Bartholomäus Grill „Wir Herrenmenschen“ – ein überaus aktuelles und dringend notwendiges deutsches Sachbuch

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Die deutsche Kolonialherrschaft in Ost-West- und Südwestafrika, China und der Südsee fand mit dem Abschluss des Versailler Friedensvertrages am 28. Juni 1919 ein bitteres Ende. Bartholomäus Grills Wir Herrenmenschen wird aber nicht nur wegen dieses hundertsten Jahrestages große Beachtung finden – weil es das erste umfassende moderne Sachbuch zu diesem Thema ist. Er hat auch die  nötigen Qualitäten und äußeren zeitgenössischen Umstände für sich, um zum Longseller zu werden  – wie schon Grills Titel Ach Afrika (2003), von dem der Buchhandel als Hardcover, Paperback und Taschenbuch insgesamt mittlerweile fast 90.000 Exemplare verkauft hat.

Den Rahmen dieses Buches bildet eine bewegende persönliche Erzählung mit zeitlich, geographisch und politisch weiten Horizonten – eine Familiengeschichte , die über drei Generationen geht.

Der Großvater, geboren 1895, war ein leidenschaftlicher Anhänger der Kolonialbewegung, die in der Weimarer Republik für die Rückgabe der Kolonien kämpfte, die Deutschland mit dem Vertrag von Versailles verloren hatte; in seinen Vorstellungen lebte das kaiserliche deutsche Großreich fort. Der Vater, geboren 1928, hatte schon als Hitlerjunge gehofft, dass „der Führer“ diese überseeischen Gebiete zurückerobern würde. So wuchs Bartholomäus Grill, der Enkel, geboren 1954, im kindlichen Glauben an das alte deutsche Kolonialreich auf. Und mit dem Fund einer kolonialen großväterlichen Bibliothek inmitten des Gerümpels auf dem Dachboden des oberbayerischen Bauernhauses  begann in Bartholomäus Grill dann eine Sehnsucht nach dieser untergegangenen Welt zu erwachen, die ihn nie mehr losließ und seine berufliche Zukunft bestimmen sollte. Er schreibt:

„Ich wurde Korrespondent in Afrika, reiste dreißig Jahre lang kreuz und quer durch den Erdteil und stieß immer wieder auf Spuren der deutschen Kolonialzeit.“  Daraus ist nun eben das entstanden, was die beispiellose Faszination dieses historischen Sachbuchs ausmacht: Es wird für den Leser tatsächlich zu dem Erlebnis, das ihm der Untertitel Leser verspricht: zu einer persönlichen „Reise in die deutsche Kolonialgeschichte“.

Das Bild von den „guten und anständigen deutschen Kolonialherren“, mit dem Bartholomäus Grill aufwuchs, ist bei seinen oft erschütternden Erkundungen in Afrika und Asien endgültig zu Bruch gegangen. Insofern ist dieses Buch ein wesentlicher Beitrag zur historischen Aufarbeitung unserer Vergangenheit, die noch lange nicht abgeschlossen ist. Aktuell bedeutsam ist es freilich keinesfalls bloß wegen der hundertsten Wiederkehr des Tages, als Deutschland seine Kolonien verloren hat.

Es gab keinen „sanften deutschen Kolonialismus“

Es ist nämlich so, wie Bartholomäus Grill – ein Journalist, der, wie heute leider nur wenige seiner deutschen Kollegen, politisch denkt und mit selten gewordenem historischem Weitblick schreibt – in seinem Buch immer wieder erkennbar  macht: „Bis heute liegt ein gespenstisches Schweigen über den Verbrechen, die wir, der weltbeherrschende Westen“ – also auch die Deutschen, die, wenn auch nur bis 1919, und nur für kurze Zeit, landmäßig die drittgrößte europäische Kolonialmacht waren, nach Großbritannien und Frankreich, aber weitaus größer als die bis heute als „typisch“ verstandenen Kolonialstaaten Staaten Holland, Belgien, Portugal, Spanien wie die USA – „den Afrikanern und anderen Völkern angetan haben“. Dazu gehören – es sind charakteristische Elemente des Kolonialismus – „Landraub, Unterdrückung, Mord und Terror, institutionalisierter Rassismus“  und die Zerstörung der einheimischen Kulturen.  Kolonialistische Denkweisen aber sind  – trotz des Verlustes der Kolonien vor hundert Jahren – auch in Deutschland in vielfacher Weise bis heute virulent, wenn nicht gar für politisches Handeln maßgeblich. Es ist eine lange Entdeckungsreise, die Bartholomäus Grill von seinen Kindheitsträumen auf dem Dachboden des abgelegenen elterlichen Bauernhofes bis zu erschreckenden Folgewirkungen des kaiserlich deutschen Großreichs in der heutigen Berliner Republik geführt hat. Das gibt der Lektüre dieses Buches eine so hohe, so aktuelle Bedeutung.

