Die Plattform für "Bücher, die Buchhändler und Leser bereichern" Aidan Truhen „Fuck you very much“ ist der Sensationsthriller eines anonymen – wahrscheinlich aber literarisch etablierten – englischen Autors

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Fuck you very much ist ein Thriller, der Dashiell Hammetts „hardboiled crime novel“  auf  eine neuartige, für unsere Zeit relevante Fassung bringt. Er stellt eine bitterböse Bloßlegung der heute dominanten IT-Industrie dar. Er unterzieht die  Mentalität, die Geschäftspraktiken und die Ziele von Internet-Bossen einer Fundamentalkritik – mit der satirischen Scharfsicht, die Jonathan Swift mit Gullivers Reisen in die englische Literatur eingeführt hat.

Niemand weiß, wer Aidan Truhen ist. „Aidan Truhen“ ist ein Pseudonym. Es kann sich meines Erachtens nur um das Pseudonym eines sehr erfahrenen Schriftstellers handeln – eines hochgebildeten literarischen Autors, der aus England kommen dürfte.

Sein Roman Fuck you very much ist ein außergewöhnlicher Thriller. Er gehört zur Klasse der „hardboiled crime novel“, die vor genau neunzig Jahren mit Dashiell Hammetts Detektivroman „Rote Ernte“ erstmals groß in Erscheinung trat. Er geht allerdings weit über die gewohnten Markierungen des Genres hinaus. Aidan Truhen führt eine besondere Art der Wirtschaftskriminalität unserer Tage vor. Und er tut es auf eine so atemberaubende Weise, dass einige Leser den Eindruck gewannen, er habe das bereits in die Jahre gekommene alte Genre revitalisiert.

In der Grundlinie der Handlung folgt „Fuck you very much“ ganz einem konventionellen, altbewährten Bauplan populärer Abenteuer- und Spannungsliteratur: Da steht Einer allein gegen eine Übermacht böser Zeitgenossen. Konkret ist das hier nun Jack Price – einer der Stillen im Lande,  wie es scheint, der in aller Ruhe nur seinen großen, bestens geregelten internationalen Geschäften nachgehen und unauffällig in Frieden leben möchte. Gerade darum erregt er aber den Neid eines mächtigen „Nachbarn“, der die weltweit berüchtigste, siebenköpfige Gang von Auftragskillern auf ihn ansetzt.

Da zeigt sich dann freilich eine alles andere als „klassische“ Konfrontation eines unauffälligen Menschen aus geordneten Verhältnissen mit Terroristen des organisierten Verbrechens. Jack Price entpuppt sich als einer, der im großen Stil mit Kokain, also mit illegalen Drogen handelt. Und – nach einer weiteren Drehung der Stellschrauben – befindet der Leser sich auch schon nicht mehr auf ein und derselben Plattform, wo zwei Kontrahenten – beide außerhalb des Gesetzes – miteinander gleichwertige Klingen kreuzen. Denn die Sieben Dämonen sind eine Gangsterbande, die  mit herkömmlichen Schreck- und Gewaltmethoden arbeitet. Jack Price dagegen hat für seinen illegalen Großhandel eine Geheimorganisation aufgebaut, die sämtliche Aktivitäten unaufspürbar digital abwickelt – und diese IT-Technologie, die er perfekt beherrscht, setzt er jetzt eben auch auf der schrägen Ebene seines Krieges gegen primitive Brutalos ein. Über sie triumphiert er, der Kopfmensch, schließlich in mehr als pervers schrägen Rache-Aktionen.

Die Sprache aber, mit der Jack Price, als Ich-Erzähler des Romans, die ganze Geschichte darstellt und kommentiert, wechselt  von brillant ausuferndem Witz zu haarkleinsten Beobachtungen, von  bodenlosen Gemeinheiten und Plattitüden zu den schwindelnden Höhen einer maßlosen Selbstüberheblichkeit. „Fuck you very much“ ist ein Thriller, bei dessen Lektüre es einem laufend den Atem verschlägt. Und  Jack Price wirkt manchmal auch wie die Comic-Show-Nummer eines geilen Spitzenmanagern, bei dessen  PR-Erfolgs-Arien man sich fragt: Ist er nicht hinreißend? Einfach bewundernswert? Aber ist er wirklich so, wie er tut? Nimmt er Kokain? Ist er ein Psychopath?

So scheint der Thriller denn auch weithin gelesen und verstanden worden zu sein – als eine abnorm bzw. extrem individuelle Geschichte einer Einzelpersönlichkeit. Als fiktive Ausnahme-Biographie, deren Super-Kick nicht zuletzt aus der meisterlichen Einarbeitung IT-technologischer Umstände rührt. Derart gelesen und interpretiert, konnte Aidan Truhens „Fuck you  very much“ weithin wohl auch nur nach den üblichen Speed-Konsum-Kriterien des Genres „Thriller“ beurteilt und eben als verdammt gute „Unterhaltung“ eingestuft  werden.

