Jetzt hier jeden Werktag die neue Plattform für "Bücher, die Buchhändler und Leser bereichern" „Mein Vaterland! Warum ich ein Neonazi war“ 

Gerhard Beckmann schreibt hier über „große Bücher“, für Ihre Gespräche mit Kunden, die auf der Suche sind nach besonderem und relevantem Lesestoff

Heute starten wir hier eine Serie von Gerhard Beckmann über „Große Bücher, die Buchhändler und Leser bereichern“. Unser langjähriger Kolumnist begründet seine Idee zu dieser Serie:  „Es gibt offenbar, Gott sei Dank, ein stetig wachsendes neues Interesse an ganz besonderen, anspruchsvollen, substantiellen Büchern.

Überraschenderweise scheint solches Interesse insbesondere bei jüngeren Menschen aus dem digitalen Umfeld anzusteigen: Jaron Lanier, der IT-Pionier und Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, hat die Verlage aufgerufen, diese Chance und Herausforderung mit größerem Engagement für die relevanten Autoren und Bücher zu nutzen. Und sein Kollege Andrew Keene appelliert an die Verlage, „sich endlich daran zu machen, solche Titel auch entschiedener und offensiver als bisher zu verkaufen“.

Um diese dringend notwendigen Schritte zu fördern und zu unterstützen, wollen wir im BuchMarkt und auf buchmarkt.de „große Bücher“ klar und deutlich profilieren. Und die deutschsprachigen Verlage darauf hinzuweisen, dass das Buch in erster Linie ein durch nichts anderes zu ersetzendes Medium zur Kommunikation mit und unter Menschen und Lesern ist, mit dem unsere Verlage  darum auch wieder so zu kommunizieren lernen müssen, dass es von den Menschen und interessierten Lesern überhaupt gefunden werden kann.

Dazu möchten wir beitragen: Mit Orientierungshilfen für Buchhändlerinnen und Buchhändler, insbesondere denen, die im Ladengeschäft „an der Front“ stehen, und für ihre Gespräche mit Kunden, die auf der Suche sind nach besonderen, relevanten Büchern.

Weil die Initiative und das Konzept zu diesem neuen „Kommunikations-Service“  von Gerhard Beckmann kommt, haben wir ihm auch die Entwicklung und die Regie der Serie übertragen. An jedem Werktag (also montags bis freitags) soll ein neuer Beitrag erscheinen, er plant dazu auch ein zusätzliches  „Buch zum Sonntag“.

Das hellsichtigste, wichtigste politische Buch des Jahres

Durch Klick auf Cover mehr zum Buch

Christian E. Weißgerbers Mein Vaterland! Warum ich ein Neonazi war ist der tiefgehende autobiographische Bericht eines „Wendekindes“ aus Thüringen, der ein Fundament für die dringend nötige neue Auseinandersetzung mit Rechtspopulismus und Neonazis legt.

 

Es geschieht immer wieder – dass Regierungen, Parteien, Randgruppen, populistische Bewegungen, Behörden, Lobbyisten-Verbände oder Wirtschaftsunternehmen illegale Sonderinteressen verfolgen, die ein  ganzes Land (oder gar die Welt) in Gefahr bringen – und Himmel und Hölle in Bewegung setzen, damit ihre Machenschaften verborgen bleiben. Da bringt oft nur eine völlig unerwartete, Aufsehen erregende Enthüllungsaktion Licht ins Dunkel – ein harter Offenbarungs-Fakt, der nicht einfach ignoriert oder wegdiskutiert werden kann.

Solcher Coup gegen gemeingefährlich illegale Machenschaften ist in Deutschland bitter nötig gewesen – zur Aufdeckung von geheimen Strategien und Taktiken  eines extremistischen Kerns der rechtspopulistischen Szene, der es offenbar grundsätzlich auf eine Zerstörung der demokratischen Verfassung und sozialen Ordnung in der Bundesrepublik abgesehen hat. Zu diesem Coup ist es nun gekommen – mit der  Veröffentlichung des autobiographischen Berichts Mein Vaterland! Warum ich ein Neonazi war von Christian E. Weißgerber im heuer genau 500 Jahre alten, über Jahrhunderte der Aufklärung verpflichteten liberal konservativen Züricher Orell Füssli Verlag.

