Beckmanns Große Bücher, die Buchhändler und Leser bereichern „Wann wird diese Hölle enden?“ ist eines der wichtigsten Zeitzeugen-Dokumente zum Holocaust und zum Zweiten Weltkrieg. Eine bewegende, unvergessliche Lektüre.

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Wann wird diese Hölle enden?“ von Mary Berg ist der erste Augenzeugenbericht über das Warschauer Ghetto. Geschrieben  von einem jüdischen Mädchen im Alter von 15 bis 17 Jahren. Endlich  –  74 Jahre nach der Erstveröffentlichung in den USA – auch  in deutscher Übersetzung erschienen:  eines der wichtigsten Zeitzeugen-Dokumente zum Holocaust und zum Zweiten Weltkrieg. Eine bewegende, unvergessliche Lektüre.

Am 14. März schälten sich bei Einbruch der Nacht allmählich die Umrisse der amerikanischen Küste aus dem Nebel. Die Passagiere gingen an Deck und säumten die Relings.  Ich musste an die biblische Geschichte von der Sintflut  und an die Arche Noah denken, als sie endlich auf trockenes Land stieß. Den ganzen Tag über fühlte ich mich wie erschlagen, als müsste ich die Last von vielen, vielen Jahren tragen. An diesem Abend nahm ich nicht am Unterhaltungsprogramm teil. Ich lag an Deck in einer Ecke und lauschte dem Klang der Wellen, die immer stürmischer wurden. Am 15. März fuhr unser Schiff auf New York zu. Menschen, die über Jahre hinweg ihr Elend geteilt hatten, begannen sich zu verabschieden. Auf allen Gesichtern lag ein Ausdruck fieberhafter Erwartung.  Ich sah die Wolkenkratzer von New York, aber meine Gedanken waren in Warschau.“

Warum das 19jährige Mädchen Mary Wattenberg sich für die Veröffentlichung  ihres Tagebuches unter dem Autoren-Namen Mary Berg entschieden hat

Es war Mary  Wattenberg, die mit ihren Eltern und der Schwester Anne am 16. März 1944 New York erreichte. Sie kam an Bord jenes Schiffes – der SS Gripsholm – , welches das US-Außenministerium von der schwedischen Reederei Svenska-Amerika Linien  zum Austausch von deutschen Gefangenen in den Vereinigten Staaten mit ausländischen Häftlingen der Nazis gemietet hatte. Nach Anlegen des Schiffes begegnete sie dem jiddischen Journalisten S.I. Shneiderman. Ihm erzählte sie von den zwölf kleinen Notizbüchern, in denen sie – auf Polnisch – über die Erlebnisse ihrer Familie im Warschauer Ghetto Tagebuch geführt hatte –  in „winzigen Buchstaben auf eng beschriebenen Seiten“, wie Shneiderman sich später erinnerte. Und „aus Angst, die Bücher könnten eines Tages den Nazis in die Hände fallen, schrieb Mary ihre Aufzeichnungen in einer selbst erfundenen Kurzschrift, bei der sie für die darin erwähnten Menschen nur die Anfangsbuchstaben [ihrer Namen] verwendete.“

In den folgenden Monaten hat Shneiderman die Notizen zusammen mit Mary Wattenberg entziffert. Sie kam seiner Bitte nach, hier und da „bestimmte Gegebenheiten und Umstände näher zu erläutern, die andernfalls Leser nicht nur in Amerika, sondern auf der ganzen Welt vor Rätsel gestellt hätten“. Die Anfangsbuchstaben der im Tagebuch erwähnten Personen ersetzten sie durch deren volle Namen – sofern die beiden sicher sein konnten, dass sie nicht mehr lebten. Den eigenen Namen aber hat die  Tagebuch-Autorin für Publikation zu „Mary Berg“ verkürzt –  um Familienangehörige und Freunde,  die möglicherweise in Polen noch am Leben waren, vor Verfolgung durch die Nazis zu schützen.

S.I. Shneiderman hat dieses polnische Tagebuch dann ins Jiddische übersetzt und so als Fortsetzungsserie in der Zeitschrift {Der Morgen} publiziert. Die englische Übersetzung durch Norbert Gutermann und Sylvia Glass wurde im Herbst 1944 – ebenfalls in Fortsetzungen – von der New Yorker Zeitschrift {P.M.} und vom {Jewish Contemporary Record} gedruckt. Die New Yorker Exil-Zeitung {Aufbau} hat vom 22. September 1944 bis zum 19. Januar 1945 die deutschsprachige Übersetzung von Mary Graf  gebracht. Unter dem Titel  {Warsaw Ghetto: A Diary} ist der komplette Text im Februar 1945 beim New Yorker Verlag I.B. Fischer als Buch erschienen.