Damit ist aber die wahre Ausnahmequalität, sind der Fokus und das Thema dieses Romans überhaupt noch nicht auf dem Bildschirm. Zentral geht‘s hier nämlich um die Konsequenzen der IT-Technologie-Wirtschaft für Mensch und Gesellschaft. „Fuck you very much“ ist  der erste Roman, der dieses hochaktuelle Thema ernsthaft literarisch aufgreift und gestaltet. Dabei nimmt Aidan Truhen  auf einen radikal-kritischen Ansatz Jonathan Swifts in „Gullivers Reisen“ (1725) Bezug, dessen Bedeutung und Relevanz erst in jüngster Zeit erkannt worden ist.

Die neue Wahrnehmung Swifts ist von dem bedeutenden Geisteswissenschaftler Harold Bloom  (an der amerikanischen Universität Yale) ausgegangen. Im Bewusstsein der immer unabweisbareren Gefahren, die – unter zunehmender Verdrängung humanistischer Bildungs- und Wissensgüter, Orientierungsoptiken und Verbindlichkeiten – durch das dampfwalzenartige Vordringen der Natur- und Technikwissenschaften sowie neuer Technologien für die Menschheit heraufziehen, entdeckte Harold Bloom ein zuvor nicht wahrgenommenes Kernteilchen des  Swiftschen Klassikers.

Dass Swift vis-a´-vis dem rationalistischen Denken seiner (Aufklärungs-) Zeit und ihrer Wissenschaften eine allgemein kritische Position einnahm, ist sogleich bemerkt und nie vergessen worden. Was Harold Bloom Mitte der 1990er Jahre jedoch neu entdeckt hat, ist aktuell von enormen Bedeutung: Swift hat, als erster politisch denkender Autor der Moderne, in „Gullivers Reisen“ die Kollateralschäden thematisiert, die auf eine Gesellschaft zukommen, die wissenschaftlichem Fortschritt huldigt  und ihm in ihren politischen Planungen uneingeschränkt  folgt. Swift hat  auf den Preis hingewiesen, den sie dafür zu zahlen hat.

Gulliver macht auf Lapida Bekanntschaft mit einer Spezies, für die  Theoriebeflissenheit und Gier auf immer neuere technische Novitäten   charakteristisch sind. Seinen  Herrn und Meister bei den Houyhnhnms, einer anderen Spezies, aber treibt die große Angst um, dass dabei der gesunde Menschenverstand beschädigt wird und der Kompass für einen richtigen Umgang mit den Gegebenheiten der Welt verloren geht – dass „die  Korrumpierung der Vernunft noch etwas viel Schlimmeres sein könnte als bloße  physische Brutalität“. Für Swifts Gulliver wird es schließlich in einer totalen Miss-und Verachtung alles Menschlichen sichtbar.

Diese visionäre Einsicht Swifts hat Aidan Truhen sich für seinen Thriller zu eigen gemacht – um die Auswirkungen der heutigen IT-Technologie auf den springenden Punkt zu bringen. Mit diesem Ziel vor Augen, hat er sich  Jonathan Swift auch noch in einer anderen Hinsicht zum Vorbild genommen.  Swift nutzte für  „Gullivers Reisen“ eines der erfolgreichsten Genres seiner Zeit als Genre-Vorlage – das Reisebuch.  Und Aidan Truhen nutzt nun eine der populärsten heutigen Erzählformen,  um uns die Brutalität  der fortlaufenden  Digitalisierung vor Augen  zu führen  –  den Thriller.

Ein literarisches Pilot-Projekt zur „Korrumpierung der Vernunft“ durch die vorherrschende IT- Technologie

Es ist nicht „das Genre“ mit den Mechanismen seiner Spannungsdynamik, das für ein Grundverständnis dieses spezifischen Thrillers adäquat wäre. Hier dienen Fakten und technologische Zusammenhänge nicht etwa als Hilfsgeneratoren zur Erzeugung von noch mehr Spannung und Nervenkitzel, sondern, umgekehrt: Über die formalen Genre- Schemata wird überdeutlich ein kritischer Sachverhalt als „nervus rerum“ offen ins Spiel gebracht.