Christian Ernst Weißgerber ist ein bedeutender deutscher „Whistleblower“

Ausgangspunkt ist jedes mal der Entschluss eines einzelnen Menschen, bei der Organisation auszusteigen, mit der ihn mehr als das übliche Arbeitsverhältnis und Pflichtenheft verbindet.  Bei ihr war er – jenseits beruflicher Pläne – aus Patriotismus oder Idealismus, aus politischer oder persönlicher Überzeugung vor Anker gegangen. Mit ihr und ihren Zielen hat er sich voll identifiziert. Bis zu dem Augenblick, als er feststellen muss, dass „seine“ Institution Ziele und Aktionen verfolgt, die dem Anspruch bzw. öffentlichen Auftrag und dem Selbstbildnis zuwiderlaufen, mit denen sie sich der Öffentlichkeit  präsentiert – dass diese „seine“ Organisation jenes Wohl der Allgemeinheit gefährdet und kompromittiert, für deren Erhalt sie zu existieren, deren Schutz zu dienen sie vorgibt.

In dieser Situation hat er zunächst einmal „innerlich gekündigt“. Dann den Beschluss gefasst „auszusteigen“. Und es schließlich, aus ethischen und politischen Gründen, für notwendig befunden, auf seine eidesstattlich zugesicherte Loyalität zu pfeifen, „Whistleblower“ zu werden und öffentlich Alam zu schlagen.

Dazu ist eben auch bloß ein „Whistleblower“ imstande – eine Person, die dem innersten Kreis  ihrer Organisation angehört. Ein Geheimnisträger, der hinsichtlich aller sensiblen Daten und Operationen  zu absoluter Verschwiegenheit verpflichtet ist. So arbeitete denn – um den spektakulärsten Fall aus jüngster Zeit zu nennen – Edward Snowden als Techniker für IT-Sicherheit in der CIA und der National Security Agency (NSA). Daniel Ellsberg – er machte 1971 mit der Herausgabe der geheimen Pentagon Papers die menschen- und völkerrechtswidrige Militärpolitik der US-Präsidenten von Truman bis Johnson zum Skandalon – war als hoher Beamter im US-Verteidigungsministerium mit den Vorarbeiten zum Flächenbombardement Nordvietnams befasst gewesen. Mark Felt – der als Hauptinformant der „Washington Post“ die Watergate-Affäre anstieß,  die zur Amtsenthebung Richard Nixons führte –, war als leitender Mitarbeiter im US-Inlandsgeheimdienst FBI mit den verfassungswidrigen „dirty tricks“ von „Tricky Dicky“ vertraut gewesen.

In dem Zusammenhang muss der 1989 in Thüringen geborene Christian Weißgerber gesehen werden, um die immense Bedeutung seines Buches zu signalisieren. Christian E. Weißgerber hat dem engsten Führungskreis der Autonomen Nationalisten angehört. Die Autonomen Nationalisten aber bildeten die gewaltbereite Elite-Einheit, die die ganze Neonazi-Bewegung, NSU inklusive, bis heute prägt. Darum hat Christian E. Weißgerber zum Whistleblower werden können. Und ihre bis dato weithin unbekannten Denkmuster, Handlungsweisen und rechtspopulistischen Kernziele herausstellen können.

John le Carrés Der Spion, der aus der Kälte kam: das sensationelle Buch eines Whistleblowers, das das   politische Bewusstsein einer Nation veränderte

Über die Massenmedien – insbesondere führende Tageszeitungen – haben Whistle-Blower-Fälle prompt politische Mega-Skandale ausgelöst. Ihre anhaltenden, tieferen Nachwirkungen sind jedoch vor allem (berühmt gewordenen) Büchern zu danken. Das gilt für die Die Watergate-Affäre (1974)  von Carl Bernstein und Bob Woodward wie für Glen Greenwalds Die globale Überwachung – der Fall Snowdon, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen (2014). Die Verfasser sind herausragende Journalisten, die über die Enthüllungen der Whistleblower schrieben. Ihr Erfolg beweist zweierlei: Sachbücher können so faszinierend und spannend sein wie große Kriminalromane; und  Bücher sind ein politisches und gesellschaftliches Leitmedium – bis heute.

