Die Plattform für "Bücher, die Buchhändler und Leser bereichern" Eine zauberhafte Geschichte des Kennen-, Leben- und Einander-Verstehen-Lernens von Menschen aus der Stadt auf dem Lande

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Über lange Zeit war die 91-jährige Jane Gardam international, wie in Deutschland, (nur) ein Geheimtipp unter Liebhabern der englischen Literatur. Inzwischen wird sie weltweit gelesen und hoch geschätzt; einige ihrer Romane sind sogar Besteller geworden. Jetzt ist endlich auch bei uns ein ganz besonderes, frühes Buch von ihr erschienen. Es ist ein Unikum der Kulturgeschichte. Jane Gardams Bell und Harry ist der einzige Roman, der anfangs als Kinder- und Jugendbuch eingestuft (und preisgekrönt) wurde und sich dann als Literatur für ein allgemeines Publikum durchgesetzt hat. Aus gutem Grund: Es erweist sich als Schlüsselwerk zu einer Wiederentdeckung. Es führt vor Augen, wie elementar die Erfahrung echter Kindheit für das ganze menschliche Leben ist.

Es beginnt mit einer Familienreise in die Sommerfrische, weg vom  lärmigen, nervigen, staubigen London, zur Idylle eines abgelegenen Bauernhofs, fernab touristischer Reiserouten, inmitten der ursprünglichen Natur. Dem Vater, einem gehetzten Journalisten, der Entspannung und Frieden sucht, geht diese „Idylle“ allerdings rasch auf den Wecker – der laute landwirtschaftliche Betrieb der Erntezeit, das  fremdartige Hinterwäldlertum, der regionale Dialekt, dem er kaum zu folgen vermag. Er möchte flugs wieder weg. Davon kann die Mutter ihren Ehemann gerade noch abhalten. Sie muss und sie will verhindern, dass dem Sohn, der sich ja so auf die Ferien gefreut hat, die Ferienträume zerdeppert werden. Es ist eine Situation, die vielen Lesern nicht ganz unvertraut sein mag.

Und es kommt, wie es der eine oder andere deutsche Leser auch schon erlebt haben dürfte, wenn er mit Familie aus Berlin, Hamburg oder aus dem Ruhrgebiet in einem entlegenenWeiler des Bayerwalds, des österreichischen Mühlviertels oder der Innerschweiz in Ferien fuhr – für Londoner war nämlich das alte Yorkshire mit seinen Menschen im hohen Norden Englands – jedenfalls noch in den 1970ern, als  Bauernhöfe überhaupt erst Feriengäste aufzunehmen begannen und Jane Gardam den Roman schrieb – eine ähnlich urtümhaft ungewohnte, schwer verständliche Landschaft. Angereiste Kinder aber finden leicht Zugang zu einheimischen Kindern, haben kein Problem, die regionale Sondersprache  zu verstehen,  in sie einzutauchen und sogar anzunehmen – so wie hier der junge Harry Bateman, der bald eine verschworene Gemeinschaft mit dem etwas älteren, siebenjährigen Bauernsohn Bell Teesdale bildet. Da werden Kinder zu einer Brücke menschlichen Verstehens zwischen Erwachsenen.

Gemeinsam machen sie sich auf, die umliegende Welt zu erkunden. Es kommt zu Erlebnissen, die an vertraute Märchen und Kindergeschichten erinnern. Da ist etwa der Abstieg in die unterirdischen Verläufe eines längst aufgegebenen Bergwerkschachts, aus dem die beiden fast nicht mehr lebend herausfinden, nachdem sie durch herabstürzendes Gestein abgeblockt worden sind. Es folgen Geschichten, die offenbar auf Jahrhunderte alte Sagen und fantastische Erzählungen unter dem Bauernvolk von Yorkshire zurückgehen – der historischen Tiefenlandschaft voller Schichten aus Vergangenheiten mit Kelten, Wikingern und Römern; der Heimat. wo die Schriftstellerin geboren wurde. So wie Jane Gardam das das alles erzählt, hat es für die Leserinnen und Leser freilich ganz und gar nichts Kindheits-Nostalgisches. Sie schreibt davon mit solch intuitivem Spürsinn, mit solcher Genauigkeit in den Details, mit solch einer Frische der sinnlich realen Wahrnehmungen, dass es auch für uns zum Ur-Erlebnis eines neu gefundenen Landes wird („[Isabel Bogdan] hat das Buch makellos und mit merkbar großem Vergnügen übersetzt“, schreibt die FAZ zur deutschen Ausgabe zurecht.)