Jack Price gibt sich klar als führender Repräsentant des heutigen IT-Unternehmertums und seines Leitspruchs „Die Zukunft ist rosig“ zu erkennen. „Ich bin Amazon, ich bin das Uber der illegalen Drogen“, erklärt er stolz. „Ich liefere per Crowd-Paketlieferdienst, alles Einzelaufträge für Freiberufler mit Null-Stunden-Vertrag, die Microjobber der Giga-Economy.“  Und er gibt durchgängig, aber zunehmend deutlicher und lauter zu verstehen, dass er, als Herrscher der fortschrittlichen virtuellen Sphären, das Recht für sich beansprucht, die Welt, so wie sie heute noch real sind,  nach seinen Vorstellungen und nach seinem Willen umzugestalten. Widerstände haben für ihn keine Berechtigung; gegen sie geht er  hemmungslos aggressiv vor. Jack Price ist, bis in kleinste Details, ein Abbild – die Personifikation  – der heutigen Kommerz getriebenen IT-Technologie, deren gefährliche Tendenzen in immer mehr Sachbüchern unübersehbar an die Wand gemalt werden. (So  jüngst etwa von Sarah Spiekermann. Ich halte ihre „Digitale Ethik. Ein Wertesystem für das 21. Jahrhundert“, aus dem Droemer Verlag, für das beste Sachbuch zu diesem Thema.)  Mit anderen Worten: Aidan Truhens Thriller ist die literarische Konfiguration eines fundamentalen Problems, das  uns heute gesellschaftlich, politisch und psychisch Angst macht. Es ist das Problem der Folgen jener „Korrumpierung der Vernunft“, die Jonathan Swift in „Gullivers Reisen“ für die modernen Gesellschaften als Gefahr vorhergesagt hat.

Aidan Truhens IT-„Held“ Jack Price  – die „entmenschlichte Kreatur“

Der berühmte englische Evolutionswissenschaftler Gregory Bateson hat sie in den 1960ern anhand eines besonderen modernen Symptoms charakterisiert, dem Aidan Truhen auf schockierende Weise ebenso personalisiert hat. Es handelt sich um Verengung des Blickfeldes, bei der Individuen aus ihrer Wahrnehmung all das ausklammern oder verdrängen, was sie im Befolgen ihrer professionellen Ausgaben für eine große hoch technisierte Organisation stört. Es betrifft insbesondere mitmenschliche Anforderungen. Es führt zur Ausschaltung des Gewissens. Es korrumpiert sie mental bis zu dem Punkt, dass sie, wie  Jack Price,  als „entmenschlichte Kreatur“ denken und handeln.

Genau das ist es aber, was diesen Thriller am Ende so nachhaltig erschreckend macht. Im ersten Schwung des Lesens merkt man’s vielleicht nicht gleich, oder es wird einem nicht in aller Deutlichkeit bewusst: Dieser Jack Price äußert in seinen Schilderungen und Reflexionen nie und nirgends auch nur ein Quäntchen von persönlichen Emotionen, von menschlichem Mitgefühl, sozialem Bewusstsein oder „Werten“.  Er handelt, und das eben nicht nur im unmittelbaren Kampf mit den Sieben Dämonen, sondern auch gegenüber gänzlich Unschuldigen und Harmlosen, als ob Menschen mit Leib und Seele ein Überbleibsel aus längst vergangenen Zeiten wären, das er nach Lust und Laune „entsorgen“ könnte.

Dieser Jack Price, der – „ich bin Amazon“ – seinen Kunden einen perfekten Service bietet und mit jeder Lieferung von sich abhängiger macht, gibt uns am Ende, wie im genialen Titel des Buches, unmissverständlich zu verstehen, wir seien ihm scheißegal,  wir könnten ihm mal am Arsch lecken: „Fuck you very much“.

Dass Jack Price uns als Leser über die Maßen fasziniert und schließlich grauenhaft entsetzt, dass der Thriller „Fuck you very much“  uns so grandios fesselnd unterhält und schließlich zu einer ungeheuer wichtigen Erkenntnis leitet – dafür schulden wir diesem uns unbekannten, vermutlich englischen Autor unter dem Pseudonym Aidan Truhen Dank. Er hat ein intellektuelles Husarenstück vollbracht, mit einem Thriller,  der Literatur in einer Höchstform ethischen Erzählen bedeutet.

Gerhard Beckmann

Gerhard Beckmann schreibt hier regelmäßig über „große Bücher“,  für Ihre Gespräche mit Kunden, die auf der Suche sind nach besonderem und relevantem Lesestoff.  Die Idee dahinter haben wir beim Start der Serie erläutert: Im BuchMarkt und auf buchmarkt.de wollen wir „große Bücher“ klar und deutlich profilieren. Und damit auch die deutschsprachigen Verlage darauf hinweisen, dass Bücher in erster Linie ein durch nichts anderes zu ersetzendes Medium zur Kommunikation mit und unter Menschen und Lesern ist, mit denen unsere Verlage  darum auch wieder so zu kommunizieren lernen müssen, dass diese Bücher von den Menschen und interessierten Lesern überhaupt gefunden werden können, als Orientierungshilfen für Buchhändlerinnen und Buchhändler, insbesondere denen, die im Ladengeschäft „an der Front“ stehen. 

Zuletzt schrieb Gerhard Beckmann über Andrea Wulfs Graphic Novel „Die Abenteuer des Alexander von Humboldt“

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