer Figuren schafft Buchholz Melancholie, Tiefe ohne Schwere. In das zwischen Selbstveräppelung, Scharfsinn und Schlagfertigkeit changierende Präsenz ihrer Ich-Erzählerin mischt sich ein zittriges Moll, das schwer noch mal so zu finden sein dürfte.
Der Fall hat etwas Gespenstisches (Elmar Krekeler): Chastity Riley ist degradiert zum Opferschutz, betreut den halb tot geprügelten Österreicher Joe, belagert ihn geradezu herzerwärmend und kaltblütig, bis er zu reden beginnt: von einem üblen Krok-Deal (Krok ist noch gesundheitsschädlicher als Crystal Meth) und von seinem langjährigen Auftraggeber, dem Albaner Malaj, der in Hamburg, St. Pauli und im Leben ihrer Kumpel eine Spur der Verwüstung gezogen hat. Es scheint nur so, als behandele Buchholz ihren Fall wie in den früheren Romanen dilatorisch. Tatsächlich geht es ihr durchaus auch darum, und das tut gut.
„Chastity Riley ist Deutschlands härteste, schnoddrigste Krimiheldin. Und ein guter Kerl. Sagt ein Auftragskiller.“ (Elmar Krekeler, Die Welt)
„Besonders gefällt der frische, freche, klischeefreie Ton des Romans. Diese Prosa dreht auch mal Schleifen, aber sie tut es nicht ohne guten Grund. (…) Mit diesem Krimi kommt man gut durch jede blaue Nacht.“ (Sylvia Staude, Frankfurter Rundschau)

Die Mauer von Max Annas

Der 1963 geborene Max Annas hat etliche Jahre in Südafrika verbracht und dort zur Geschichte des afrikanischen Jazz geforscht. Dort hat er auch die Stoffe für seine bisher zwei Kriminalromane gefunden.
Für Die Farm wurde er 2014 mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet.
Sein neuer Roman Die Mauer ähnelt in der action- und zeitverknappten Erzählweise und im Setting an den Erstling. Auch hier konzentriert sich die Handlung auf einen engen, überschaubaren Raum. Doch es ist keine belagerte Farm. Der Kreis ist quasi umgekehrt geschlossen. Auf der Suche nach einem Kommilitonen, der ihm bei einer Autopanne helfen soll, gerät Moses in die Falle einer ummauerten Gated Community, übrigens in East London, wo Annas gelebt hat. Moses‘ Suche nach Hilfe führt zur Kettenexplosion der sozialen Kräfte und Widersprüche Südafrikas: Zwei weiße Wachleute, weitere Security, Polizei,  ein Diebespärchen, etliche Einwohner und zwei Mörder beschießen sich im Hexenkessel der Wohlanständigkeit. Mein möglicherweise ungenauer bodycount: 12 Tote und ein Hund.
„Max Annas Thriller ist hinreißend elegant konstruiert und leichtfüßig, aber nicht leichtgewichtig, ist lakonisch erzählt, ein bisschen sarkastisch. An keiner Stelle macht Annas den Rassismus, der eigentlich ja die fatalen Verwicklungen in Gang setzt, mit erhobenem Zeigefinger zum Thema – und doch ist eben dieser Rassismus durchgängig das Thema. Bis zum überraschenden, furiosen Showdown, bei dem die Hautfarbe alles entscheidet.“ (Sylvia Staude, Frankfurter Rundschau)
Hier finden Sie ein Interview, das mir Max Annas und Christian v. Ditfurth zum Thema politische Kriminalliteratur gegeben haben: www.zeit.de/2016/46/kriminalliteratur-max-annas-christian-von-ditfurth

Auf der KrimiZEIT-Bestenliste 2016 finden Sie nach Autorenherkunft 4 deutsche,  1 englischen, 1 französischen, 1 australischen, 1 italienisches Duo und 1 Südafrikanerin. Vier der elf Autoren sind Frauen. Bemerkenswert ist diesmal die Konzentration der Verlage: je drei Titel sind bei Ariadne im Argument-Verlag und bei Suhrkamp erschienen.

Die KrimiZEIT-Bestenliste 2016 wird am 15.12.2016 auf ZEITonline unter zeit.de/krimizeit-bestenliste-2016  und im Nordwestradio veröffentlicht, am Donnerstag, den 15.12.2016 gegen 9.20 live mit Tobias Gohlis und in den Sendungen der „Buchpiloten“, nachzuhören unter www.radiobremen.de/nordwestradio/serien/krimizeit/bestenliste100.html

Einen Überblick über die jeden Monat erschienenen KrimiZEIT-Bestenlisten finden Sie unter www.zeit.de/serie/krimizeit-bestenliste

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