Das Tagebuch kam noch vor Ende des Zweiten Weltkriegs heraus – bevor das ungeheuerliche Ausmaß der Nazi-Verbrechen mit all ihren schändlichen Einzelheiten  in der westlichen Welt bekannt geworden war. Hier wurden also erstmals die Geschehnisse von der Errichtung des Warschauer Ghettos bis zum Beginn der  Deportationen (zwischen Juli und September 1942) publik.  Es war, wie S.I. Shneiderman im Vorwort zu einer späteren polnischen Ausgabe des Tagebuchs betonte, zu jener Zeit „der einzige Augenzeugenbericht, den wir haben“ – auch eine frühe direkte Quelle für den Einsatz von Giftgas gegen die jüdischen Menschen in Treblinka. Das große  öffentliche Echo, das bis in  die  wäre schon allein von der Dimension  der damals neuen Fakten  her  zu erklären. Er hat jedoch zudem hohe Qualitäten, die darüber weit hinausreichen: Qualitäten, die dem Tagebuch  bis heute einen fast einzigartigen Rang und Wert verleihen. Dazu gehört nicht zuletzt ein Aspekt, den die bedeutende amerikanische Theologin Alice Eckardt, die sich in der Förderung jüdisch-christlicher Beziehungen hohe Verdienste  erworben hat , vierzig Jahre später  mit folgenden Worten skizziert hat:

„Jetzt, wo das schlimme Schicksal des Ghettos allgemein bekannt ist, ist es um so wichtiger, dass wir Details zum Alltagsleben {der jüdischen Menschen} dort erfahren, das sich dort trotz der grauenvollen Umstände fortsetzte und zuweilen sogar erblühte. Sie verleihen dem Buch eine Lebendigkeit und gleichzeitig eine Eindringlichkeit, die ihresgleichen sucht.“

Die Religion spielte für Mary und ihren Kreis von künstlerisch interessierten Jugendlichen – sie führten beispielsweise Konzerte mit berühmten Pianisten durch, die nur mit Hilfe von Gelegenheitsjobs überleben konnten  – eine bedeutsame Rolle. Sie organisierten –was unter Androhung der Todesstrafe verboten war – heimlich Feiern jüdischer Feste und Gottesdienste. Sie versuchten, Ärmeren, schlimmeres  Ungemach Leidenden zu helfen. Mary gehörte – auch als Tochter einer Mutter mit amerikanischem Pass, die durch eine US-Flagge am Mantelaufschlag  und an der Wohnungstür wie durch einen Talisman geschützt war,  – einer privilegierten Minderheit an, der es vergleichsweise erträglich ging. Sie wurde  aber Zeugin eines Tag zum Tag wachsenden Elends, weil sie sich innerhalb des Ghettos relativ  frei bewegen konnte, und nahm mit offenen Augen alles wahr, sie nahm an allem teil, was in der näheren und weiteren Umgebung um sie herum vorging. Und eben darüber führte sie  Tagebuch –  teils  das Unfassbare in klaren Worten für sich selbst irgendwie fassbar zu machen; teils, um ihre  emotionalen Reaktionen darauf unter Kontrolle zu bringen; zunehmend jedoch in dem Bewusstsein, das alles für die Außen- und Nachwelt aufschreiben und dokumentieren zu müssen.  Im Zusammenwirken dieser unterschiedlichen  Motivationsschübe und Perspektiven ist Mary Berg eine erzählende Berichterstattung mit ganz eigener inneren Spannung und Überzeugungskraft gelungen .

Ein Tagebuch mit besonderer Authentizität, Genauigkeit im Detail und Glaubwürdigkeit

Mary Berg gibt ein erschütterndes, umfassend genaues Bild von den Zuständen  im Ghetto. Sie schildert,  wie die eingepferchte jüdische Bevölkerung sich unter dem Druck der Nazis selbst organisiert. Sie macht kein Hehl aus den sozialen Unterschieden und  bösen Ungerechtigkeiten,  die sie entzweien; aus den Schuldgefühlen, die ihr als einer Bessergestellten zu schaffen machen. Sie benennt die Fälle von Fehlverhalten und Verrat in den eigenen Reihen. Sie zeichnet den Mut, mit dem sich viele gegen die Versuchung wehren, sich einfach in die Umstände zu schicken. Bei ihr wird auch der aktive Widerstand und Kampf sichtbar, der sich gegen die Unterdrücker regt.  Die Objektivität und Sachlichkeit ihres durchaus auch selbstkritischen Blicks ist phänomenal. Sie verleihen ihrer Darstellung uneingeschränkte Glaubwürdigkeit.