Es gibt freilich auch Fälle, in denen das Buch direkt, persönlich vom Whistleblower kam. Es gibt sogar Beispiele dafür – etwas, das im Zusammenhang mit Christian E. Weißgerber hochinteressant  ist –, dass jemand allein schon durch die Veröffentlichung eines Buches zum Whistleblower geworden ist. Dass Whistleblowing also in dem Buch per se bestand. Das berühmteste Beispiel stammt aus England. Es hat solch große Auswirkungen auf die öffentliche Meinung zur Folge gehabt und zu einer solch nachhaltigen politischen Erschütterung beigetragen, dass es sich als modernes Schulbeispiel für die Macht des geschriebenen Wortes zwischen Buchdeckeln anböte.

Der Whistleblower heißt David Cornwell. Als Student in Oxford hat er für den Inlandsgeheimdienst MI 5 – aus patriotischer Gesinnung, im Bewusstsein der demokratischen, liberalen Traditionen seines Landes – Gruppen ultralinker Kommilitonen nach kommunistischen Agenten ausgespäht. Wurde er nach seinem akademischen Abschluss M 5-Agent. Wechselte er 1960 zum britischen Auslandsgeheimdienst MI 6, für den er auch in Bonn und Hamburg tätig war. Hat er sich 1964 vom MI 6 verabschiedet. Schrieb er Der Spion, der aus der Kälte kam – das Buch, in dem sich seine „Abscheu gegenüber der Politik und menschliche Verunsicherung nach einem Jahrzehnt im Geheimdienst wie in einer Explosion manifestierte“. (So fünfzig Jahre später die Zeitung The Guardian).

Es hat eine westliche Welt bloßgelegt, welche die Ideale brutal mit Füßen trat, mit denen sie ihre Existenz  und ihren globalen Geltungsanspruch rechtfertigte – indem sie die Methoden des von ihr verteufelten Sowjetblocks übernahm. Es hat die Glaubwürdigkeit der herrschenden Klasse, es hat das Vertrauen der Öffentlichkeit in das politische Establishment zum Wanken gebracht. Und es verursachte noch in andrer Hinsicht eine Sensation: Es war ein Spionageroman  – ein unter den Gebildeten verachtetes Genre, bloße „Unterhaltungsliteratur“ –, der den Umschwung in Gang brachte. Heute genießt der Whistleblower David Cornwell mit seinem Künstlernamen John le Carré  als literarisch hochgeschätzter Autor Weltruhm.

Was dem Buch Christian E. Weißgerbers seine einzigartige Relevanz gibt

Von den einst so gefeierten Spionage-Schriftstellern seines Landes aus jenen Jahrzehnten ist, wie ein englischer Kritiker festgehalten hat, John le Carré der einzige, der bis heute wichtig geblieben ist und breit gelesen wird. Den besonderen Rang und die Bedeutung des Romans Der Spion, der aus der Kälte kam hat als erster Graham Greene erkannt, der sich auf diesem Gebiet übrigens auch bestens auskannte – er war selbst im Geheimdienst tätig gewesen. Und das Urteil des berühmten Graham Greene hat den Anstoß gegeben zu dem Millionen-Erfolg des Titels, von dem der Buchhandel zuvor nur an die dreitausend Exemplare geordert hatte. Ich kann mich noch an die riesigen Plakate in Stationen der Londoner U-Bahn erinnern, mit denen le Carrés damaliger Verlag Heinemann den ausschlagenden werbewirksamen Satz aus der Greene’schen Rezension in einer Abendzeitung  mit Höchstauflage – „der beste Spionageroman, den ich je gelesen habe“ –  an die große Glocke hing. Es war ein Zeichen jenes Selbstvertrauens, eine Aktion im Sinne jener offensiven Marketing- und Verkaufsstrategien für relevante, substantielle Autoren und Bücher, zu denen Andrew Keene die Verlage von heute aufruft.

Der Spion, der aus der Kälte kam ist ein Buch aus der Mitte des Kalten Krieges. Der Roman schlug, wie die andern erwähnten Whistleblower-Aktionen, lauten Alarm, dass die größte Bedrohung der rechtsstaatlichen demokratischen Gesellschaften des Westens keineswegs aus dem kommunistischen Osten kam. Dass sie noch viel mehr, von innen her, durch geheime illiberale Machenschaften der eigenen Staatsapparate gefährdet waren. Christian E. Weißgerbers Mein Vaterland dagegen gehört ganz und gar unserer Gegenwart in der Zeit nach dem Kalten Krieg an.