Kolonialistische Denkspuren in aktueller deutscher Politik

Altes koloniales Denken prägt die politischen Strategiepläne der CDU/CSU/SPD-Regierung für eine Eindämmung und Rückstauung der befürchteten neuen Flüchtlingsströme – bis zu den von Bartholomäus Grill zitierten Gedankenspielen eines hochrangigen Beraters der Bundeskanzlerin, dafür in Afrika „Schutzzonen“ (!) zu etablieren. Ihm  war von Anfang an aufgefallen, dass die Afrikanerinnen und Afrikaner  in den kolonialen deutschen Erzählungen „keine Stimme“ hatten. Er hat notiert, dass nach 1945 deutsche Historiker über zwei Generationen versäumten, afrikanische Zeitzeugen der Kolonialzeit zu suchen und {deren} Berichte aufzuzeichnen. Und ist von mehr als nur anekdotischer Bedeutung, dass in den Fachbeirat für die Kolonialismus-Ausstellung des Deutschen Historischen Museums 2016/17 „kein einziger Afrikaner“ (!) zur Mitgestaltung eingeladen worden war.

Ein eminent wichtiges Buch im Kampf gegen Rechtspopulismus und  Neonazis

Bartholomäus Grills Wir Herrenmenschen beweist auf eklatante Weise, warum es auf besondere Bücher und den langen Atem des Lesens und der Beschäftigung mit solchen Büchern ankommt, um höchstgefährliche, tiefsitzende alte, in weiten Kreisen der Bevölkerung bewusst oder unbewusst vorherrschende Denkstrukturen zu verändern. Eben jetzt wird außerdem die enorme Gefahr deutlich, dass sie von Rechtspopulisten zur Ausweitung ihrer Einflusssphären missbraucht werden. Christian E. Weissgerber hat in einem vielbeachteten Interview mit Mark Reichwein in der Tageszeitung Die Welt zu seinem Enthüllungsbuch Mein Vaterland! darauf verwiesen, dass die Neonazis mit einem neuen Bewusstsein von der guten alten deutschen Kolonialzeit eine fast völkische, rassistische Abschottung gegenüber Flüchtlingen, Ansylanten und Migranten in Gang zu setzen versuchen. Daraus ergibt sich ein weiterer Anlass und Grund, für das neue Buch von Bartholomäus Grills viele Leserinnen und Leser zu gewinnen. Und seine Lektüre lohnt sich allemal. 

Gerhard Beckmann

Werktäglich schreibt hier Gerhard Beckmann über „große Bücher“,  für Ihre Gespräche mit Kunden, die auf der Suche sind nach besonderem und relevantem Lesestoff.  An jedem Werktag (also montags bis Freitags) soll ein neuer Beitrag erscheinen, er plant dazu auch ein zusätzliches  „Buch zum Sonntag“. 

Die Idee dahinter haben wir beim Start der Serie erläutert: Im BuchMarkt und auf buchmarkt.de wollen wir „große Bücher“ klar und deutlich profilieren. Und damit auch die deutschsprachigen Verlage darauf hinweisen, dass Bücher in erster Linie ein durch nichts anderes zu ersetzendes Medium zur Kommunikation mit und unter Menschen und Lesern ist, mit denen unsere Verlage  darum auch wieder so zu kommunizieren lernen müssen, dass diese Bücher von den Menschen und interessierten Lesern überhaupt gefunden werden können, als Orientierungshilfen für Buchhändlerinnen und Buchhändler, insbesondere denen, die im Ladengeschäft „an der Front“ stehen.  

Gestern schrieb Gerhard Beckmann über Sarah Kuttners Roman Kurt (S. Fischer)

 

Kommentare (2)
  1. Finde dieses Thema super spannend. Habe mich schon eigentlich oft gefragt, was da damals eigentlich los war. Werde dieses Buch gleich kaufen.

    Lieber CvZ
    mach weiter so und hör nicht auf!!!

    Herzliche Grüße vom Kamener Kreuz

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