So wie ihre schlichte, nüchterne Schreibweise die außergewöhnliche Authentizität ihrer Beobachtungen und ihrer Darstellung bekundet.  Nur zur Verdeutlichung folgendes Beispiel : „ Im Ghetto wird es immer voller angesichts des steten Zustroms von neuen Flüchtlingen. Das sind Juden aus der Provinz, die all ihres Hab und Gutes  beraubt wurden. Bei ihrer Ankunft spielt sich immer die gleiche Szene ab. Der Wachtposten am Tor überprüft die Identität des Flüchtlings, und wenn er feststellt, dass des sich um einen Juden handelt, versetzt er ihm einen Stoß mit seinem Gewehrkolben als Zeichen, dass er unser Paradies betreten darf. Diese Menschen sind zerlumpt und haben die traurigen Augen von Hungernden. Die meisten sind Frauen und Kinder. Sie kommen in die Obhut der Gemeinde, die sie in sogenannten Heimen unterbringt. Dort sterben sie früher oder später. Ich habe ein solches Flüchtlingsheim besucht., Es ist ein trostloses Haus. Die Wände der ehemals getrennten Zimmer wurden eingerissen, um große Säle zu schaffen, es gibt keine Toiletten, und die Wasserleitungen sind zerstört. An den Wänden stehen Feldbetten aus mit Lumpen bedeckten Brettern. Hier und da liegt ein schmutziges rotes Federbett herum. Auf dem Boden sah ich halb nackte Kinder teilnahmslos daliegen. In einer Ecke saß ein bezauberndes kleines Mädchen von vier oder fünf Jahren und weinte. Ich konnte mich nicht zurückhalten, ihm über das zerzauste blonde Haar zu streicheln. Das Kind sah mich mit seinen großen blauen Augen an und sagte:   ‚Ich habe Hunger.‘“

Es sind die ganz offenbare Grundehrlichkeit und Menschlichkeit dieses Tagebuchs, welche die unmenschlichen Greuel und Verbrechen der Nazis im Warschauer Ghetto, die  Mary Berg im einzelnen benennt und aufzeichnet, in ihrem vollen Schrecken unmittelbar hervortreten lässt.

Es ist von immenser Bedeutung, dass es nun  endlich auch auf Deutsch erschienen ist. Die Publikation ist hochaktuell. Das Tagebuch ist das richtige Buch zur rechten Zeit – weil inzwischen nur noch wenige Zeitzeugen am Leben sind, die uns den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg unmittelbar vergegenwärtigen könnten. Und es ist um so wichtiger, alldieweil uns mit diesem Buch sozusagen druckfrisch ein Zeitzeugnis in dem genauen Wortlaut gegeben wird, mit dem es vor 74 Jahren, noch ganz unter den unmittelbaren Eindruck der Erlebnisse, abgelegt worden ist. In unserer Erinnerungskultur sollte wieder präsent werden, wie die jüdische Bevölkerung die Menschheitstragödie des Warschauer Ghettos damals wahrnahm, empfand und verstand.  

Mary Bergs Tagebuch macht es deutlich. Wie ihre Leidensgefährten sah sie bei den Tätern durchweg keinen Unterschied  zwischen Nazis und Deutschen. In einem Augenblick totaler Verzweiflung über den Verlauf des Krieges kommt es bei einer emotional völlig überwältigten Mary Berg am 20. September 1941 zu dem erschreckenden Ausbruch:  „Werden die Deutschen den Krieg gewinnen? Nein, tausendmal nein! Deutschland muss vom Angesicht  der Erde hinweggefegt werden. Ein solches Volk sollte nicht existieren dürfen. Kriminell sind ja nicht nur die uniformierten Nazis, sondern alle Deutsche, die gesamte Zivilbevölkerung, die sich an den Früchten der Plünderungen und der Morde erfreut, die ihre Ehemänner und Väter begehen.“ 

 

Gerhard Beckmann

Regelmäßig schreibt hier Gerhard Beckmann über „große Bücher“,  für Ihre Gespräche mit Kunden, die auf der Suche sind nach besonderem und relevantem Lesestoff.  An jedem Werktag (also montags bis Freitags) soll ein neuer Beitrag erscheinen, dazu auch immer mal ein zusätzliches  „Buch zum Sonntag“. 

Die Idee dahinter haben wir beim Start der Serie erläutert: Im BuchMarkt und auf buchmarkt.de wollen wir „große Bücher“ klar und deutlich profilieren. Und damit auch die deutschsprachigen Verlage darauf hinweisen, dass Bücher in erster Linie ein durch nichts anderes zu ersetzendes Medium zur Kommunikation mit und unter Menschen und Lesern ist, mit denen unsere Verlage  darum auch wieder so zu kommunizieren lernen müssen, dass diese Bücher von den Menschen und interessierten Lesern überhaupt gefunden werden können, als Orientierungshilfen für Buchhändlerinnen und Buchhändler, insbesondere denen, die im Ladengeschäft „an der Front“ stehen. 

Zuletzt schrieb Gerhard Beckmann über Der Fall von Singapur von Ross Thomas.

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