Die wiedergefundene Kindheit

Und, wie es im Gedicht eines großen deutschen Dichters so  wunderbar erfasst wird, „allem Anfang wohnt ein Zauber inne“. Hier wird er dank einer ganz speziellen Kunst Jane Gardams wirksam. Es gelingt ihr tatsächlich, Bells und Harrys Erst-Erkundungen der Welt durch alle Perspektivenwechsel und Nuancierungen der sieben, wie in sich abgeschlossenen Kapitel des Buches vollkommen aus dem Blickwinkel der beiden Jungen darzustellen, die zusammen – eine erzählerische Meisterleistung – die Art von Erlebens-Identität bilden, welche für die „Geheimwelt“ einer kindlichen Freundschaft kennzeichnend scheint. Wie denn Jane Gardam, die an allen literarischen  Moden und Strömungen vorbei ihren eigenen Weg gegangen ist, in unnachahmlicher Weise immer den Rhythmen und vitalen Bewegungen menschlicher Beziehungen auf der Spur geblieben ist.

„Eine perfekte Sommerlektüre“ – als solche hat eine Buchhändlerin diesen Roman ihrer Kundschaft im Juli und August empfohlen. Und damit lag sie natürlich auch richtig. Der anhaltende Erfolg des Romans – nicht nur in Deutschland – scheint jedoch in einer anderen Wirkungsmacht begründet. Es beginnt sich herumzusprechen, dass die Planung und Verwaltung der Kindheit durch überehrgeizige Eltern eine erzieherische Sackgasse unserer Zeit ist. Jane Gardams Bell und Harry aber ist ein Hoheslied der Freiheit, die Kinder für ihr Leben brauchen, und von dem unglaublichen Reichtum, den solche eine Freiheit ihnen bringen kann. So ist es nun, auf Weihnachten zu, eine so ideale wie bezaubernde Lektüre für die kommenden Monate von Herbst und Winter.

Gerhard Beckmann

Jane Gardam, Bell und Harry, Hanser Berlin, Roman. Aus dem Englischen von Isabel Bogdan, 192 S., 20 Euro

 

Gerhard Beckmann

Gerhard Beckmann schreibt hier regelmäßig über „große Bücher“,  für Ihre Gespräche mit Kunden, die auf der Suche sind nach besonderem und relevantem Lesestoff.  Die Idee dahinter haben wir beim Start der Serie erläutert: Im BuchMarkt und auf buchmarkt.de wollen wir „große Bücher“ klar und deutlich profilieren. Und damit auch die deutschsprachigen Verlage darauf hinweisen, dass Bücher in erster Linie ein durch nichts anderes zu ersetzendes Medium zur Kommunikation mit und unter Menschen und Lesern ist, mit denen unsere Verlage  darum auch wieder so zu kommunizieren lernen müssen, dass diese Bücher von den Menschen und interessierten Lesern überhaupt gefunden werden können, als Orientierungshilfen für Buchhändlerinnen und Buchhändler, insbesondere denen, die im Ladengeschäft „an der Front“ stehen.

Kommentare (1)
  1. Und wer hat das Buch übersetzt? Das ist doch eine wichtige Information, die hier nicht mitgeliefert wird. Aber sie kann vielleicht nachgereicht werden?

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