Und so alarmierend – global, national und regional – katastrophale Entwicklungen wie der  Klimawandel, die Zerstörung von Natur und Umwelt, der wachsende Mangel bzw. das Ausgehen vieler Ressourcen, das Massenelend von Kriegsflüchtlingen und Migranten, die Total-Ökonomisierung aller Lebensprozesse und der Abbau des Sozialstaats sind: Ein politisches Kernproblem ist das heutige Anwachsen von eng nationalistischen, rassistischen, rechtspopulistischen und – extremistischen Bewegungen und Parteien in ganz Europa. Das ist der größere Zusammenhang, in dem Mein Vaterland! allgemeinrelevant wird.

Für das spezifische Verständnis und Suchen nach einer konstruktiven Perspektive zur Lösung dieses politischen Kerndilemmas in der Bundesrepublik aber ist Christian E. Weißgerbers Buch von singulärer Bedeutung.

Demokratische Erneuerung: Politische Wegweisungen für den Umgang mit AfD und Rechtsextremisten

Nicht nur, dass hier, wie oben skizziert, inhaltlich Entstehung und Spezifika ihres „Programms“ enthüllt werden. Weißgerber hat auch einen waghalsig neuen Weg gesucht und gefunden, um auf die ganze Vertracktheit des Dilemmas eingehen zu können. Angemessen und objektiv vermochte es nur autobiographisch darzulegen, also indem er auch seine intime subjektive Verwicklung in der Sache offenbarte. Um  das ungeheure Risiko seines Vorhabens mit einem Vergleich anzudeuten: Die Journalisten Carl Bernstein und Bob Woodward waren die Watergate-Affäre von außen angegangen wie Ermittler in einem klassischen Detektivroman. Weißgerber hingegen war wie ein Haupttäter in einer Verschwörung zu Werke gegangen, der das kriminelle Wissen, das er um jeden Preis preisgeben zu müssen glaubt, nur glaubhaft mitzuteilen vermag, indem er als Ermittler gegen sich selbst vorgeht. Offenbar dient solch hochnotpeinliche Transparenz aber auch noch zwei weiteren Zielen.

Weißgerber macht klar, dass er die deutschen Debatten, mit Rechtpopulisten wie über sie, in der bisherigen Form als fragwürdig empfindet, vor allem in Talkshows des öffentlich-rechtlichen Fernsehens – eher als ziemlich durchsichtige parteipolitische Wählerstimmen-Fangmanöver, in denen Vertreter der Rechten sich rhetorisch in Szene setzen können und etablierte Politiker vor allem der alten Volksparteien zu progammatisch-rhetorischen Anpassungen neigen, um den populistischen Aufsteigern wieder Anhänger abzujagen. Dem immer wieder beklagten Rechtsruck in der Bevölkerung läge also nicht zuletzt eine Art von systemischer Verlogenheit mit typischen programmatischen Aufweichungen und Verschwemmungen zugrunde. Zur echten demokratischen Politik gehört jedoch eine Streitkultur mit eindeutigen Positionen und der Bereitschaft zu offenen Korrekturen vergangener Fehlorientierungen – eine Qualität, die im Konsens-Gehabe der letzten bundesrepublikanischen Jahre nahezu verschwunden ist. So wird die Ehrlichkeit Weißgerbers hier zu einem dringend notwendigen demokratischen Fanal. Und die überzeugenden Argumente, mit denen er in seinem Buch die radikale Abkehr von der rechten Szene begründet, zu einer Art von demokratischem Manifest.

Es ist seine Vielfalt und Vielschichtigkeit, die Mein Vaterland! zu einer so faszinierenden, beeindruckenden Lektüre werden lässt. Weißgerber erzählt schließlich auch nicht nur, wie es im Untertitel heißt, „Warum ich ein Neonazi war“. Ebenso eindringlich erzählt er von dem Weg, der dazu geführt hat, dass er kein Neonazi mehr, sondern ein engagierter Demokrat geworden ist, der sich eine Erneuerung der politischen Bildung  in unserem Land zur Aufgabe gemacht hat.

Gerhard Beckmann

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